Erst das Fressen, dann die Moral

Mit der Premiere der "Dreigroschenoper" von Kurt Weill und Bertolt Brecht am Vogtlandtheater zeigte sich das Publikum überaus zufrieden.

Plauen - "Weill schuf eine bewusst populäre Musik, die vom Jazz beeinflusst war, geprägt von einer eingängigen Melodik sowie prägnanter Rhythmik, die sich zugleich durch hohe Kunstfertigkeit und raffinierte Konstruktivität auszeichnet", ist bei András Batta, dem Herausgeber von "Opera" zu lesen.

André Cipowicz, der musikalische Leiter der aktuellen Inszenierung der "Dreigroschenoper" von Kurt Weill und Bert Brecht, die am Samstag im Großen Haus des Theaters Plauen Premiere hatte, ergänzt: "Weill schrieb eine Musik, die ohne nähere Erläuterungen für jedermann verständlich ist. Die Hauptinstrumente und damit die Melodieträger sind das Tenor- und das Alt-Saxophon. Für die 22 nötigen Instrumente werden in dieser Inszenierung 15 Musiker das kleine Orchester bilden." Brechts Intentionen für dieses Textbuch war ein gesellschaftskritischer Angriff auf die Oberflächlichkeit, die Dekadenz, auf die Sucht nach Romantik, Spaß und Reichtum in der Zeit der Weimarer Republik (1918 bis 1933) Ende der 1920er Jahre. Ein Angriff, der in Brechts berühmten Ausspruch "Erst kommt das Fressen, dann die Moral" pointierten Ausdruck fand.

 

Die Herausforderung für Axel Stöcker, den Regisseur, bestand darin, die Balance zwischen dem tiefen Sinn, der immensen Aussagekraft und dem süffig-flüssigen Unterhaltungswert zu vereinigen. Im Rahmen einer Zeit skrupelloser Bankdirektoren, korrupter Manager und allgemeiner Suche nach Ausgleich zu strapazierender Lebenssicherung, ist für ihn dieses Stück aktueller denn je. Es gelang dem Regisseur, den Verlust moralischer Werte herauszuarbeiten, zu verdeutlichen. Die Frage, wo hört ein Geschäft auf, wo beginnt die Kriminalität beziehungsweise der Kampf der Menschen gegeneinander aus unstillbarer Gier nach Reichtum, das rücksichtslose Ausbooten derer, denen noch Hemmungen im Wege stehen.

Langsam hebt sich der Vorhang, gibt ein Bühnenbild, die große Welt im Kleinformat, frei. Sämtliche Aktionsebenen sind vereinigt in einem Stück Kulisse, ein baufälliges Haus mit Räumen, Treppen, Etagen, Öffnungen - der Lebensraum einer maroden Gesellschaft, konzentriert auf den sich drehenden Bühnenboden, grandios realisiert von Tanja Hofmann (Bühne und Kostüme). Das besondere in Stimme und Spiel kommt zuerst: Julia Zabolitzkis Moritat von Macky Messer (Saro Emirze) ist gesanglich das Beste im Reigen gut interpretierter Songs der gesamten Oper - etwas geheimnisvoll, etwas frech, etwas frivol und richtig gut. Als Spelunken-Jenny tut sie genau das, was dieser Rolle angemessen ist, nicht zu viel, nicht zu wenig. Völlig anders als Julia Rani als Polly Peachum. Ihre Songs sitzen gut, gleichwohl überhöht sie ihr Spiel und wirkt dadurch unecht und gewollt.

 

Überzeugend und immer wieder erstaunlich gut präsentiert sich die "alte Garde" des Ensembles: Michael Schramm scheint die Rolle des Peachum auf den Leib geschrieben. Seine Vielseitigkeit ergänzt er mit der exzellenten Beherrschung des erforderlichen Sprechgesangs. Dass Ute Menzel nahtlos in jede Rolle schlüpft und sie in Leben auf der Bühne umsetzt, hat sie als Celia Peachum ein weiteres Mal bewiesen. Mut zur Hässlichkeit zeichnet sie ebenso aus, wie das Spiel der Eleganten, der Intriganten, der Verlassenen oder der Lasziven. Als Celia huldigt ihr das Publikum mit mehreren "Bravos". Gleichermaßen André Cipowicz, der mit seinen 15 Solisten Kurt Weills Musik Charakter, Pfiff und Temperament verleiht - eine gelungene Inszenierung mit guten Darstellern, die "Dreigroschenoper" wie sie gemeint ist. Ingrid Gregori