"Es war niemand auf der Straße"

Der Plauener Tim Rudolf weilte ein halbes Jahr in China, er erlebte dort den Ausbruch des Corona-Virus. Nun ist der Student wieder gesund in Deutschland. Beeindruckt zum einen ob der Größenordnung der Epidemie und zum anderen wir das Riesenland China damit umgeht.

Von Frank Blenz

Plauen/ Chongqing - "Dass sich etwas veränderte, merkten wir erstmals in der Nacht vom 24. auf den 25. Januar um Mitternacht, da wir eigentlich auf ein farbenfrohes Feuerwerk warteten, was jedoch nicht stattfand. Schließlich begann am 25. Januar für die Chinesen das Jahr der Ratte", berichtet Tim Rudolf im Gespräch. über den Ausbruch des Coronavirus in China.
Tim Rudolf ist Student der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (Jura und Wirtschaftsrecht) und absolviert ein Auslandsemester an der Southwest University of Political Science and Law in Chongqing (CQ).
Chongqing? "Das ist die größte Stadt der Welt mit aktuell mehr als 32 Millionen Einwohnern", sagt Rudolf. "Bis zum 22. Januar war kaum etwas zu spüren, das Leben lief ganz normal weiter", so der Plauener über den Beginn der Krise. Danach trugen mehr und mehr Menschen einen Mundschutz.
"Am 23. Januar wurde Wuhan abgeriegelt. Man merkte langsam, dass auch andere Provinzen Maßnahmen ergreifen werden. In CQ war die Lage weiterhin entspannt, da durch das Frühlingsfest eh deutlich weniger Menschen in der Stadt waren. Über meinen chinesischen Handyvertrag bekam ich täglich ein bis zwei SMS vom Gesundheitskomitee der Stadt Chongqing, wie man sich in der aktuellen Lage verhalten soll: "Bleiben Sie Zuhause!", "Meiden Sie öffentliche Plätze!", "Vermeiden Sie nicht nötige Zugreisen!"."
Rudolf erlebte ein Land, in dem viel unternommen wurde, die Verbreitung des Virus zu verhindern. Und Momente ohne Panik. "Meine Mutter war zu einem Besuch extra zum chinesischen Neujahr gekommen, wir wollten uns jedoch nicht in CQ festsetzen lassen und entschieden uns spontan nach Zhangjiajie - dort befinden sich die berühmten Avatar-Berge - zu fahren. Dort war es sehr entspannt, wenige Menschen trugen Mundschutz, da es noch keine Fälle gab, sodass man dort fast ein normales chinesisches Stadtleben vorfand."
Was zu beobachten war: Restaurants und Supermärkte ließen ihre Gäste und Kunden nur mit Mundschutz rein, die Züge nach und von Zhangjiajie waren nicht sehr voll. "Zurück in CQ dachte ich, das ist eine Geisterstadt: In der Innenstadt waren kaum noch Geschäfte geöffnet, alles war wie ausgestorben. An unserem letzten Abend in Chongqing war es uns nicht möglich, einen geöffneten Laden für Lebensmittel zu finden. Wir waren auf die Hilfe unseres Hotels angewiesen waren, die uns auch mit Wasser aushalfen."
Was Tim Rudolf ebenfalls beobachtete: "Es war ruhig in der Stadt, Panik und Hysterie kamen nicht auf. So etwas erfuhren wir nur von europäischen Medien und durch die besorgten Nachrichten von Freunden und Verwandten."
Rudolf fuhr mit seiner Mutter in einem fast leeren Zug in die Hauptstadt Peking. Dort schien alles recht entspannt. "Es gab zwar überall Einlasskontrollen, bei denen unsere Körpertemperatur gemessen wurde, an sich waren aber erstaunlich viele Touristenattraktionen geöffnet, sodass wir ein fast uneingeschränktes Sightseeing in Peking machen konnten. Und das Beste: Es waren kaum Touristen unterwegs, normalerweise ist Peking überfüllt."
Sein Fazit. "Wir haben uns stets über die Reisehinweise des Auswärtigen Amts und die Informationen des Robert-Koch-Instituts und die Meldungen der chinesischen Regierung informiert. Wir hatten stets das Gefühl, den Maßnahmen der Chinesen vertrauen zu können und die Lage für uns selbst im Griff zu haben. Die konkreten Beeinträchtigungen durch Corona waren das Tragen von Mundschutz, Beeinträchtigungen durch Hotelstornierungen und damit verbundene Umbuchungen. "Die stärksten Beeinträchtigungen", kritisiert Rudolph "gab es durch Reaktionen aus dem Westen, was auch zu jeder Menge Flugstreichungen führte. Meines Erachtens waren die Reaktionen aus Europa völlig übertrieben. Außerhalb Wuhans haben die Chinesen die Lage absolut im Griff und das Ansteckungs- und Ausbreitungsrisiko war und ist relativ gering. Die intensiven und vielen Kontrollen der Chinesen haben einem ein sicheres Gefühl gegeben. Vielmehr haben wir uns von Airlines wie Lufthansa im Stich gelassen gefühlt, da das Risiko für Crew und Passagiere am neuen Virus zu erkranken deutlich geringer war, als sich mit Grippe zu infizieren. Schließlich darf man nicht vergessen, dass in China fast 1,4 Milliarden Menschen leben. Und eins noch: Wo sollten wir uns auch anstecken, es war ja niemand auf der Straße." Bei seiner Ankunft in Deutschland, wundert sich Tim, habe es keinerlei Kontrollen gegeben. Und auch kein Formular musste ausgefüllt werden."