Fit für die Mars-Mission auf Erden

Wenn irgendwann Menschen zum Mars fliegen, dann hat Anika Mehlis ein Quäntchen dazu beigetragen. Die 37-jährige Plauenerin will Analog-Astronautin werden. Ausgebildet wird sie am Österreichischen Weltraum Forum.

Von Cornelia Henze

Plauen - Die Reise zum Mars ist für manche gedanklich noch so weit, wie der Rote Planet selbst. Auf dem Mars spazieren gehen, das wird sie wohl nie, da ist sich Anika Mehlis sicher. Aber so tun, als ob sie dort wäre, das verspricht der Forschungseinsatz im Herbst 2020 in der Wüste Israels am Ramon-Krater. "Da will ich dabei sein", sagt die Vogtländerin.
Am Anfang stand eine Zeitungsannonce, in der das Österreichische Weltraum Forum Männer und Frauen für die Ausbildung zum Analog-Astronauten suchte. "Das klang interessant. Und ich hab' gedacht: Wenn ich mich da nicht bewerbe, bereue ich das." Bei der ersten Bewerberrunde hat man 30 von 100 Anwärtern nach Innsbruck eingeladen: Anika Mehlis war dabei. Unter all den Akademikern, ambitionierten Physikern, Medizinern oder Biologen aus ganz Europa mit Lizenzen zum Tiefseetauchen oder Fallschirmspringen schaffte es Anika Mehlis in die Top 14. Zu einem schon bestehenden Sextett kam ein weiteres plus zwei Kandidaten aus Israel ins Team. Als Mikrobiologin und Ingenieurin, die aktuell ihre Doktorarbeit über "Öffentliches Gesundheitswesen" schreibt, passt die Plauenerin hervorragend in die Astro-Crew. Gemeinsam mit Dr. Carmen Köhler gehört sie zu den einzigen Frauen und zugleich Deutschen im Team.
Um Analog-Astronaut zu werden, kommt es nicht unbedingt auf den Tauchschein und Co. an. Da zählten Soft-Skills wie das ruhige, strukturierte arbeiten - auch unter Stress und Zeitdruck. Die Kandidaten müssen körperlich und psychisch fit sein, und die Körpermaße müssen stimmen, um in den 50 Kilo schweren Raumanzug zu passen. "Man muss einfach gut funktionieren. Muss führen können und sich führen lassen, fähig sein zur Selbstkritik", so Mehlis.
Der Fokus der simulierten Mars-Expedition liegt auf dem schweren Raumanzug sowie der Entwicklung und den Tests von Arbeitsabläufen. Von der Erde aus testen die Analog-Astronauten, wie es sich leben und arbeiten lässt in der schwergewichtigen Montur. Bis drei Stunden braucht Anika Mehlis, um den Anzug anzuziehen - eine weitere, um sich wieder "herauszuschälen". "Das Leben der Raumfahrer hängt von dem Anzug ab. Da muss alles stimmen", weiß die angehende Analog-Astronautin. Das spezielle Material des Anzugs muss den sehr scharfkantigen Mars-Staub aushalten, widerstandsfähig sein, den Träger vor Kälte und Hitze schützen. Hightec kühlt den Anzug und sorgt dafür, dass der Astronautenkörper nicht erhitzt - er reguliert den Sauerstoffgehalt und misst den Herzschlag.
Alle zwei Jahre führt das ÖWF eine Versuchsmission in einer dem Planeten Mars ähnelnden Gegend durch - so zum Beispiel Steinwüsten im Oman und Marokko, so ÖWF-Pressesprecherin Monika Fischer. Dort werden Daten gesammelt über den menschlichen Einsatz in Extremsituationen. Beteiligt seien wissenschaftliche Institute. Diese steuern wissenschaftliche Experimente aus Medizin, Biologie, Geologie bei, welche die Probanten auf der Erde testen. Es läuft eine Kooperation mit der ESA zur Materialentwicklung.
Um sich überhaupt in dem Exoskelett, welches Druck simuliert, bewegen zu können, braucht es Kraft. "Das ist richtig anstrengend. Wenn man da drinsteckt, ist man von der Welt abgeschirmt - hört nur noch die Lüftung rauschen", so die Probantin aus dem Vogtland. Ein Mal steckte sie bisher beim Training in dem Raumanzug. Dazu muss sie hundertpro fit sein. Neben ihrer Arbeit als Sachgebietsleiterin für Hygiene und Umweltmedizin im Landratsamt des Vogtlandkreises ist sie auch dreifache Mutter. Der Ehemann hält ihr den Rücken frei für das intensive Training. Joggen, Liegestütze, Dehnungsübungen - ein vom ÖWF angeleitetes Programm soll Anika Mehlis im August durch die Zertifizierungsprüfung zur Analog-Astronautin führen. Die nächste Stufe ist, dem sechsköpfigen Team, das nach Israel ins Mars-Habitat zieht, anzugehören. Klappt es diesmal für einige nicht, bleiben sie trotzdem in der Crew und sind vielleicht 2022 im neuen Mars-Habitat an Bord. Das Ziel Israel hat die 37-Jährige fest vor Augen. Aber auch schon zu dem Team hochspezialisierter Menschen zu gehören, sich mit ihnen über Weltraumforschung auszutauschen, sei ein wahnsinniges Glück für sie.
"Meinen Kindern möchte ich damit auch zeigen, dass es sich lohnt, Kraft in manche Dinge hineinzustecken und sich einfach mal was zu trauen", so lautet die Devise der ersten Analog-Astronautin aus dem Vogtland.

 

Vita Anika Mehlis

Anika Mehlis ist Mikrobiologin (Freie Uni Berlin) und Ingenieurin (FHS Zwickau), arbeitete als chemisch-technische Assistentin in einem Umweltlabor, ist nun Sachgebietsleiterin Hygiene im Landratsamt und Bio-Dozentin an der Studienakademie Plauen. Sie hat ein Promotionsstudium an der Uni Bielefeld aufgenommen. Mehlis spricht aufgrund eines Auslandsjahres in den USA fließend Englisch, mit Grundkenntnissen in Französisch, Spanisch und Latein. Sie ist verheiratet und hat drei Töchter.