Es war einmal ein Peugeot

Heute führt unser Adventskalender-Rätsel in die Vogesen. Zu einem Schlitten. Holen Sie sich ein paar Kekse, lehnen Sie sich zurück und machen Sie es sich gemütlich. Denn Geschichten wie die folgende, schreibt das Leben nur, wenn es besonders gute Laune hat.

Von Marko Wild

Pausa - Harald Schick lebt allein. Seine Wohnung hat jede Menge DDR-Flair. Er bittet ins Wohnzimmer. "Kaffee?" Die gläserne Kanne hat in diesem Jahrzehnt noch kein Spülbecken aus der Nähe gesehen. "Ja, gerne", antworte ich. Fünf Minuten später reisen wir in die Vergangenheit, in eine Geschichte, wie aus einem Film. Schick steckt sich eine Zigarillo an und erzählt...:
"Zu DDR-Zeiten besaß ich einen Reisepass. In dem stand ,für alle Länder dieser Erde‘ und ,Gültigkeit unbegrenzt‘". Schick arbeitete für eine DTSB-Bezirksdirektion als ,Vorauskommando‘. Ab Ende der 1970er organisierte er im Ausland Unterkünfte und Wettkampftermine für DDR-Athleten. Manchmal organisierte er auch andere Dinge. Die in der DDR raren Pirelli-Reifen für den Geraer Radsportclub, in dem Olaf Ludwig trainierte, zum Beispiel. Oder Fluchtwegpläne großer Hotelkomplexe. Was der Staat eben so brauchen konnte.
Den Job hatte er nach einem Studium an der DHfK bekommen, weil sein Vorgänger sich abgesetzt und Schick "absolut keine Westverwandtschaft", ja noch nicht einmal ein Westpaket bekommen hatte. "Schick, sie jefallen mir!" hatte der Mann gebrüllt, vor dem selbst Schicks Vorgesetzter die Hacken zusammen knallte wie ein preußischer Gefreiter. Schick fand nie heraus, wer ihm den Reisepass über den Tisch schob, in dem sich Schick auf einem Foto sah, an das er sich überhaupt nicht erinnern konnte.
"Vorauskommandos hatte jedes Land", fährt er fort. In Hotels traf man immer wieder die gleichen Gesichter, nickte sich zu, grüßte sich. DDR-Vorauskommandos unterschieden sich nur in einem Punkt: sie waren die einzigen, die HammerundSichelimÄhrenkranz groß auf der Brust ihrer beige-grauen Dienstsakkos tragen mussten. Kein anderer Staat schmückte seine Leute mit dem Staatsemblem. Schick schüttelt den Kopf. Die Zigarillo glimmt.
Zehn Jahre hatte er gut verdient im Dienst für die Athleten des real existierenden Sozialismus. Ein Gehalt, knapp doppelt so hoch wie der Durchschnittsverdienst, dazu Spesen. Anfang Sommer 1988 wurde Schick nach Berlin gerufen. Spezialmission. Ein Abstecher zur Tour de France. Auftrag: Eine Etappe im Begleit-Tross mitfahren und herausfinden, ob es möglich ist, dass die Tour de France einmal in die DDR kommt. Und wenn ja - die DDR brauchte Devisen - wie viel die Franzosen sich das kosten lassen würden. Harald Schick und sein Partner bekamen einen gelben Wartburg, die Limousine, schon nicht mehr ganz taufrisch. Am 11. Juli 1988 fuhren sie damit nach Belfort am Fuße der Vogesen, knapp 100 Kilometer hinter Freiburg im Breisgau, Startort der 10. Etappe am nächsten Tag. Die DDR hatte sie angekündigt. Ein Zimmer im Hotel, in dem der gesamte Tour-Stab nächtigte, war reserviert.
Als der französische Ansprechpartner den Wartburg erblickte, schüttelte er den Kopf. "Mit dem könnt ihr nicht mitfahren." Wie die meisten Verantwortlichen der Franzosen sprach er gut Deutsch. Sein Unterarm ging in die Schräge und zeigte die Steigung auf der morgigen Etappe an. "Das schafft der nicht. Wir fahren hier alle mit Automatik. Schaltgetriebe in den Bergen … pas si bon". Am nächsten Morgen bekamen Schick und sein Kollege Zündschlüssel in die Hand gedrückt. Vor dem Hotel stand der Schlitten: ein Wagen aus dem Peugeot-Konzern, Talbot Horizon SX, 83 PS, Automatik, Viertürer, neu. Absolute Sahne. Damit fuhren sie als letztes Fahrzeug im Tross die 150 Kilometer lange Etappe mit. Direkt vor dem "Besenwagen", der die entkräfteten Fahrer einsammelt. Zum Abendessen hatten Harald Schick und sein Kollege ein Rendezvouz mit den Tour-Managern. Im Restaurant des Hotels wurden sie in großer Runde am Tisch empfangen. Die Sakkos ordentlich, an der Brust das peinlich-stolze Emblem. Sie bekamen zehn Minuten.
