"Film läuft täglich in meinem Kopf ab"

Oelsnitz - Die Städte im "Bomben-Baedeker" der anglo-amerikanischen Streitkräfte trugen Namen von Fischen als Code. Brisling - das englische Wort für "Sprotte" - stand für Plauen.    Auch nach mehreren Aufführungen in der Spitzenstadt herrschte kürzlich in Oelsnitz Rieseninteresse am Film von Tino Peisker und Torsten Schad "Codename Brisling - Plauen im Bombenkrieg". Der Fürstensaal auf Schloss Voigtsberg war ausverkauft. Wegen des großen Andrangs wird es hier nach Ostern eine zweite Vorstellung geben, informierte Marketingchef Eckardt Scharf.

Gerd Naumann, im Film als Historiker bezeichnet, spielt wissenschaftlich beratend und als Kommentator eine Rolle. Er erklärte den rund 160 Besuchern, wie sich in den letzten zwei Jahren des 2. Weltkriegs die Lage für Plauen dramatisch zuspitzte. Als eine von vier sächsischen Großstädten wurde Plauen im Spätsommer 1944 zum Primary Target in den Fliegerlogbüchern. Den ersten Angriff am 12. September flog die 379. Bomb Group, eine Einheit der United States Army Air Force. Zur Rolle als vorrangige Zielscheibe trug neben der Größe und Funktion als Verkehrsknotenpunkt die Panzerproduktion der Vomag entscheidend bei. Die Vogtländische Maschinenfabrik Aktiengesellschaft hatte sich seit 1940 zum tragenden Rüstungsbetrieb entwickelt - was sich als tragisch für Stadt und Unternehmen erwies. Von 14 Bombenangriffen auf Plauen wurden neun direkt in wenigen Tagen auf die Vomag geflogen.

Die Vogtlandmetropole war die flächenmäßig am stärksten bombardierte Stadt in Sachsen mit einem Zerstörungsgrad von 75 Prozent. 2 358 Menschen kamen nach offiziellen Angaben ums Leben. Die tatsächliche Zahl sei mit hoher Wahrscheinlichkeit viel höher gewesen. Naumann sprach über "die Schicksalsgemeinschaft von Plauen und Oelsnitz". Die Teppichstadt sei ein "Gelegenheitsziel" gewesen, wofür die Bombenabwürfe auf Taltitzer Flur Zeugnis ablegen. Anhand der heute noch sichtbaren Krater malte Naumann aus, wie ein Angriff das Oelsnitzer Stadtzentrum in Schutt und Asche gelegt hätte. Der Film zeigt erschütternde Luftaufnahmen des zerstörten Plauen mit der Ruine der Lutherkirche als Wahrzeichen und verbindet das größtenteils erstmals gezeigte historische Material mit den Aussagen von Zeitzeugen, in deren Gedächtnis der Terror 64 Jahre nach den Ereignissen immer noch eingeschrieben ist. Für ein ausgewogenes Urteil sorgt der Film mit seinem Schwenk auf den Luftkrieg der Deutschen Wehrmacht gegen englische Städte wie London.

Auch unter dem Publikum im Fürstensaal saßen Menschen, welche den Bombenkrieg in Plauen erlebt haben. "Der Film läuft täglich in meinem Kopf ab", sagte der 74 Jahre Gärtnermeister Kurt Reichel, der als Zehnjähriger vor den Bomben in den Felsenkeller der Vomag geflüchtet war. Noch in der Lehre in den 50er Jahren habe er keine Sirene hören können. Wie der Film belegt, haben die Felsenkeller von Plauen Tausenden das Leben gerettet.  Der Oelsnitzer Dietrich Wöllner stand 1945 als Neunjähriger mehrfach mit seinem Bruder an der Hoftür des elterlichen Anwesens. Die beiden Jungen verfolgten gebannt, wenn die "Christbäume" am nordöstlichen Himmel über Plauen auftauchten. Einmal bebte die Erde ohrenbetäubend. Ein Bomber hatte seine Last im Stadtgebiet von Oelsnitz, an der Reichsstraße, ausgeklinkt, die heute Untermarxgrüner Straße heißt. "Die Krater waren in einer Linie bis zur Autobahn zu sehen", berichtet der 72-Jährige.  R.W.