"Es ist vieles im Argen"

Hunderte Menschen unternahmen am Samstag - wie bereits eine Woche vorher - einen sogenannten Spaziergang in Zeiten der Corona-Pandemie. Eine zweite politische Veranstaltung fand auf dem Altmarkt statt, organisiert vom Runden Tisch.

Von Frank Blenz 

Plauen  Zu demonstrieren in Tagen voller Ver- und und Gebote, sich zu artikulieren auch nach den Lockerungen der Corona-Maßnahmen und dem Rückgang der Infektionszahlen, das hatten sich die mehr als 600 Bürger verschiedenster Generationen vorgenommen. Die Teilnehmer gingen wieder eine Schleife vom Wendedenkmal über die Bahnhofstraße gen Forststraße, zurück auf die Bahnhofstraße, hin zum Wendedenkmal und nicht bis zum Altmarkt.
"Ich nehme mir das Recht der Demokratie heraus, weil mir das das Grundgesetz garantiert. Es ist soviel im Argen, es wird bis heute viel nicht richtig gemacht. Mit Blick auf die Zukunft sehe ich bisher fast keine Anzeichen, dass es kein Weiter so gibt, deshalb gehe ich spazieren", formulierte Teilnehmerin Renate Wünsche ihre Gedanken. Wünsche ist Mitstreiterin im Förderverein des Komturhofes, engagiert in der Plauener Kommunalpolitik. "Den Kritikern, die den Spaziergang in Gänsefüßchen schreiben und uns teils wüst betiteln und in die Nazi-Ecke stellen, will ich sagen, dass es eben nicht gegen vernünftige Maßnahmen zu demonstrieren gilt, gegen widersprüchliche, nicht nachzuvollziehende, aber schon. Die Politik ändert sich nicht für die Interessen einfacher Leute, sie macht beispielsweise das Gesundheitswesen nicht richtig fit für alle. Das kostet viel Geld. Ich wüsste schon woher wir das nehmen könnten: Wir brauchen keine neuen Jagdflugzeuge, wir brauchen keine Rüstungsspirale nach oben. Ich sehe keinen Feind", so Wünsche.
Dass die Teilnehmer der Aktion meist ohne Schutzmasken und wenig Distanz liefen, sieht Caroline Pflug, Gastronomin und Betreiberin eines Szenelokals und zweier Imbiss-Wagen, aus ihrer Sicht so: "Wir können nicht zu Hause sitzen und still halten. Es ist nicht so, dass man das Virus nicht fürchtet, es ist schlimm. Keiner will krank werden. Doch wir wollen nicht so mit diesen jetzigen widersprüchlichen Verordnungen auf Dauer weitermachen. Es ist schizophren. Wenn ich beim Bäcker eine Maske, die Verkäuferin aber keine tragen muss und sie mir die Semmeln übern Tresen reicht wie immer, dann ist das kein Einzelbeispiel. Es wird in vielen Lebenssituationen etwas hygienisch streng vorgegeben und im selben Moment nicht umgesetzt."
Die Demonstration beobachteten viele Passanten, auch Christian Roscher, Musiker und Sänger der Band Polis. "Ich verstehe die Menschen, dass sie auf die Straße gehen, ich finde auch, dass sie nicht beschimpft werden dürfen, es gibt so viele böse Ausdrücke von Verschwörung bis Aluhut, auch wenn tatsächlich einige schräge Leute unter den Teilnehmern sind. Man kann es sich aber nicht zu einfach machen und sagen ‚Ihr lauft da nicht mit'. Das ist eben keine Demonstration mit Rednerpult. Wir sind letztlich alle betroffen und es kann lange dauern", so Roscher, der selbst seit Monaten nicht mehr auftreten kann. "Das Beste ist wohl wie es Helge Schneider sagt, nicht aufzutreten, denn man braucht den Dialog."
Für einen Dialog hatte auf dem Altmarkt, im Schatten einer Häuserzeile, der Runde Tisch für Demokratie, Toleranz und Zivilcourage vier Stehtische aufgebaut. "Wir laden ein, miteinander über Sorgen, Ängste und Kritik friedlich und mit Anstand zu reden", sagte Mitorganisatorin Ulrike Liebscher. Gesprächsbereit waren unter anderem der Landtagsabgeordnete der Grünen, Gerhard Liebscher mehrere Kommunalpolitiker der SPD, der Linkspartei und der Kirche. Allein, der Dialog kam nicht zustande, wohl auch, weil der Spaziergang nicht auf dem Altmarkt, sondern am Wendedenkmal endete.