Ex-General Hans-Peter von Kirchbach in Voigtsberg

In Freiheit dienen - das Thema zog Mittwochabend zahlreiche Besucher in den Fürstensaal von Schloss Voigtsberg. General Hans-Peter von Kirchbach dachte auf Einladung der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung (LB) laut über eine "alte Tugend" nach und gab eine Lehrstunde in Sachen Patriotismus.

 

"Bitte machen Sie sich stark, den Krieg in Afghanistan so schnell wie möglich zu beenden", appellierte Thomas Lehniger an den General a. D. und widerspiegelte damit die Stimmungslage einer Mehrheit im Land. "Mein Sohn war so unpatriotisch, sich nicht zu melden", bekannte der Oelsnitzer. Kirchbach ließ das nicht gelten. In Selbstbestimmung sagen zu können, was man machen will, "das ist die Ordnung, in der wir gottseidank leben", erklärte er.

Möglich werde der Afghanistan-Einsatz nur, wenn ein Soldat den bislang neun Monate dauernden Wehrdienst freiwillig verlängert. Ob Kosovo, Bosnien-Herzegovina oder Afghanistan - "alle Einsätze hat das Parlament mit deutlicher Mehrheit legitimiert. Wenn das Parlament so entscheidet, wird die Bundeswehr Afghanistan verlassen. Ob ein solcher Alleingang Sinn macht, will ich bezweifeln", sagte der Gast.

LB-Referatsleiterin Dr. Eva-Maria Zehrer führte ins Thema ein. Auch der "Held von der Oder" - so stellte die Moderatorin Kirchbach vor - hatte mit seinem Einsatz als Kommandeur der 14. Panzergrenadierdivision beim Oderhochwasser von 1997 beispielhaft gedient. Die durchnässten Deiche konnten gegen die zweite Flutwelle der Oder gehalten werden, ein Ereignis, das als "Wunder" in die Annalen einging. Später wird der Redner sagen, dass der Einsatz der Bundeswehr an Elbe und Oder "ein kräftiges Lichtzeichen gesamtdeutscher Solidarität" war. Kirchbach, der 1941 in Weimar geboren wurde, als Kind mit seinen Eltern in den Westen ging und als 19-Jähriger in die Bundeswehr eintrat, lebt seit zehn Jahren im brandenburgischen Eggesin.

Die deutsche Einheit sei in seinem Leben die nicht mehr erhoffte Wende gewesen. "Sie haben die Mauer von ihrer Seite eingedrückt", würdigt er die Rolle der Ostdeutschen. "Doch mit der Einheit erwachsen der Außenpolitik neue Herausforderungen. Außeneinsätze wie in Afghanistan werden der Bundeswehr auch künftig nicht erspart bleiben, "wenn wir Subjekt und nicht Objekt politischen Handelns sein wollen", macht Kirchbach seine Haltung deutlich. Der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr ist seit 2000 im Ruhestand und arbeitet ehrenamtlich als Präsident der Johanniter-Unfallhilfe.

"Wir Deutschen tun uns schwer mit dem freien und unbekümmerten Bekenntnis zu unserem Staat", meinte er Doch die Zurückhaltung sei verständlich, "ein Teil unserer gebrochenen Geschichte". Mit einem Zitat von Johannes Rauh zeigt er den Unterschied - "Patriot ist ein Mensch, der sein Vaterland liebt", der Nationalist verachte die Vaterländer der anderen. Kirchbach sieht sich als "gesamtdeutschen Patrioten". Dienen im demokratischen Staat definierte er in fünf Thesen: Leben in der Einheit, in Freiheit und Verantwortung, das Grundgesetz vertreten mit seinem Bekenntnis zu Menschenrechten und -würde, sich persönlich engagieren für das Gedeihen des Staates, die Wurzeln achten und Zusammenhalt üben. Stolz könne man in Deutschland sein auf die Kultur der ehrenamtlichen Mitarbeit. Langfristig gelte es, die Scheu vor einer längeren Bindung zu überwinden, in der Jugendarbeit die Perspektiven fürs Leben zu zeigen, Motivation aufzubauen und deutlich zu machen, für welche Werte man lebt. "Rechtsradikalismus", so Kirchbach, "hat etwas mit fehlenden Perspektiven zu tun."

Große Truppenkontingente der NVA hatte der General mit aufgelöst, andere Einheiten mit der Bundeswehr zusammengeführt. Verständnis und Fairness in diesem Prozess wird ihm nachgerühmt. "Was lief gut, was weniger gut?", wollte ein Besucher wissen. "Es lief insgesamt gut", gab Kirchbach Auskunft, "aber einiges hätten wir besser machen können". "Richtig war, NVA-Generale nicht zu übernehmen -wir wollten etwas Neues aufbauen". Bei der Überprüfung von Stasi-Mitarbeit - Befunde führten rigoros zur Entlassung - hätte man sich in Einzelfällen bei geringer Schuld toleranter zeigen können. "Auch militärische Sachen hat die NVA gut gemacht, zum Beispiel Schieß- und Fahrausbildung", meinte er. Doch man habe das System Bundeswehr übernommen.

Berufsarmee oder Wehrdienst?", die Frage bewegte mehrere Besucher mit Für und Wider. "Die Bundeswehr wird nicht zusammenbrechen ohne Wehrpflichtige", war sich Kirchbach sicher, "aber Tausende junger Leute würden eine wichtige Erfahrung nicht haben". Wenn sie sich umschaue bei der jungen Generation gebe es Freiheit nur in Bezug auf die Rechte. "Pflichten, Ehrgefühl und Familie stehen hintan, alles läuft aus dem Ruder - trotz hervorragend ausgestatteter Schulen und Kitas", gab die Oelsnitzer Oberbürgermeisterin Eva-Maria Möbius ihrem Missbehagen Ausdruck. Diesem Eindruck stellte Kirchbach die immer größer werdende Jugendorganisation der Johanniter gegenüber. "Das Allgemeinwohl in die Köpfe zu bringen", ist aus seiner Sicht "kein fruchtloses Bemühen". "Gut, dass kontrovers diskutiert wurde", freute sich Dr. Eva-Maria Zehrer. Das 1. Gespräch im Schloss war ein gelungener Auftakt für weitere Abende. Die Sitzrunde vor dem Eingang zur mittelalterlichen Sankt-Georgs-Kapelle bildete auch optisch eine gute Lösung. Das nächste Treffen ist für Mittwoch, 12. Mai, 19 Uhr, geplant. Das Thema heißt "Streng geheim - ein Freimaurer im Gespräch".  Renate Wöllner