"Fleißige Lieschen" für Ilona Groß

Von der Verwaltungsarbeit als Haifischbecken und warum sie trotzdem fesselt, hörten die Gäste Mittwochnachmittag im Triebler Kultursaal. Bürgermeisterin Ilona Groß hatte zur Feier ihres 40-jährigen Dienstjubiläums eingeladen

Triebel Auf den Tag genau, am 15. September 1981, hatte sie ihren ersten Arbeitstag im Grenzdorf Posseck. Mit erst 26 Lenzen zog Ilona Groß geborene Kühn damals in die Amtsräume des schlossartigen Herrenhauses ein. Jetzt am Rednerpult vor all den Geschenken und Blumen nimmt sie ihre Gäste auf eine Zeitreise mit. Die soll nicht zu trocken werden, deshalb lässt die Jubilarin erst mal anstoßen. Dass im Saal auch ihre 91 Jahre alte Mutter und ein langjähriger Weggefährte wie Rudolf Schwab sitzen, ist ihr eine besondere Freude.
In Posseck aufgewachsen, mit Eltern, die in der Landwirtschaft arbeiten, hatte sie nach dem Abitur von einem Fremdsprachen-Studium geträumt. Daraus wird nichts, dafür erwirbt sie den Abschluss als Bürokauffrau. Von der Arbeit in einem Oelsnitzer Textilbetrieb pausiert sie drei Jahre nach der Geburt ihrer Tochter Silvana, engagiert sich in der Jugendarbeit und wird 1979 als jüngste Abgeordnete in den Possecker Gemeinderat gewählt. Ein Problem entsteht mit der Krankheit von Bürgermeister Herbert Zobel. Wessen Vorschlag der Rat des Kreises Oelsnitz folgt und der jungen Mutter die Nachfolge anträgt, kann Ilona Groß im Nachhinein nicht mehr sagen. Sie erklärt sich einverstanden - dabei traut sie sich die Aufgabe gar nicht zu. "Müsste nicht ein älterer gestandener Mann das Amt übernehmen?", schildert sie ihr Bedenken. Am 10. September 1981 wird sie als jüngste Bürgermeisterin eines Grenzdorfs gewählt. Kein unwichtiger Posten, Posseck mit seinen rund 380 Einwohnern liegt an einer Nahtstelle des Eisernen Vorhangs. "Die Mitgliedschaft in der SED gehörte dazu", erklärt die Jubilarin. Dass sie schnell in die Arbeit hineinwächst, dankt sie 40 Jahre später ihren Mitarbeiterinnen von damals, darunter Elfriede Herrmann, die als 92-Jährige Ehrengast ist. "Wir hatten Geld, aber kein Material und keine Bau-Kapazitäten. Wir mussten aus wenig viel machen", blickt Groß zurück. Das erste Dienstfahrzeug ist ein Moped, Marke "Schwalbe". Zu Dienstberatungen in der Stadt geht es mit dem Linienbus. Versammlungen in den Abendstunden häufen sich. "Wärst du lieber nicht Bürgermeister geworden", erinnert sich Groß an einen Seufzer ihrer kleinen Tochter.
Mit "einem mulmigen Gefühl" setzt sie ihren Fuß zum ersten Mal auf bayrisches Gebiet. Die Grenzöffnung feiern Posseck und Nentschau am 21. Dezember 1989 gemeinsam, "einen Tag der ewig in Erinnerung bleibt", sagt die Jubilarin. Der Umbruch - begleitet vom Erfahrungsaustausch und gemeinsamen Sitzungen mit dem Gemeinderat von Regnitzlosau - erfordert Umdenken und Neubeginn. "Als erstes habe ich meinen Parteiausweis abgegeben", erzählt die Bürgermeisterin. Einer anderen Partei hat sie sich seitdem nicht mehr zugewandt, sie will "neutral bleiben". Nach der Fortbildung an der Verwaltungsfachschule Frankenberg kann Ilona Groß 1992 Beamtin werden. "Das Wichtigste", so ihr Fazit, "war learning by doing". Die Herausforderungen reißen nicht ab. Mit der Gründung der Einheitsgemeine Triebel 1993 gilt es für die Kommunalpolitikerin ohne die Hausmacht einer eigenen Fraktion den Konsens mit den alteingesessenen Freien Wählern von Triebel zu finden. Dass klappt nicht reibungslos, aber dass die Arbeit im Gemeinderat Früchte trägt, ist auch an den erfolgreichen Projekten der Dorfsanierung in den Ortsteilen abzulesen. In Wiedersberg wurde das Areal der Burgruine und der Dorfplatz am Rittergut zu Vorzeigeobjekten, Sachsgrün und Posseck haben einladend gestaltete Dorfplätze. In Triebel entstand die Wehrkirche auf dem Hügel neu aus der Sturmruine von 1988, ein Schmuckstück mit vielfältiger Verwendung, für welches Groß ihr "Bauteam" und den Förderverein mit Udo Seeger nicht genug loben kann. Bürgermeisterin und Rat stellten die Weichen mit der Übernahme der Kirche in kommunalen Besitz. Hier verhilft Ilona Groß seit 2019 Paaren als "Eheschließungsstandesbeamtin" ins neue Glück. Wortkarg wird die Gemeindechefin bei der Frage nach dem Schloss in Posseck. Hier hat der Misserfolg mit einer Investorin zum wohl endgültigen Verfall eines Baudenkmals geführt.
Seit der Kommunalwahl 2001 ist Ilona Groß im Ehrenamt tätig. In der Verwaltungsgemeinschaft mit Oelsnitz - zu der auch Eichigt und Bösenbrunn gehören - werden Aufgaben wie Steuern, Bescheide, Finanzen, Gewerbe, Ordnung und Einwohnermeldewesen von der Stadt wahrgenommen. Ilona Große ist für OB Mario Horn eine kompetente, aber nicht widerspruchfreie Gesprächspartnerin. Acht Bürgermeisterwahlen hat die 66-Jährige ohne Wahlkampf - weil ohne Gegenkandidaten - gemeistert. "Weil du die beste warst", wirft der Oelsnitzer Lupart ein. Menschen zuzuhören und sich für ihre Belange einzusetzen, nennt Groß ihr Anliegen. Sie wolle - immer mit Rückenwind von der Familie - keine Stunde ihrer Amtszeit missen. Nie sei es ihr Wunsch gewesen, die Karriereleiter zu besteigen. Zur Wahl am 12. Juni 2022 (zeitgleich wird der neue Landrat gewählt) will Groß nicht mehr antreten. Sie stehe für einen Generationswechsel und sei zuversichtlich, dass sich ein Nachfolger findet.
"40 Jahre im Haifischbecken der öffentlichen Verwaltung sind eine äußerst respektable Leistung", findet Dr. Uwe Drechsel, der Stellvertreter von Landrat Rolf Keil. "Sie haben alles richtig gemacht, vertrauensvoll mit dem Gemeinderat zusammengearbeitet und eindrucksvolle Spuren hinterlassen", würdigte er die Jubilarin. Groß habe alle Fördermöglichkeiten genutzt, um die Dorfkerne zu sanieren und so viel für die Bürger erreicht. "Wir haben oft in der Sache gestritten, aber fair und freundlich im Ton. Dein Wort zählt und hat Gewicht", zollt auch OB Mario Horn Respekt. Renate Wöllner