Erste Volkszählung seit der Wiedervereinigung

Seit Cäsars Zeiten zählen Staaten ihr Einwohner. Vor 40 Jahren wurden erste Ergebnisse der 1971er- Zählung veröffentlicht. Doch die Einwohnerzahl wurde dem DDR-Volk damals vorenthalten.

 

Plauen - Am 9. Mai ist es soweit. Dann wird zum ersten Mal seit der Wiedervereinigung das gesamte deutsche Volk gezählt - beim Zensus 2011, der zeitgleich in allen Mitgliedsstaaten der EU stattfindet. Es ist jedoch nicht die erste Befragung auf vogtländischem Gebiet. Vier Mal ließ die DDR ihre Einwohner zählen, 1950, 1964, 1971 und 1981.

Über die "Volks-, Berufs-, Wohnraum- und Gebäudezählung" vor vier Jahrzehnten wurde die Bevölkerung von der staatlichen Zentralverwaltung für Statistik auch per Tageszeitung informiert. Am 18. November 1970 veröffentlichten die damaligen Bezirkszeitungen auf einer ganzen Seite Ausrisse aus den Listen, die für jede im Haushalt lebende Person ausgefüllt werden mussten. Nach dem Familienstand wurde damals gefragt, nach der Arbeitsstätte und der Art des Einkommens - aus Berufstätigkeit? Einem Stipendium? Aus Sozialfürsorgeunterstützung?

Außerdem mussten Angaben über die ausgeübte Tätigkeit gemacht werden und über die "abgeschlossenen Bildungsstufen" vom Klasse-Acht- über Facharbeiter- und Meister- bis zum Hochschulabschluss war alles relevant. Mittels Wohnungsliste wollten die Statistiker auch alles über Größe und Ausstattung der Unterkünfte erfahren. Sind sie ans öffentliche Gasnetz angeschlossen, mit einem Bad versehen und zentralgeheizt? Wie groß sind Korridor, Küche, Abstellraum? Welches Zimmer ist bewohnt, welches steht leer, welches wird "zweckentfremdet"?

Das "gewissenhafte Ausfüllen der Zähllisten" sollte den Lesern nicht schwerfallen, wenn sie "diese Fragen schon jetzt durchdenken und sich gegebenenfalls fehlende Unterlagen beschaffen". Weitere Unklarheiten könnten mit dem ehrenamtlichen Zähler besprochen werden, der zwischen Weihnachten und Silvester 1970 die Listen an die Haustür bringen sollte. "Er behandelt alle Angaben vertraulich und hilft Ihnen, falls Sie es wünschen, auch beim Ausfüllen", hieß es.

Heute steht den Staats-Statistikern keine regierungsamtlich verordnete Zeitungsseite zur Verfügung, um über ihr Vorhaben zu informieren. Die Behörden haben das Internet für ihre Aufklärungskampagne entdeckt. "Wissen, was morgen zählt" ist dort ein griffiger Werbespruch für die große "Inventur" im Land. Immerhin 23 Jahre liege die letzte zurück - 1987 wurde in der BRD zuletzt gezählt, begleitet von einer aufgeregten Debatte über einen informationshungrigen Staat und den gläsernen Bürger. Seit der Wiedervereinigung hat es also keine Zählung gegeben.

Die soll jetzt nachgeholt werden. Allerdings wird nicht jeder Einwohner erfasst, sondern nur eine Stichprobe der Gesamtbevölkerung - etwa jeder Zehnte wird den mehrseitigen, grün unterlegten Fragebogen ausfüllen müssen. Die Statistiker interessieren sich nicht nur für Familienstand und Berufstätigkeit. Zusätzlich fragen sie nach der Staatsangehörigkeit, der Religionszugehörigkeit, Nebenjobs und dem Herkunftsland, wenn es sich um Einwanderer handelt. Die Stichprobe dient vor allem dazu, die Informationen der verschiedenen Register zu überprüfen, die für den Zensus abgefragt werden - Meldebehörden, Arbeitsagenturen und die Statistikämter der Länder steuern ihre Informationen für die Volksbefragung bei. Im Lauf der Zeit dürften sich nämlich in all den Registern einige "Karteileichen" angesammelt haben, die es per Volkszählung zu beseitigen gilt. Für die Gebäude- und Wohnungszählung werden nur die Eigentümer befragt; sie müssen angeben, wie viele Wohnungen es in ihrem Haus gibt, wann es gebaut wurde und wie es ausgestattet ist.

