Es war einmal...

Ein Gastkommentar von Landrätin Martina Schweinsburg, Greiz

Es war einmal und es ist noch gar nicht lange her, da war Deutschland das Land der Dichter, Denker und der Wissenschaftler. Dichter und Denker aus der ganzen Welt haben die deutsche Sprache gelernt, um die für sie einschlägige Literatur im Original lesen und verstehen zu können. Vielleicht sollte ich Sie, liebe Leserinnen und Leser, jetzt schon mal vorwarnen, denn mit dem üblichen Plauderton der Kolumne habe ich mich dieses Mal schwer getan. Selbst ich kann in der Verbissenheit, mit der deutsche Sprachreiniger, Moralisten und Ideologen unsere Muttersprache als ihr politisches Kampffeld entdeckt haben, nicht den geringsten Humor finden.
Ernsthaft habe ich mich bemüht, die neue Interpretation unserer Sprache zu erlernen und anzuwenden. Das ist schon im Schriftbild schwierig mit all den Gendersternchen, dem nunmehr üblichen Ende eines Wortes, welches Personen bzw. deren Tätigkeiten beschreibt, ganz abgesehen davon, welche sinnentleerten Wortkonstrukte dabei entstehen. Sind Dichter*Innen und Denker*Innen denn wirklich zu jeder Tages- und Nachtzeit auch Dichtende und Denkende?
Wie spricht sich eine Sprache, die in ihrem Fluss ständig irgendwelche Kunstpausen hat? Aber vielleicht ist das Sprechen gar nicht das Problem, sondern das Verstehen?

 


Zu einer Anhörung zur Änderung der Thüringer Kommunalordnung im Landtag hat eine Abgeordnete einer Partei, die gerade mit Mühe die Fünf-Prozent-Hürde genommen hat, ständig von Stadträtinnen und Gemeinderätinnen gesprochen. Höflich habe ich die Frau darum gebeten, zur Kenntnis zu nehmen, dass in unsere Stadt- und Gemeinderäte auch sehr viele Männer gewählt wurden. Da hatte ich ja etwas gesagt! Weitschweifig wurde ich belehrt, dass ich genau hinhören solle, schließlich meine sie ja mit ihrer Aussprache beide Geschlechter. Damals habe ich der Frau sehr deutlich gesagt, dass ich auf die Worte höre und nicht auf die Sprachpausen, obwohl das in diesem Falle inhaltlich sicher besser gewesen wäre.
Haben Sie schon einmal einen längeren, vorschriftsmäßig gegenderten Text gelesen? Wegen des interessanten Themas habe ich mir dieses "Vergnügen" angetan, denn es handelte sich um eine sehr gute, wissenschaftliche Ausarbeitung zu Corona und der Sinnhaftigkeit, Akzeptanz und den Auswirkungen der praktizierten Bekämpfungsmaßnahmen. Inhaltlich war und ist der Beitrag hochinteressant, aber seine konzentrierte Lektüre eine Katastrophe! Wenn solche Wortungetüme wie Schüler*Innen, Lehrer*Innen, die gleichzeitig, aber nicht immer Lernende und Lehrende sind, Wissenschaftler*Innen, Ärzt*Innen, Politiker*Innen, Denker*Innen und Analytiker*Innen, die gleichzeitig und doch nicht immer Denkende und Analysierende sind, dann wird die nunmehr ständig in Rede stehende Weiterentwicklung und Modernisierung unserer Muttersprache einfach nur fragwürdig.
Vielleicht sollten in unsere Muttersprache zur besseren Betonung der Gendersternchen die in der Sprache der südafrikanischen Buschmänner üblichen Klicklaute eingeführt werden? Und obwohl "Buschmänner" eine durchaus geläufige Bezeichnung für diesen Stamm ist und damit alle Geschlechter gemeint sind, müssten wir dann wohl als die Urheber dieser neuen Klicklaute in unserer Sprache von ,,Buschleuten (m/w/d)‘‘ oder ,,Buschmänner*Innen‘‘ oder von Buschmännern, Buschfrauen und Buschkindern reden und schreiben.
Interessant ist bei diesem Thema wirklich noch, wer eigentlich bei Nichtanwendung dieser Sprachungetüme diskriminiert wird oder sich diskriminiert fühlt? Der Stamm der Buschmänner sicher nicht, der spricht seine Sprache seit Jahrtausenden und würde sich gewiss schwer tun, in seiner Klicksprache noch gendern zu müssen. Aber sicher würden sich die Schöpfer solcher neuen Merkwürdigkeiten nicht genügend beachtet und gewürdigt sehen, vielleicht sogar diskriminiert?
Das wäre doch einmal ein richtiges Wahlkampfthema! Konkret, wer wird heutzutage so alles diskriminiert und für welche diskriminierte Gruppe muss gekämpft werden? Für die Dicken oder die Dünnen? Für Radfahrer oder Autofahrer? Für Kranke oder Gesunde? Für Alte oder Junge? Für Genderbefürworter*Innen oder die Verweigerer des Genderwahns?
Diese Aufzählung lässt sich sicher beliebig fortführen und hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Wenn ich es mir aber richtig überlege, gibt es eigentlich nur noch ganz wenige, die heutzutage bei uns nicht diskriminiert werden. Ist diese Minderheit der ,,Nichtdiskriminierten‘‘ nicht der Teil der Bevölkerung, der eigentlich diskriminiert wird?
An alle Wahlkämpfer, die für die absolute Gleichmacherei von allen kämpfen, jetzt habt ihr euer Thema! Alle sind nur absolut gleich, wenn auch der oder die Letzte
bierernst rufen darf: "Hurra, auch wir sind endlich diskriminiert!"

Erschienen am 13. August 2021 im Kreisjournal des Landkreises Greiz