Europäische Schnitzeljagd führt nach Plauen

Joseph Santerre teilt ein schreckliches Schicksal. Er kehrte nie wieder nach Hause zurück. Am 17. September 1905 wurde er im französischen Limerzel geboren. 1945 wurde er in Böhmen ermordet. Neffe Laurent Guillet verfasste in einem Buch nicht nur diese tragische Familiengeschichte, er dokumentiert sie auch mit acht Gedenktafeln in Europa. Acht Mahnmale. Eins steht in Plauen.

Plauen - Mit einer rein aus Spenden finanzierten Gedenktafel wird seit gestern in Plauen an das Kriegsschicksal des Franzosen Joseph Santerre erinnert. Der französische Autor Laurent Guillet hat nicht nur ein Buch über die Geschichte seines Großonkels geschrieben, er will die menschliche Katastrophe, stellvertretend für viele Opfer des Zweiten Weltkrieges, unvergessen machen. Nicht irgendwo, sondern in den Orten, wo Joseph Santerre lebte.

An acht weiteren Plätzen sind und werden aus diesem Grund noch weitere Gedenktafeln enthüllt. Ziel soll auch sein, eine Spur für die zukünftigen Generationen zu hinterlassen. Dieser Teil der Geschichte soll mindestens für die Dauer eines Jahrhunderts spürbar bleiben und mahnen, so die Vision von Guillet.

Mit rund 50 Reisebegleitern fährt er seit 18. September mit dem Bus durch Frankreich, Deutschland und Tschechien und besucht die Lebensstationen seines Großonkels. Mit auf der Reise sind Familienangehörige, Enkel von Deportierten, Kriegsgefangene, Kriegskinder und geschichtsbegeisterte Franzosen.

Joseph Santerre ist mit großer Wahrscheinlichkeit Anfang 1945 in Nordböhmen ermordet worden. Zuvor saß er in einem Arbeitserziehungslager der Gestapo in Plauen. Ende 1944 soll er der Geheimen Staatspolizei auffällig geworden sein. Bereits vier Jahr zuvor geriet Santerre in deutsche Gefangenschaft, wurde in den Bergbau geschickt und musste Zwangsarbeit leisten, hat Großneffe Laurent Guillet in einer zweijährigen Recherche herausgefunden und in seinem Buch "Er hieß Joseph" veröffentlicht. Das 448 Seiten umfassende Buch entstand auch mit Unterstützung des Plauener Museumsmitarbeiters Gerd Naumann. Lückenlos konnte das Leben von Santerre nicht wieder aufgearbeitet werden. Viele Unterlagen in den Archiven seien verschwunden oder vernichtet worden, sagt Neffe Guillet.

"Wir Plauener können uns an schöne und stolze Zeiten erinnern, aber auch an Zeiten, die man als Schande bezeichnen kann", sagte Bürgermeister Uwe Täschner bei der feierlichen Enthüllung einer der acht Gedenktafeln an der Mauer zum Eingang der ehemaligen Justizvollzugsanstalt. Hier soll sich 1945 Santerre kurzzeitig aufgehalten haben. Besonders die Jahre zwischen 1923 und 1945 seien kein Aushängeschild gewesen, so Täschner. "Plauen hat seinen Anteil an dieser Geschichte."

Es ist nicht die erste Gedenktafel an der Gefängnismauer. Auf einer Steintafel wird an das Schicksal Jugendlicher nach 1945 erinnert. Santerres Tafel musste hier angebracht werden, weil die authentischen Orte des historischen Geschehens in Plauen nicht mehr existieren. Dazu gehört das Arbeitslager "Straflager Sachsenhof" an der Morgenbergstraße 43 und die Arnold Ritter Maschinenfabrik am Rinnelberg 14a.

Der letzte Gedenkstein soll im nächsten Jahr in Frankreich enthüllt werden. Laurent Guillet hat dazu Oberbürgermeister Ralf Oberdorfer und Bürgermeister Uwe Täschner eingeladen. Gleichzeitig warb er, dass die Leute sich auf die Reise begeben und ebenfalls die Spuren der Vergangenheit besuchen sollen. "Kommen Sie an die Orte, sie werden nicht enttäuscht sein. Das Internet gibt nicht alles", sagt Guillet.