Ex-Puhdy Gitarrist Dieter Hertrampf: "Ick spiele och für Eenen"

Verglichen mit Puhdy- Konzerten gab Quaster am Samstag in der Plauener Festhalle ein Kammerkonzert. Doch der Vergleich hinkt und ungerecht ist er auch. Zumal sich Ex-Puhdy Gitarrist Dieter Hertrampf am Ende auch über Standing Ovations freuen durfte.

Plauen - Quaster hat schwere Nächte. Denn: "Jede Nacht sitzt der Teufel an meinem Bett und bewundert sein Meisterwerk." So steht?s auf seinem T-Shirt, das nach drei Stunden - unterbrochen von der von der Krankenkasse verordneten Pause für Ü-70-Jährige, ziemlich durchgeschwitzt ist.

Ob sich Ur-Puhdy Dieter Hertrampf mit dem Teufel einließ oder von selbigem geritten wurde, als er beschloss, auf Solopfaden zu wandeln, wird sein Steuerberater ihm erst in paar Monaten verkünden.

Aber schon jetzt scheint sicher: Quaster wird nicht auf ihn hören. Denn der 73-Jährige ist Vollblutmusiker, wenngleich er inzwischen nicht mehr auf der Bühne sterben möchte. Die Bemerkung hat ihm vor Jahren etlichen Ärger eingebracht. Und ärgern, hat Quaster zum 70. beschlossen, wolle er sich überhaupt nicht mehr. Ärgern muss sich auch sein Publikum nicht. Angegraute Puhdys- und Quaster-Fans, textsicher bei den Hitlegenden bis zur letzten Zeile.

Doch seine und die Erfolge seiner Bandkollegen der letzten vier Jahrzehnte runterzuklimpern, hat sich Quaster in seinem Programm "Ich bereue nichts" nicht zur musikalischen Hauptaufgabe gemacht. Vielmehr plaudert er, begleitet von seinem "Schatten", einem namenlos bleibenden Freund in guten wie in schlechten Zeiten, aus seinem Leben.

Der Schatten hat eine gewisse Größe, was man vielleicht symbolhaft verstehen darf. Möglicherweise ist?s der Teufel selbst. Quaster ist nach eigenem Bekunden der einzige echte Berliner unter den Puhdys, die anderen wohnen am Stadtrand. Man trifft sich hin und wieder. "Bimbo", der nicht mehr Bimbo sein will, schaut auf ein Bier vorbei.

Peter "Eingehängt" Meyer hängt sich ab und an auf sein Fahrrad und holt die Familienbrötchen. Auf der großen Videoleinwand im kleinen Saal erscheinen bisher unveröffentlichte Bilder von Quaster. Klein-Dieter als Jugendweihling mit verkniffenem Mund, weil sich dahinter eine Zahnlücke verbirgt. Zugezogen beim Rumstromern in Berlins Kriegsruinen, wo er schon mal ganz privat den Mauerfall übte.

Bevor die überhaupt gezogen wurde, drückte er sich an den Musikläden am Bahnhof Zoo die Nase an den Schaufenstern platt. Verliebte sich in eine sogenannte Peter Kraus-Gitarre, die er sich Jahrzehnte später in einem Amsterdamer Antiquitätenladen gönnte.

"Man gönnt sich ja sonst nischt", wird er in seinem Programm öfter bemerken, und das mag auch auf seine Ehen zutreffen - vier an der Zahl. Die letzte, die mit Liane, hält schon 20 Jahre. Über die anderen spricht er nicht, das hat die Klatschpresse längst für ihn erledigt. Hertrampfs musikalische Anfänge liegen in den Endfünfzigern. In Brokatklamotten und spitzen Schuhen spielte er in einer Skiffle-Band, die erste "Auslandstournee" führte nach Hiddensee.

Nachdem ein gewisser Herr Meyer bei ihm vorstellig wurde, gehörte er 1965 zu den Ur-Puhdys. Die coverten, was die Instrumente hergaben und das tut Quaster am Samstag wieder: "Keep on Running, "Mighty Quinn". "Ick war wenijer zu Hause, als ick hätte sein sollen", erinnert sich Hertrampf an seine Zeit in der Uve-Schikora-Band.

Irgendwann zwischen erster und zweiter Ehe. Aus dieser Zeit singt Quaster Titel von Mungo Jerry und den Hollys. Eine Zeitlang war seine Band nicht vermarktbar, wie Hertrampf grinst. Keiner hatte Flebben, noch gar ein Auto. Als Meyer von der NVA zurückkommt, schlägt Klappe Zwei für die Puhdys: Meyer, Jeske, Wosylus, Quaster, wenig später Maschine. Hertrampf avanciert zum Chef-Spaßmacher und in den Anfangsjahren zu deren Technikbastler und -beschaffer.

Hin und wieder reizt ihn sein Schatten. "Warum spielst du vor so wenigen Leuten?" - "Ick spiele och vor Eenen", grinst Quaster. Ausführlich erzählt er über die Puhdy-Jahre, die schließlich sein Leben sind. Über "Türen öffnen sich zur Stadt", die den Puhdys viele bisher verschlossene Türen öffneten. Mit dem "Drachen" aus "Paul und Paula" erheben sie sich nun endgültig über die Konkurrenz und landen zuweilen sogar im Westen. Der Rest ist Legende im Wortsinne.

Als dramaturgischen Höhepunkt hat Quaster Peter "Bimbo" Rasym in sein Programm eingebaut. Der Neue bei den Puhdys, wenngleich auch er über 20 Jahre in Bassisten-Diensten und jenseits der 60. Auch Rasym, der nicht mehr "Bimbo" sein möchte, berichtet über ein Leben vor, mit und nach den Puhdys. Letzteres hat ihn in den Knast gebracht.

Der Musiktherapeut macht Sicherheitsverwahrten neuen Lebensmut. Natürlich singen die beiden gemeinsam ein richtig schönes langes Puhdy- Medley, bevor Quaster mit seinem auf Leinwand optisch anwesenden Nesthäkchen Kimberley musiziert. Berührend, nachdenklich, Quaster privat.

Klar gibt?s noch die "Eisbären", ohne die ein Puhdy-Fan den Saal nicht verlässt. Und als weitere Zugabe ein A-Capella-Song über das Werden und Vergehen. Quaster "Gänsehaut" Hertrampf. Kammerkonzert ein Volltreffer.