Exotischer Anfang einer großen Sache

Plauen - Als der Hubschrauber über dem Plauener Stadtzentrum kreiste, "Gorbi, Gorbi!"-Rufe erschallten und vor dem Rathaus die bewaffnete Staatsmacht mit einem zum Wasserwerfer umfunktionierten Löschfahrzeug auf demonstrierende Bürger losging und nur das beherzte Eingreifen eines Kirchenmannes Schlimmeres verhinderte, da wurde gut 400 Kilometer entfernt in Schwante die Sozialdemokratische Partei in der DDR (SDP, später SPD) gegründet. ?????? 16. November 1989 ??????

Auf der Gründungsversammlung der Partei in einem Pfarrhaus nahmen 43 Personen hauptsächlich aus Berlin und dem Süden der DDR teil. Initiatoren waren Markus Meckel, später Außenminister, und Martin Gutzeit. Geschäftsführer der neuen Partei wurde der auch im thüringischen Vogtland aktive Ibrahim Böhme. Das war am 7. Oktober 1989; knapp ein Jahr später, am 26. September 1990, vereinigte sich die SDP in Berlin mit der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD).

In Plauen wurde am 16. November 1989 durch Klaus Gerstner, Kurt Schwabe und Rüdiger Müller im Zoohaus "Exot" auf der Windmühlenstraße die SDP gegründet. So schreibt es Lutz Kätzel in einem Beitrag über "Die SPD im Vogtland". Zwei Tage später, auf der Demonstration am 18. November, wurde von Rüdiger Müller eine entsprechende Erklärung über die Parteigründung verlesen.

 Im Protokoll der Gründungsversammlung, die im Zoohaus "Exot", Windmühlenstraße stattfand, heißt es: "Die Versammlung wurde durchgeführt, um die SDP im Stadtgebiet von Plauen zu gründen, da bisherige Ansätze ergebnislos blieben." Im Punkt 1. des Protokolles heißt es: "Das vorliegende Statut der Partei wird in allen Punkten angenommen." Festgelegt wurde außerdem, Arbeitsgruppen zu bilden, "die eine Einflussnahme auf die gesellschaftliche und politische Struktur der Stadt ermöglichen". Arbeitsgruppen für die Bereiche Gesundheitswesen, Bildung, Wirtschaft, Recht, Ökologie, Wohnungspolitik, Bauwesen, Verkehr, Handel, Handwerk und Gewerbe, Kultur, Rentner und Behinderte und Öffentlichkeitsarbeit sollten entstehen. In den Wohngebieten sollten Parteigruppen entstehen. Für neue Mitglieder wurden Beitrittserklärungen vorbereitet; die Form der Aufnahme musste noch konkretisiert werden. Für die Presse wurde eine Information über die Gründung der SDP vorbereitet.

In den Dokumenten der Plauener SPD findet sich als zweites das Protokoll einer "Leitungsberatung der SDP" vom 21. November 89; der Ort ist wieder das Zoohaus "Exot". Die Sitzung beginnt um 16 Uhr, und es nehmen daran teil: Klaus Gerstner, Kurt Schwabe, Dr. Hartmut Seidel, Rüdiger Müller und Hans-Joachim Wunderlich. ?????? Die Gründungsväter ??????

Was ist aus diesen Gründungsvätern geworden? Kurt Schwabe, der älteste von ihnen, hatte die Funktion des Schriftführers übernommen. Er bekam später Ärger wegen seiner Mitgliedschaft in der SED und seiner Tätigkeit als Staatsbürgerkundelehrer. Heute lebt Kurt Schwabe in Plauen im Stadtteil Chrieschwitzer Hang. Klaus Gerstner, Besitzer der Zoohandlung "Exot", der damals als erster Ortsvereinsvorsitzender fungierte, hat sich inzwischen aus der aktiven Politik zurückgezogen und ist auch aus der SPD ausgetreten. Dr. Hartmut Seidel, der Frauenarzt, der in der neuen Partei Verantwortlicher für die Öffentlichkeitsarbeit war und als Sprecher der Gruppe der 20 in Plauen bekannt wurde, gehörte von Anfang an dem neuen Plauener Stadtparlament an, ist heute auch Mitglied des Kreistages und im beruflichen Ruhestand. Auch Rüdiger Müller, damals Stellvertreter und viele Jahre Stadtrat in Plauen, hat sich inzwischen beruflich zur Ruhe gesetzt. Hans Joachim Wunderlich, damals der jüngste der SDP-Mitglieder und Verantwortlicher für die Arbeitsgruppen, war Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer in Plauen und steht inzwischen als Hauptgeschäftsführer der IHK Südwestsachsen in Chemnitz vor. Doch was steht nicht in nüchterner Berichtsprosa auf langsam vergilbenden Protokollseiten? Mit welchen Schwierigkeiten und Problemen hatten die Gründungsväter zu kämpfen? Dr. Hartmut Seidel und Rüdiger Müller geben Auskunft. Ausgangspunkt war in Plauen der 7. Oktober. Danach fanden sich die Mitglieder der Gruppe der 20 zusammen, doch bald sei klar gewesen, dass Bürgerbewegungen auf Dauer nichts bewegen können, erinnert sich Rüdiger Müller. Also trafen sich im Lutherhaus der Plauener Pfarrer Weber, Klaus Gerstner, Dr. Hartmut Seidel und der Bäckermeister Feiler. Nach ersten, tastenden Schritten kam es im November zur Parteigründung. Bereits am 30. November wurde zur ersten öffentlichen Veranstaltung in den Saal des Kulturbundes ("Harmonie") am Oberen Graben, einem Lokal mit SPD-Tradition aus Vorkriegszeiten, eingeladen. Es gab rund 50 Eintritte in die SPD; darunter waren neben dem derzeitigen Vorsitzenden der SPD im Vogtland Lutz Kätzel auch der heutige Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium und SPD-Bundestagsabgeordnete Rolf Schwanitz. Die Geschäftsstelle wurde in der Chamissostraße in einem leerstehenden Laden eingerichtet; beim Umzug in die Friedensstraße stellte es sich heraus, dass die Stasi alle Telefone angezapft hatte ... ?????? SPD-Prominenz ??????

 Mit der Hofer SPD wurde zusammengearbeitet; die Freunde aus der Partnerstadt sorgten dafür, dass die Plauener mit Büroausstattung versorgt waren; auch aus Nordrhein-Westfalen kamen Papier, ein Drucker und ein Kopiergerät.

Auch SPD-Prominenz stellte sich in Plauen ein. So kam Willy Brandt zu einem Besuch und hielt seine legendäre Rede auf dem Altmarkt. Ihn empfing am Stadtrand von Plauen der kürzlich verstorbene Wolfgang Forner, um ihm den Weg in die Stadt zu zeigen. Und auch an den Besuch von Klaus von Dohnanyi, Erster Bürgermeister Hamburgs, erinnert sich Hans-Joachim Wunderlich. Übernachtet wurde im heute dem Erdboden gleichgemachten Hotel "Echo". Der adlige Genosse fragte: "Und welches Zimmer hat mein Fahrer?" Antwort: "Ihr habt ein Doppelzimmer." Das sei mit "leicht versteinerter Miene" registriert worden.               Lutz Berhrens

 

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