"Kosten lassen?" Schick ist sich sicher, dass die Franzosen hinterher über sie lachten. Es sei so, klärte man die beiden auf, dass sich Städte jahrelang im Voraus bewerben, um einmal Etappenort sein zu können. Dafür würden sie zwischen 100.000 und 300.000 Franc an die Tour zahlen müssen. Damals viel Geld. Selbst für einen Zwischensprint war ein Dorf bereit, 50.000 Franc zu berappen. Nein, zahlen würde die Tour an keinen. Man müsse schon selbst bereit sein, in die Tasche zu greifen, um die Tour zu bekommen. Harald Schick und sein Kollege nickten. Nix mit Devisen. So funktionierte Kapitalismus. Das war es, wofür den DDR-Bürokratenhirnen das Vorstellungsvermögen fehlte. Die beiden verabschiedeten sich brav, gingen hoch und leerten die Zimmerbar.
Als sie am nächsten Morgen vor das Hotel in Besançon traten, stand da jemand und schien zu warten: der "Peugeot". Schick, der den Schlüssel noch hatte, fragte an der Rezeption, was mit dem Auto geschehen solle. Man hob die Schultern und verwies ihn an das städtische Autohaus. Dort ergab ein Blick in die Fahrzeugpapiere, dass der Besitzer des Wagens offenbar ein gewisser "Harald Schick" war. Schicks Kollege wurde blass. Seine erste Auslandsreise. Und dann so was. Das würde Probleme geben. Schick, der etwas Französisch sprach, bat darum, herauszufinden, was das alles bedeuten sollte. Der Inhaber rief in Paris an, bekam die Tour-Leitung an den Apparat und erfuhr: der Wagen sei ein Geschenk der Tour de France an Monsieur Harald Schick.
"Hier lassen können wir ihn nicht", sagte Schick. "Wenn der geklaut wird, sind wir verantwortlich." Schicks Kollege wollte mit der Sache nichts zu tun haben. "Ich fahre den Wartburg", entschied er. Die paar Franc aus der DDR reichten, um beide Autos zurück zu bringen. Am Grenzübergang Eisenach gab es den erwarteten Stress. "Sie wollen uns wohl verarschen?", rief der Beamte, nachdem Schick alles dargelegt hatte. Der Mann griff zum Hörer und sagte dann: "Ihnen wird die Weiterfahrt vorerst gestattet. Sie werden von uns hören."
Schick und sein Kollege steuerten ihre Bezirksdirektion an. Dort war man bereits informiert; allerdings wusste keiner, was mit dem Auto geschehen sollte. Schick nahm es mit nach Hause. Fünf Tage fuhr er mit dem Schlitten herum und war der King of Bewunderung. Dann kam der Brief. 40.000 Mark sollte Schick zahlen. Zollgebühren. Das wären all seine Ersparnisse gewesen. Schick beriet sich mit seinem Vater. Es würde schwer sein, Ersatzteile für den Wagen zu bekommen. Schick bat seine Dienststelle um Hilfe. An nächsten Tag bekam er ein Angebot von Unbekannt: 35.000 Mark für den Wagen - oder ihn behalten und die Zollgebühren übernehmen. Schick entschied sich für das Geld. Der Wagen verschwand nach Berlin oder einen anderen Ort, wo man auf Luftfederung stand, und ward nie mehr gesehen. Schick zündet sich noch eine an, atmet langsam den Rauch aus und sagt: "das war's."

Adventsrätsel zum Kalenderblatt 6: Was wollte Schicks Partner mit der Sache zu tun haben? Schreiben Sie die Lösung bis zum 9. Dezember auf eine Postkarte an: Redaktion Vogtland-Anzeiger, Postplatz 12, 08523 Plauen. Oder mailen Sie an:redaktion@vogtland-anzeiger.de. Oder beteiligen Sie sich über Facebook. Für alle gilt das Kennwort: Kalenderblatt 6. Zu gewinnen gibt es eine Figur der Serie "Finn & Finja", gesponsort von Drechslerei Kuhnert, Rothenkirchen.
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