Erinnerung an Heinrich Dathe

Der Todestag des berühmten Berliner Tierparkdirektors aus Reichenbach jährt sich heute zum 30. Mal. Der "Grzimek des Ostens" starb am 6. Januar 1991 - hochgeehrt und am Ende ungerecht behandelt.

Von Dr. Wolfgang Viebahn

Reichenbach - Der Vogtländer Heinrich Dathe hatte in der DDR in 36 Jahren aus dem Areal Schloss Friedrichsfelde den Tierpark Berlin und damit einen der führenden Tiergärten im Weltmaßstab gemacht - mit neuen Konzepten der Haltung und Präsentation von Tieren. So nimmt es nicht Wunder, dass er Zoo-Papst genannt und als "Grzimek des Ostens" bezeichnet wurde.
Dann kam der Mauerfall 1989 - und die offene Grenze fachte die Rivalität zwischen den beiden Berliner Tiergärten an: Zoo (West) gegen Tierpark (Ost). Dathes Tierpark drohte, zu einem Hirschgarten zurückgestuft zu werden.
Natürlich ging es ums Geld: Dathe war trotz aller wirtschaftlichen Probleme in der DDR über das Kulturministerium großzügig finanziert worden - und hatte viele Freiheiten. Der Westberliner Zoo gehörte zur Finanzverwaltung - und dorthin wurde auch Dathes Tierpark zugeordnet. Im Zuge der Umstrukturierungen wurde Tierparkdirektor Dathe die Dienstwohnung gekündigt - zudem ohne Beachtung der Kündigungsfrist. Das empfanden viele Ostdeutsche als große Ungerechtigkeit. In dieser Zeit war Dathe schon unheilbar erkrankt - er starb am 5. Januar 1991.
Der Reichenbacher war nicht nur ein herausragender Tierparkdirektor. Zu seinen Verdiensten gehörten auch 1774 Auftritte "Im Tierpark belauscht" des Berliner Rundfunks und die über 300 Fernsehsendungen "Tierpark-Tele-Treff".
Dathe führte den Beruf eines Zootierpflegers ein, er hat weit über 1000 (populär)wissenschaftliche Abhandlungen geschrieben, gab fünf Fachzeitschriften heraus, leitete den Zentralen Fachausschuss des Kulturbundes der DDR für Ornithologie, war Vorsitzender der staatlichen Kommission für Tiergärten (die Zahl der zoologischen Gärten der DDR wuchs von drei (1949) auf neun Zoos und 130 kleinere Tiergärten (1990). Dathe gründete die Forschungsstelle für Wirbeltierforschung als einen Ableger der Akademie der Wissenschaften der DDR, er hatte vielfältige internationale Kontakte zwischen China und Amerika.
Dathe brannte schon als kleiner Junge für Tiere und las mit 8 Jahren "Brehms Tierleben". 1923 beschrieb er in einem Aufsatz als Zwölfjähriger seine Vision von einem großen Garten mit einer von unten geheizten Halle für ausländische Pflanzen und Tiere wie Schlangen, Kolibris, Faultiere, fliegende Hunde und Affen. Diese Vision erfüllte sich 1963 im Tierpark Berlin mit dem "Alfred-Brehm-Haus" und seiner 1100 Quadratmeter großen Tropenhalle.
Heinrich Dathe war am 7. November 1910 in der Weinholdstraße 3 geboren worden. Er besuchte die Gymnasien in Reichenbach und in Leipzig, studierte an der Leipziger Universität Biologie und promovierte hier 1936. In jenem Jahr begann seine tiergärtnerische Laufbahn als Assistent von Professor Karl Max Schneider, dem Direktor des Leipziger Zoos. Im Krieg am Oberarm verwundet, von 1945 bis 1950 in englischer Kriegsgefangenschaft bzw. anschließend in einem Leipziger Verlag arbeitend, wirkte Dathe ab 1950 erneut als Assistent Schneiders. Nach dessen überraschenden Tod 1955 leitete über zwei Jahre lang sowohl den Zoo Leipzig, als auch den im Aufbau begriffenen Berliner Tierpark.
Dem kunstsinnigen wie humorvollen Dathe lag von Beginn an eine Rekonstruktion des Schlosses Friedrichsfelde am Herzen, das 1967 auf Abbruch stand. Er setzte jedoch die Restaurierung durch. Für die Innenausstattung lieh sich Heinrich Dathe aus dem Reichenbacher Kreismuseum 44 Veduten aus, die einst im Schloss Friesen hingen: kleinformatige Bilder von Städten, Schlössern, Plätzen und Parks. Heute sind sie wieder in der Burg Mylau zu bewundern.
Dathes Lebenswerk wäre nicht zu verstehen ohne seine aus Gettengrün im Vogtland stammende Frau Elisabeth, eine Lehrertochter: "Übrigens bedarf der Tiergärtner als sehr wichtige Ergänzung auch einer verständnisvollen Frau, einer echten Gefährtin, die mit ihm durch dick und dünn geht …" Die Dathes hatten drei Kinder, Almut, Holger und Falk, die später alle promovierten.
Neben Dathes tiergärtnerischen und wissenschaftlichen Leistungen ist auch immer wieder hervorzuheben, wie er bei aller Strenge in der Sache seinen manchmal hintergründigen Humor ins Spiel brachte. Als die Frau seines im Tierpark angestellten Architekten Tellbach 1954 ein Mädchen zur Welt brachte, erhielt die junge Familie von Dathe prompt eine Glückwunschkarte, die "zum ersten Zuchterfolg des Tierparks Berlin" gratulierte.

Wer die humoristischen und anderen Seiten von Heinrich Dathes kennenlernen möchte, dem sei das Büchlein "Prof. Dr. Dr. h.c. Heinrich Dathe. Vom Reichenbacher Stadtkind zum Tierparkdirektor in Berlin. 88 humorvolle und nachdenkliche Geschichtchen" von Dr. Wolfgang Viebahn empfohlen, das gerade in Druck gegangen ist. Infos unter 03765 / 150 67.