 

Interessant sind diese Angaben für die Statistiker, weil diese Daten nicht erfasst werden, also niemand genau weiß, unter welchen Umständen welcher Anteil der Bevölkerung wohnt. Das Sächsische Statistische Landesamt per Gesetz mit der Volkszählung betraut, geht von einer guten Million Eigentümern aus, die befragt werden müssen. In der ersten Januarwoche 1971 sammelten die Ehrenamtlichen zwischen Plauen und Rügen, Magdeburg und Frankfurt an der Oder die Listen wieder ein. Außerdem füllten die Zähler die Gebäudelisten aus; sie befragten dazu Verwalter und Eigentümer der Häuser.

Im März 1971 wurden in den Bezirkszeitungen unter der Schlagzeile "Zahlen, Fakten, Tendenzen" die ersten Ergebnisse der Volkszählung veröffentlicht. Es sei die bisher größte statistische Erhebung gewesen, "die jemals in der DDR vorgenommen wurde", hieß es in dem zweispaltigen Artikel. Fast eine halbe Million ehrenamtlicher Helfer hätten dabei eine zuverlässige Hilfe geleistet - auf je 39 der 17 Millionen Einwohner kam rechnerisch ein Zähler; ein Schnitt, der bei der diesjährigen Volkszählung nicht einmal annähernd erreicht wird. Im Vogtland werden ab 9. Mai etwa 25 000 Bürger von 250 Helfern befragt, die jetzt als Erhebungsbeauftragte bezeichnet werden. Da die Befragten ihre Antworten auch im Internet geben können und die Bögen per Post an die Erhebungsstellen geschickt werden dürfen, werden nicht mehr ganz so viele Zähler gebraucht wie noch vor 40 Jahren.

Die Auswertung wird jedoch sehr viel länger dauern. Anderthalb Jahre nach dem Stichtag sollen die ersten Ergebnisse des Zensus 2011 veröffentlicht werden. Die Statistiker der DDR teilten bereits drei Monate nach der Zählung die vorläufigen Ergebnisse mit. Demnach war zum 1. Januar 1971 jeder fünfte Einwohner Rentner. Wegen der geburtenschwachen Nachkriegsjahrgänge als "Folge der imperialistischen Kriege" habe auch der Anteil junger Frauen im gebärfähigen Alter im Vergleich zur 1964er Zählung abgenommen. "Dadurch wird die Entwicklung der Geburtenzahl negativ beeinflusst", schrieb damals das Bezirksorgan. Auch die DDR hatte also ein demografisches Problem von zu vielen Alten und zu wenig Jungen, nur wurde es damals nicht so benannt. Wie viele Einwohner gezählt wurden, verschweigt übrigens der Beitrag.

 

Es wird lediglich ein Bevölkerungszuwachs von 0,2 Prozent zwischen 1964 und 1971 angegeben, also 37 200 Menschen mehr. Die Online-Enzyklopädie Wikipedia notiert für die 1971er-Zählung ein Ergebnis von 17 068 318 Menschen. Sie lebten in sechs Millionen Wohnungen mit rund 16,2 Millionen Wohnräumen, meldeten die Bezirkszeitungen damals. Zahlen, an denen sich nachvollziehen ließ, wie viele DDR-Bürger in den Westen abgehauen waren, blieben ein eifrig gehütetes Staatsgeheimnis.  M. S.M. T.