Familie schreibt 140 Jahre Baugeschichte

Lange war die Ansicht versperrt, doch nach dem Abriss der alten Abbundhalle ist der Blick von der Karlstraße frei auf das Sägewerk und die Villa, in der um 1884 Gustav Zimmermann sein Lebenswerk begann, das von nächsten Generationen fortgesetzt wurde.

Von Marjon Thümmel

Plauen - Ein Blick in alte Familienchroniken bringt oft Erstaunliches zutage. Oftmals ist dieses jahrelang verborgen, bis - wie in diesem Falle - der Abrissbagger anrückt. Zunächst hatte eine alte Lokomobile die Aufmerksamkeit auf sich gezogen, als sie ihren 115 Jahre langen Platz im Sägewerk Gustav Zimmermann verlassen musste. Ende März wurde die Dampf-Lokomobile, die mittels Transmissionriemen die Maschinen antrieb und für die Energiegewinnung sorgte, aus dem ehemaligen Produktionsgebäude per Kran herausgehoben. Vorerst wurde sie auf dem Gelände des Plauener Stadtbauhofes abgestellt und soll nach Fertigstellung des Museums im Weisbachschen Haus dort einen neuen Platz finden. Und wenn es einmal soweit ist, möchte Bauingenieur Rainer Baumann, der Ur-Enkel des Firmengründers, alle Dokumente rund um die Lokomobile und das Sägewerk der Stadt übergeben. Schon jetzt gewährte der 68-Jährige einen Einblick in die Familiengeschichte, die sich von der 1. bis mittlerweile 5. Generation vorwiegend mit dem Bau beschäftigt. 
 Angefangen hatte alles um 1880, als Zimmermeister Gustav Zimmermann, der aus Bad Dürrenberg stammte, in Plauen eine eigene Firma gründete. Dafür baute er sich die Villa an der Weststraße 57, in der im Untergeschoss die Büroräume untergebracht waren. 1885 folgte eine Tischlerei mit Lager und ein Pferdestall, denn die Baumstämme und später die Holzbalken mussten ja transportiert werden. Und weil die Aufträge immer mehr zunahmen und die Arbeit effektiver werden musste, baute der Baumeister, der mit seinen Beschäftigten sämtliche Maurer- und Zimmererarbeiten ausführte, 1902/03 das Sägewerk samt Lokomobile und den gewaltigen Schornstein. Und er hinterließ noch mehr Spuren in Plauen - mit massiven Häusern an der Weststraße, Ziegelstraße, Karlstraße und Trockentalstraße. Sie alle stehen noch heute - viele unter Denkmalschutz. Für sein Wirken als Baumeister und Stadtverordnetenvorsteher bekam er im Mai 1910 von König Friedrich August das Ritterkreuz 1. Klasse des Albrechtsordens verliehen.
 Nach dem Tod des Vaters übernahm 1914 Zimmermeister Enno Zimmermann die Firma und ließ sie bis zum Zweiten Weltkrieg mit rund 120 Beschäftigten zum größten Baubetrieb Plauens wachsen, der 1922/23 auch das Postamt an der Pausaer Straße entstehen ließ. Und das fast für "Nasse", denn als es ans Bezahlen ging, war mit der Inflation das Geld nur noch die Hälfte wert. 
 Enno Zimmermann, der viel in Österreich unterwegs war und sich dort in die Holzhäuser verguckte, schuf neben anderen in Plauen ein solches auch für sich neben der väterlichen Villa. Auf den Grundmauern des Sägewerkes entstand das Einfamilienhaus, das seit 2010 der 43-jährige Ur-Enkel Tim Baumann, von der gleichnamigen Firma Hausverwaltung & Immobilien bewohnt. Zuvor hatte es seinen Großeltern Edgar Baumann und dessen Frau Hanna, geborene Zimmermann, gehört. Seit 1995 steht das Gebäude unter Denkmalschutz und wurde 2010 saniert. Anders erging es dem Sägewerk, das einst federführend in ganz Sachsen war. 
 "Nach der Wende hatte ein Bayer das und anschließende Grundstücke kaufen wollen, um dort ein großes Einkaufszentrum zu bauen. Doch das klappte nicht wie gedacht, der Mann war pleite. Und als er starb, haben die Erben ausgeschlagen und so fiel das Sägewerk-Grundstück an den Freistaat Bayern. Zwar stand die Lokomobile unter Denkmalschutz, aber passiert ist trotzdem nichts, bis alles einen neuen Käufer fand", erzählt Rainer Baumann, der in Schneckengrün ein Planungsbüro betreibt. 
 Doch noch einmal zurück in die Geschichte: Die Enno Zimmermann GmbH, wie sie nach 1925 hieß, hatte an der Reißiger Straße, Am Stadtwald, in der Dobenaustraße und in der Lange Straße noch heute markante Massivbauten errichtet. Auch das Badecafé in Bad Elster entstand 1934. 
 1955 trat der Schwiegersohn Edgar Baumann als Prokurist in die Firma ein, die 1961 halbverstaatlicht wurde. 1970 schied Enno Zimmermann als Hauptgesellschafter aus und übergab die Mehrheitsanteile an Edgar Baumann. Der Vater von Rainer Baumann musste 1972 erleben, wie der Betrieb voll verstaatlicht wurde und in den VEB Baureparaturen Plauen überging. Er blieb aber Betriebsdirektor. 1974 wurde sechs Plauener Baubetriebe zum VE Stadtbaubetrieb Plauen zusammengelegt. Zur Wende wurde der Stadtbaubetrieb liquidiert und das Grundstück ging in die Verwaltungs- und Immobilien GmbH Plauen über. Seit kurzer Zeit hat es einen neuen Eigentümer. Die alte Sägehalle mit dem charakteristischen Rundbogenfenster baut die Netzschkauer Firma Mex zum Wohnhaus um. Außerdem plant sie eine Stadtvilla mit sechs Wohnungen.
 "Es war für mich eine spannende Zeitreise durch die Familiengeschichte. Vier Tage habe ich gebraucht, mich durch die vielen Dokumente und Bilder zu kämpfen. Aber es hat Spaß gemacht. Glücklicherweise hat mein Vater vom Großvater in dem Holzhaus, in dem ich aufgewachsen bin, alles aufbewahrt. Als Vati starb, kam der gesamte Stapel Ordner zu mir nach Schneckengrün", erzählt Rainer Baumann.