Feilers Illusionen von Formen

Plauen - "Wenn ich ein Bild fertig habe, dann ist das wie ein Fest für mich." Das sagt Manfred Feiler, der 86-jährige Maler aus Plauen, den im Vogtland jeder kennt, aber nicht nur hier, sondern im ganzen Land und weit darüber hinaus. Insbesondere in Amerika hat er eine große Fangemeinde.

Dieser berühmte Feiler, oft Botschafter des Vogtlandes genannt, der erst vor wenigen Wochen Ehrenbürger seiner Heimatstadt wurde, der ungezählte Bilder gemalt hat, freut sich immer noch wie ein Kind, wenn ein Werk gelungen ist. Wenn das Bild "gut" ist, wie der Meister sagt. Naja, manchmal stört seine Frau Erika ein wenig die festliche Stimmung. Seine "härteste Kritikerin" sei nicht immer zufrieden. "Das ist noch nicht gut. Da musst du nochmal ran", meint sie dann kurz und knapp. Da gibt's schon mal einen kleinen Streit, weil er erstmal darauf bestehe, dass das Bild gut sei, erzählt er. Sie geht dann meistens wortlos von der Galerie zwei Etagen höher in die Wohnung. Nach ein, zwei Stunden (Nacharbeit) bringt der Meister das Bild nach oben. "Du hattest Recht", sagt er dann kleinlaut: "Erst jetzt ist es gut." Szenen einer Ehe. Die beiden sind seit 64 Jahren verheiratet.

Manfred Feiler, der 86-jährige begnadete Maler, und ich, der 53-jährige Journalist und Herausgeber des Vogtland-Anzeigers, mit eher wenig Ahnung von Malerei, haben uns angefreundet in den letzten Jahren. "Wir haben oft die selben Ansichten", meint Manfred, was ich als Auszeichnung verstehe. "Meine Frau und ich, wir freuen uns jeden Samstag darauf zu lesen, was du wieder geschrieben hast." Wieder mal sitzen wir bei ihm in der Galerie bei Kaffee und selbst gebackenem Kuchen. Manfred erzählt und erzählt. So detailgenau und anschaulich, dass ich nachfragen muss, wann genau das denn gewesen sei. "Das war noch vor dem Mauerbau", antwortet er fast beiläufig, gerade so, als sei die Episode erst vor ein paar Wochen passiert.

Dieser Mann ist ein Phänomen. Er hat alles, einfach alles abgespeichert. Er erinnert sich an alles, und zwar ganz genau. Erzählt er etwas nicht, dann hat er es nicht etwa vergessen, sondern allenfalls verdrängt. Über manches will er auch nicht (mehr) sprechen. Zum Beispiel über die Zeit in der DDR, in der er als Schmierfink und Staatsfeind abgestempelt war. In der alten Bundesrepublik und im Ausland war er auch damals schon anerkannt, wurden er und seine Werke gefeiert. Feiler war mit Otto Dix befreundet, war 1984 ein Jahr zu Gast in Venezuela. Was man ihm zu DDR-Zeiten angetan hat, hat er natürlich nicht vergessen, aber es ist für ihn kein Thema mehr. "Der Blick zurück hilft mir nicht", sagt er. Und: "Ich bin nach der Wende nochmal richtig durchgestartet." Manfred schaut nach vorne. "Ich will noch so viel machen und habe gar keine Zeit, ständig über die Vergangenheit zu jammern". Ja, er ist schon anders als andere. Was für eine Persönlichkeit!

Ich weiß nicht, was mich mehr begeistert. Der Mensch oder seine Bilder. Wie ein fideler 50-Jähriger springt er durch die Räume seiner Galerie. In der einen Hand immer seine Gehhilfe, in der anderen immer wieder ein anderes Bild. Und noch eins. Und wieder ein anderes. "Das muss ich dir unbedingt noch zeigen." Was er da zeigt, überrascht mich. Keine typischen Feiler-Bilder, falls es die überhaupt gibt. Alles Bilder, die nichts mit dem Vogtland zu tun haben. Keine Landschaftsbilder. Es sind neue Bilder, teilweise aber mit Motiven aus längst vergangenen Zeiten, aus der Erinnerung gemalt. Der Mann vergisst eben nichts. Aber das hatten wir ja schon. Andere Bilder spiegeln aktuell Erlebtes oder auch Gefühle, auch Ängste wieder. "Ich male nicht, was ich sehe, sondern was ich fühle, wenn ich es sehe", erläutert er immer wieder. Es gibt auch Bilder, bei denen der Meister nur in sich selbst hineingeschaut hat. Und die Bilder sind gut. Richtig gut. Genial, könnte man sagen.

Wer die Bilder ganz aus der Nähe betrachtet, sieht eigentlich nichts. Viele Farbtupfer, scheinbar ohne Zusammenhang. Es ergibt kein Bild. Tritt man zwei, drei Schritte zurück, ist plötzlich alles zu erkennen. Wie macht er das? Hat er längere Arme als andere? Welch eine Vorstellungskraft muss er haben, um direkt vor der Leinwand genau zu wissen, wie es mit einem gewissem Abstand aussieht und wirkt. Na, wenn das nicht genial ist. Feilers Bilder sind kein Abbild der Wirklichkeit wie ein Foto etwa, sondern ein kurzer Augenblick ist festgehalten, ein Moment, der nie wiederkehrt. Das, was der Maler in diesem Moment empfunden hat, soll gezeigt werden. Beim Malen findet sozusagen eine atmosphärische Zerlegung in unendlich viele Farbtupfer statt. Durch die Farbarchitektur entsteht eine Illusion von Formen.

Mit Handschlag besiegeln wir eine freundschaftliche Vereinbarung. Gemeinsam wollen wir eine Reihe der neuen Bilder präsentieren. Im Vogtland-Anzeiger sollen sie in den nächsten Wochen und Monaten in loser Folge vorgestellt werden. Ich freue mich auf die Bilder, vor allem aber auf die interessanten Gespräche mit Manfred Feiler.