Familien-Drama in Plauen: Tochter mit Schere erstochen

Was geht in einer Mutter vor, die ihre eigene Tochter ersticht? Das waren die ersten Gedanken bei vielen Plauenern, die am Dienstag von dem Familien-Drama an der Reißiger Straße erfuhren.

Trauer und Entsetzen machten sich breit. Vermutlich mit einer Bastelschere soll die 49-Jährige auf die neunjährige Jenny eingestochen haben. Das Kind verstarb noch in der Wohnung.

Plauen - Für die Einsatzkräfte begann der Tag völlig harmlos. Sie sollten sich am Morgen in einem Wohnhaus an der Reißiger Straße um eine auffällig gewordene Frau kümmern. Nachbarn bemerkten, wie die 49-Jährige im zweiten Stock des Hauses Dutzende Gegenstände aus dem Fenster warf, darunter Staubsauger, eine Stehlampe, CDs, Küchengeräte und Kuscheltiere sowie ein eingerahmtes Kinderfoto. Noch ahnten die Mieter und die Polizisten nicht, welche Tragödie sich eine Etage höher abspielte. 7.45 Uhr ging der Anruf bei der Polizei ein.

Die Polizei musste zum Öffnen der von innen verschlossenen Wohnungstür die Feuerwehr zur Hilfe rufen. Jenny lag schwer verletzt und blutüberströmt am Boden. Der Notarzt konnte das Mädchen nicht mehr retten. Die Neunjährige verstarb noch in der Wohnung. Die emotional stark aufgewühlte, ja fast aggressive Frau, wurde nach der Tat ins Helios Vogtlandklinikum eingeliefert.

bEine hier entnommene Blutprobe soll nun klären, ob die Frau zur Tat unter Alkohol-, Drogen- oder Medikamenteneinfluss stand und daher psychisch unzurechnungsfähig gewesen sei. In diesem Falle könnte es zu einer Unterbringung im Maßregelvollzug der Psychiatrie in Rodewisch kommen. Anderenfalls liege der Tatbestand eines Tötungsdeliktes vor, so Bernd Sämann von der Staatsanwaltschaft Zwickau.

Obduktion der Leiche am Mittwoch in Chemnitz

Als Tatwaffe komme mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Bastelschere in Betracht. Klarheit über den genauen Hergang soll die Obduktion der Leiche am Mittwoch im Institut für Rechtsmedizin in Chemnitz bringen, kündigt Sämann an. Anzunehmen sei, dass der Tod durch zahlreiche Einstiche in den Körper des Kindes vom Rumpf aufwärts eingetreten sei. Stichverletzungen habe es auch in Kopf und Hals von Jenny gegeben.

Die Tragödie ging an den Einsatzkräften nicht spurlos vorüber. Der Rettungszweckverband Vogtland schickte das Kriseninterventionsteam für die psychologische Betreuung der Feuerwehrleute. In Sicherheit sind auch die Tiere in der Wohnung gebracht worden. Die Tierrettung kümmerte sich um die Vögel und das Meerschwein der Familie. Noch am selben Tag ist ein neues Schloss in der Wohnungstür eingebaut worden.

Laut Staatsanwalt Zwickau gibt es Hinweise darauf, dass die Frau in der Vergangenheit schon psychisch behandelt wurde. Durch wildes Randalieren in der Wohnung habe die 49-Jährige schon mehrfach die Polizei auf den Plan gerufen. Nachbarn beschwerten sich wegen Ruhestörung und riefen die Polizei. "Es war hin und wieder mal Zoff da unten", sagte ein Nachbar der Frau. Bis auf Kleinigkeiten sei ihm die Familie aber nichtaufgefallen. Das Familien-Drama trifft ihn. "Das geht mir sehr nah." Gleich neben dem Wohnhaus befindet sich der Kindergarten "Kosmonaut". Hier soll die neunjährige Jenny tagsüber gewesen sein. Die Kinder haben von der Tat im Nachbarhaus hoffentlich nichts mitbekommen.

Familie war dem Jugendamt bekannt

"Die Familie ist dem Jugendamt bekannt", sagt Kerstin Büttner, Sprecherin der Kreisverwaltung. In verwirrtem Zustand sei die Kindesmutter im September 2012 von der Polizei aufgegriffen worden, worauf eine Einweisung in die Psychiatrie folgte. Da der Vater beruflich viel unterwegs sei, wurde das Mädchen durch das Jugendamt in Obhut genommen. Der Vater wohnt ebenfalls in der Wohnung. Auf Anraten des Jugendamtes haben die Eltern daraufhin einen Antrag auf Hilfe zur Erziehung durch das Kreisjugendamt gestellt.

In einem dokumentierten Hilfeplan seien die Schritte vereinbart und die Kindesmutter für die Erziehung "an die Hand genommen" worden. Von September 2012 bis Ende Februar 2013 war Jenny in einem Kinderheim untergebracht. Das Mädchen durfte jedoch jedes Wochenende und die Ferien zu Hause verbringen. "Ein letztes Gespräch mit der Kindesmutter fand am 6. Februar in der Wohnung statt. Der Hilfe-Verlauf wurde positiv eingeschätzt", so Büttner.

Am 21. Februar habe die Mutter dem Amt mitgeteilt, dass sie Kraft ihres Sorgerechtes ihre Tochter nicht mehr ins Heim zurückbringe. Auch der Kindesvater stimmte zu. "Eine Gefährdungs-Situation lag nicht vor. Von Seiten Dritter gingen keine Hinweise ein, so dass die Hilfe zur Erziehung am 23. Februar beendet wurde", sagte Kerstin Büttner. va