Es lebe das Buch

Lange hat es darauf gewartet, zur Hand, aufgeschlagen und gelesen zu werden. Weihnachten 2020 schlägt die große Stunde des Buches. Das angeblich "härteste Weihnachten ever" ohne die bucklige Verwandtschaft, verpflichtende Besuche und Geschenkewahn birgt Chancen auf stille Lesestunden bei Weihrichkerzeln und Kerzenschein.

Von Cornelia Henze

Auerbach -  In der guten Stube des vogtländischen Literaturpapstes Frieder Spitzner ist alles auf Weihnachten mit Literatur geschaltet. Gut, ein Großteil der sich von 1990 auf 800 Werke vogtländischer Autoren summierten Lektüre verbringt das Fest unberührt im Bücherregal der Vogtländischen Literaturgesellschaft Julius Mosen in Marieney. Einige Neuerscheinungen aus 2020 hat sich dessen Vorsitzender Frieder Spitzner indes in sein Wohnzimmer geholt. Als Festtagslektüre zwischen Stollen und Gänsebraten. Da wären ganz druckfrisch Volker Müllers (Greiz) "Gutgemeinte Nadelstiche" (Engelsdorfer Verlag), denen sich Spitzner ganz schmerzfrei unterziehen wird. Ebenso wie Müllers Gedichtband sind die "Schatten der Zeit - oder Geschichten von kleinen Leuten im Vogtland" frisch aus der Presse gekommen. Autor ist der Arzt Dr. Jörg M. Pönnighaus aus Fröbersgrün, der im schöpferischen Ruhestand Patientengespräche zu Papier bringt - mal in Lyrik, mal in Prosa. Diesmal in dem ihm eigenen verknappten Protokollstil. Als Autor selbst zurückhaltend, lässt er 25 Männer und Frauen Lebensrückschau halten, die in Anbetracht ihres meist hohen Alters bis in Kriegs- und Hungertage zurück reichen.
Wem Kriegserinnerungen zu düster scheinen und auf der Suche nach der Lektüre für die ganze Familie ist, empfiehlt Frieder Spitzner "Sagenhaftes Vogtland". Autor Ekkehard Glaß, der sein Sagenbuch mit Illustrationen seiner Schwiegertochter Andrea Glaß veredelt und unter den Untertitel stellt "Wenn Opa erzählt", blickt übrigens in diesen Tagen Vaterfreuden entgegen, wie der Buschfunk verrät.
Wenn es im Advent heimelig wird und der Vogtländer sich auf die Hutzntradition seiner Vorfahren besinnt (Achtung: zu Corona-Zeiten ungern gesehen!), rückt auch die Mundart wieder ins Hier und Jetzt. Zeit, um sich in Eberhard Navratils "Des woars frs Erscht" und Elfriede Voigts Kindheitserinnerung "Die Butter-Jette oder Erinnerungen an den Gasthopf zum Meix bei Pillnitz" zu vertiefen.
Den TV-Krimis Konkurrenz machen im Vogtland zwei schreibende Damen: Krimi-Queen Maren Schwarz‘ Ermittlerin führt den Leser mit "Inselsumpf" einmal mehr auf Rügen. Herausgeberin Petra Steps eint in "Glück auf - Oje du fröhliche" 24 kriminelle Geschichten aus dem Weihnachtsland, erzählt von verschiedenen regionalen Autoren. Und noch einmal zeigt Petra Steps ihr gutes Händchen für Regionalliteratur: Diesmal macht sie mit dem Farbbildband "Schlösser & Burgen" auf unser Sachsen Appetit - zu erkunden, wenn Corona das Reisen wieder zulässt.
Ganz genau sollte man den literarischen Geschmack desjenigen kennen, dem man eines dieser drei Werke unter den Baum legt: Als Stiftungsrat der e.o.plauen Stiftung und Mitglied des Deutschen Marinebundes hat Prof. Dr. Lutz Kowalzick die 150 Karikaturen herausgepickt, die Erich Ohser (e.o.plauen) zum Thema See- und U-Boot-Krieg zeichnete (Der Seekrieg 1939 - 1944 in der politischen Karikatur Erich Ohsers - Kerschensteiner Verlag).
