Fachsimpelei auf Aronia-Feld

"Möchten Sie meine Aronia-Plantage sehen?" fragt die 75-jährige Kräuterhexe den Mann, den alle einst den "Floh vom Fichtelberg" nannten. Weißflog - heute 47 Jahre alt - hatte soeben mal acht Aronia-Bäumchen im Reuther Kindergarten gepflanzt - und nimmt die Einladung der Kräuter-Omi gerne an. Gleich hinter der vogtländischen Landesgrenze, im thüringischen Haidefeld, gedeihen Frau Leibners 500 Aronia-Pflanzen.

Im September werden die eben noch grünen Beeren rot-schwarz und erntereif sein. Dann wird Sieglinde Leibert die gesunden Beeren zusammen mit Quitten, Äpfeln und Birnen zu leckerer Marmelade oder Likör verarbeiten. Geht es um Aronia-Rezepte oder die aus Brennnesseln haben sich die Hexe und der Skispringer eine Menge zu sagen. Denn im Gärtchen seines Oberwiesenthaler Hotels wächst seit vorigem Jahr auch die Beere und so manches schmackhafte Küchenkraut. Weißflogs Koch bedient sich für die Hotelküche und die Gäste daraus reichlich. Als Sportler sei er es gewohnt, gesund zu leben - dazu zähle auch die Ernährung, sagt der schmächtige Ex-Olympiasieger, der nun auf die Hotelerie umgestiegen ist.

Zwei Zentner Aronia-Beeren hat Sieglinde Leibner im vorigen Jahr geerntet - in ein paar Jahren dürfte der Ertrag der wilden Aroniabeere sich noch vervielfachen, schießen die Stauden doch bis zu drei Meter in die Höhe. Zwischen den Beerensträuchern auf einem Großteil des 1,7 Hektar großen Feldes, wächst es kunterbunt durcheinander. Doch Unkräuter sind es nicht, die Sieglinde Leibert dort kultiviert. "Hier, riechen Sie mal", sagt die Hexe und hält Weißflog ein Kraut unter die Nase. Gegen jedes Zipperlein ist bekanntlich ein Kraut gewachsen - und Frau Leibner kennt sie alle.

Blutwurz lindert Durchfall, Queckenwurzel entgiftet den Körper, Bertram hilft bei Magenschmerzen, Ackerunkraut entschlackt. Die Wilde Karte kämpft gegen Borreliose, die Blätter der Sonnenblume senken das Fieber und Bärwurz macht den Kräuterquark noch schmackhafter. "Meine Großmutter war schon eine Kräuterfrau, und ich, als größte ihrer Enkelinnen, habe viel von ihr gelernt", verrät die 75-Jährige, die im Jahre 2004/05 zu Thüringens Olitäten-Königin gewählt wurde.

Baff erstaunt ist Jens Weißflog, als ihm die Kräuterhexe erklärt, dass sie noch einmal ein Studium aufgenommen habe: Bei einem Plauener Heilpraktiker studiere sie die Phytologie (Pflanzenkunde), wenn sie nicht gerade mit ihren Tees, Balsamen, Tropfen und Marmeladen auf Kräuter-, Blumen und Themen-Märkte fährt, oder in Vorträgen die bärenstarke Beeren-Kraft der Aronia beschwört. "Kräuter, das ist meine Passion", gesteht sie Jens Weißflog, worauf dieser erwidert: "Hier in unserer ländlichen Region gibt es noch ein Wahnsinnswissen über Kräuter, das es zu bewahren gilt."