Feuerwehr läuft die Zeit davon

Für die Feuerwehr - sowohl die hauptamtlich tätigen, als auch die in den freiwilligen Wehren aktiven Kameraden gilt eine Faustregel: Mindestens neun Männer müssen binnen neun Minuten am Gefahrenort eintreffen. Doch die Tücke steckt im Detail.

 Von Torsten Piontkowski

Plauen Beginnen wir mit einem Beispiel: Am Standort der Berufsfeuerwehr und der ebenfalls hier untergebrachten Freiwilligen Wehr Stadtmitte an der Poeppigstraße geht ein Alarmruf ein. Der Gefahrenort befindet sich im Westen der Stadt. Rückt die so genannte Primäreinheit aus - also die Berufswehr - sind die eingangs genannten neun Minuten verkehrsbedingt spätestens zwischen Westbahnhof und Höhe Biller "aufgebraucht". "Dann haben meine Männer eigentlich schon in dem Moment verloren, wenn sie die Helme aufsetzen", beschreibt Feuerwehr-Chef Jörg Pöcker das Dilemma. Profan gesagt: Der jetzige Standort liegt nicht so zentral, als dass die Zeitfrist in jedem Falle eingehalten werden könnte. Um beim genannten Beispiel zu bleiben: In diesem Falle kommt den Profis die Freiwillige Wehr Neundorf zu Hilfe, die dann auch als erste am Einsatzort eintrifft, also als Primärkräfte wirkt.


Ähnlich das Problem bei den Kameraden der Stadtmitte - die meisten wohnen tatsächlich zentral. Die ersten Minuten gehen also für die Anfahrt zur Poeppigstraße drauf, dann geht es mit Einsatzfahrzeug und voller Montur retour - die Uhr Richtung vierzehn Minuten als Sekundäreinheit oder 9 Minuten als Primäreinheit läuft in beiden Fällen unerbittlich...


Doch auch wenn die vom Gesetzgeber seit 2005 empfohlene Ausrückzeit eingehalten wird, bleibt da noch die vorgesehene Personalstärke. "Neun Kameraden bilden den absoluten Grundschutz", sagt Pöcker. "Benötigen wir Zusatzausrüstung wie Drehleiter und/oder Tanklöschfahrzeug, dann sind elf Leute erforderlich."


Nur wenn beide Parameter - also Zeit und Personalstärke - eingehalten sind, gilt der Einsatz als korrekt im Sinne des Gesetzgebers. Diese Vorgabe erfüllen die Plauener Wehren in 70 Prozent der Fälle. "Bei fünf Einsätzen erreichen wir statistisch bei 3,5 die Vorgaben statt 4" erklärt Pöcker.


Bedeutet dies etwa, dass die Sicherheit der Plauener zu lediglich 80 Prozent gewährleistet ist? Keineswegs. Denn im Fall der Fälle wird die Berufsfeuerwehr von den Freiwilligen Wehren der Ortsteile unterstützt. In Deutschland wird zu 95 % der Brandschutz durch das Ehrenamt sichergestellt.


Allerdings gibt es auch hier Probleme, die einer Lösung harren. Vor allem tagsüber ständig einsatzbereit sind lediglich die Wehren von Stadtmitte, Großfriesen und Neundorf. In Jößnitz beispielsweise stehen in diesem Zeitfenster nur drei Kameraden zur Verfügung. Mitunter - wie im Falle des Chefs der FFW Neundorf Thomas Golle - sind Kameraden tagsüber an ihrem Arbeits- platz und in den Abend- und Nachtstunden an ihrem Wohnort in einem anderen Plauener Stadtteil erreichbar.


Wäre es denn - ganz profan formuliert - nicht zweitrangig, ob die Personal- und Friststärke erfüllt ist, solange der Auftrag, Gefahren abzuwenden, erfolgreich erfüllt wurde? "Jeder Kamerad hat am Einsatzort eine bestimmte Funktion," sagt Pöcker und verweist auf ein damit in Zusammenhang stehendes Problem. Im gesamten Stadtgebiet gibt es in Unternehmen und Einrichtungen 80 Brandmeldeanlagen. Diese lösen bis zu 110 Mal im Jahr Alarm aus, um tatsächliche Gefahren handelt es sich aber nur in drei bis vier Fällen."


Vor Wochen hielten zahlreiche Alarmmeldungen aus dem Asylbewerberheimen die Kameraden buchstäblich auf Trab. Aufgrund der geografischen Lage am westlichen Stadtrand standen damals 20 "nicht erreichte" Einsätze zu Buche.
Wohlgemerkt statistisch. Denn in jedem Fall meldet der Einsatzleiter vor Ort Personalstärke und Technik und ordert im Bedarfsfalle Unterstützung an.
Um das Problem des Zeitrahmens mittelfristig zu lösen, soll in Neundorf ein neues Feuerwehrgerätehaus entstehen. Die Idee von CDU-Fraktionschef Jörg Schmidt, behelfsweise für die FFW Stadtmitte zentral gelegene Gebäude anzumieten, hält Pöcker für durchaus überlegenswert.


"Wir müssen überlegen, mit welchen Stellschrauben wir unsere Ziele personell, organisatorisch und finanziell am schnellsten erreichen", gibt Pöcker die Richtung vor. Apropos Finanzen. Auch hier steckt die Tücke im Detail. "Zwar hat das Land für 2018 bis 2022 die Fördermittel verdoppelt, gleichzeitig haben die Anbieter von Feuerwehrtechnik die Preise extrem nach oben geschraubt."