In Bergen lebt mit Rüdiger Bernhardt der Mann, welcher Abiturienten das Interpretieren der Werke großer Dichter und Denker erleichtert. Aktuell legt der Literaturprofessor eine Lektürehilfe unter der Reihe "Königs Erläuterungen" zu Heinar Kippardts "In der Sache J. Robert Oppenheimer" vor. Wer‘s nicht weiß: Oppenheimer gilt als der Vater der Atombombe.
Explosiv in der Farbe geht es auch zu in Frank-Herbert Zaumzeils kleinem Bildband "Der Weg neben der Spur". Drei Monate vor seinem 80. Geburtstag reflektiert der Maler und Grafiker aus Kleingera sein Künstlerleben und ausgewählte Werke. Denn keinesfalls will er Kunstfreunde im Unklaren lassen und ihnen die Frage überlassen: Was will der Künstler uns damit sagen? Zaumzeil sagt es höchstselbst.
Belletristik und Lyrik. Autobiografisches und Fiktives. Mundart und die hohe deutsche Sprache. Wörter und Bilder. Ernstes und Humorvolles. Die Vielfalt dessen, was vogtländische Autoren 2020 vorlegten, ist groß. Dennoch einte alle selbiges Problem: Das Corona-Jahr bescherte Autoren abgesagte Lesungen und Messen, fehlende Werbung, zugeschlossene Buchhandlungen und Bibliotheken. "Für Literaten ein ganz schlechtes Jahr", konstatiert Spitzner und wirbt einmal mehr dafür, regionale Literatur zu erwerben. Rund 60 Neuerscheinungen pro Jahr registriert Frieder Spitzner seit 2006, dem Jahr, in dem er den Vorsitz der Literaturgesellschaft übernahm. Corona geschuldet, legte 2020 ein Drittel weniger der Autoren einen Neuling vor.
Zeit also in einemmagereren Literaturjahr das Archiv zu sichten und nach 800 Exponaten mit Vogtlandbezug von 1990 bis 2019 einen Cut zu machen. Alles bis dorthin Erschienene erklären die Mosen-Freunde zur Nachwendeliteratur. Nahezu abgearbeitet seien Kriegserinnerungen, DDR-Geschichte und -Aufarbeitung. Nun darf Neues kommen. Aber was? Frieder Spitzner ist sich sicher, dass das harte Corona-Jahr viel Raum für Worte lässt, wie das Virus unser Leben und unsere Arbeitswelt verändert. Da sei viel Unklarheit, wie es weitergehe, meint der Literaturkenner. Auch Fragen der Welterhaltung, Solidarität, des Klimas und der Flucht werden viele Seiten füllen.
Aktuell rufen die Mosen-Literaten Autoren (und die, die es werden wollen) auf, die Vereinsseite mit Geschichten, Beiträgen, Lyrik zu füllen. Ein kleiner Wettbewerb, der bis zum 10. Januar 21 läuft.
www.literaturgesellschaft-vogtland.de

Kalenderblatt 24:

Wie viele Werke vogtländischer Autoren hat die Literaturgesellschaft Julius Mosen in Marieney in ihrer Sammlung stehen? Wer das weiß, sendet die Lösung unter Kennwort "Kalenderblatt 24" bis Montag, 28. Dezember, per Postkarte an den Vogtland-Anzeiger, Postplatz 12, in 08523 Plauen oder per Mail an redaktion@vogtland-anzeiger.de oder postet es unter den Beitrag auf unserer Facebook-Seite. Zu gewinnen gibt es am heutigen Heiligabend die XXL-Finja Figur - unsere letzte Figur des diesjährigen Adventskalenders. Die Redaktion des Vogtland-Anzeigers bedankt sich herzlich bei der Drechslerei Kuhnert Rothenkirchen für die gesponserte Finn & Finja-Reihe und wünscht ein frohes Weihnachtsfest.
Der Gewinner von "Kalenderblatt 21" steht fest: Glückwunsch an Ulli Müller aus Greiz. Er wusste das Lösungswort "Berufsschule". Der Preis kann in der Redaktion abgeholt werden.
www.holzkunstartikel.de