Erinnern an den Mut der Eltern

Ein Teestand vor der IHK. Feine Idee bei der derzeitigen Kälte, wird mancher Passant gedacht haben. Doch wenig später erscheinen etwa 300 Schüler vogtländischer und Plauener Schulen, denn mit dem Tee hat es eine besondere Bewandnis.

Von Torsten Piontkowski

Plauen - Stephan Baumert schenkt Tee aus. Wie damals. "Als ich damals dabei war, hab' ich keinen Tee erwischt", schmunzelt Mirko Kluge. Seine Erinnerung liegt fast 30 Jahre zurück. Eine Generation. Und dies war auch die Intention für den Verein Corrido, gestern etwas zu organisieren, was auch den etwa 300 jungen Teilnehmern sichtlich Spaß bereitete: Klassenzimmer auf der Straße. Genauer gesagt, eine Wanderung auf den Spuren der Wende in Plauen. "Wir laufen die Route der Demoteilnehmer von 1989 ab", erklärt Doritta Korte von ebenjenem Verein Corrido. 
Nach einer kurzen Begrüßung und Einstimmung im Rathaus durch Bürgermeister Steffen Zenner begaben sich die Jungen und Mädchen von fünften bis 12. Klassen, des IWB und des BSZ "Anne Frank" auf den Weg. Über die Gabelsberger Straße, an der sich einst die Stasi-Zentrale Plauens befand, entlang der Hoffmannstraße, die unter jungen Wehrpflichtigen einen denkbar schlechten Ruf genoss, weil hier das Wehrkreiskommando residierte. Erster Zwischenstopp dann vor der IHK Plauen, älteren Plauenern noch gut als das Domizil der SED-Kreisleitung in Erinnerung. Am Ende der Brücke ein Plakat: "Beifall gilt euch allen, durch euren Einsatz ist die SED gefallen. Das war von diesen Stalinisten einmal ganz helle, bei uns gibts Tee weiter an alter Stelle." Neben dem vielleicht nicht ganz so geschliffenem Reim Demonstranten mit Transparenten, darunter in kleiner Schrift: Bürgerausschuss Wohngebiet Schlachthof". Einige der jungen Leute bleiben stehen, fotografieren oder machen Selfies. "Scheint eine spannende Zeit gewesen zu sein", sagt einer. Das kann auch Stephan Baumert bestätigen, der "Teemann", der auch auf dem Plakat zu erkennen ist, gemeinsam mit seiner Tochter, die mittlerweile einen Partyservice betreibt. Die Vorbereitungszeit für diesen Geschichtsunterricht der etwas anderen Art war denkbar knapp. "Eigentlich haben wir uns als Verein erst im Januar an die Schulen gewandt, um während der Weihnachtsferien nicht ins Leere zu laufen", sagt Doritta Korte, der die Zufriedenheit über die starke Resonanz ins Gesicht geschrieben steht. An ihrer eigenen Scjule, der Trias-Schule in Elsterberg ist die gestrige "Demo" gar in eine Projektwoche eingebettet. Unterwegs habe der lange Zug der Schüler immer wieder für Fragen gesorgt, wogegen man denn protestiere. "Die Leute nahmen es durchaus positiv auf, dass wir nicht gegen, sondern für etwas demonstrieren. Nämlich für das Wachhalten geschichtlicher Ereignisse in Plauen."
Der Tee aus bunten Thermoskannen ist getrunken, weiter geht es Richtung Bahnhof - auch dies einmarkanter Punkt der Erinnerung. Stichwort Botschaftszüge. Danach wird es noch auf der Bahnhofstraße hinab zum Wendedenkmal gehen. Und im Malzhaus wird ein Film gezeigt "Alles auf Anfang". Zeugnis der bundesweiten, der internationalen Aufmerksamkeit, die Plauen damals genoss.
In der Nähe steht ein Mann, der daran beträchtlichen Anteil hat und sich freut, vom Corrido-Verein eigens zur "Wende-Wanderung" nach Plauen eingeladen worden zu sein: Peter Wensierski, Journalist von jungen Jahren an, einer der dienstältesten aus dem "Westen" der damals nicht nur über, sondern aus der DDR berichtete. Beispielsweise hautnah über den damals legendären Besuch von Kanzler Schmidt bei Honecker, als beide in der Kirche von Güstrow saßen, "das war schon ein ganz besonders Bild", lacht der heute 65-Jährige, der seit 1979 aus dem "Osten" berichtete, unter anderem für den Evangelischen Pressedienst, später für das TV-Magazin "Kontraste". "Im Westen wusste man nichts von der DDR, sie galt als das langweiligste Land der Welt. Doch unter der grauen Decke herrschte ein buntes Treiben, die Leute versuchten vieles, um sich das Leben schön zu machen." Natürlich habe er sich für die Jugend interessiert, damals selbst erst 24-jährig, sagt Wensierski. Er besuchte viele Kirchenveranstaltungen, Diskussionen in Jugendlubs, schrieb später das Buch "VEB Nachwuchs", in denen er Texte von DDR-Jugendlichen verarbeitete, die die ihm zuspielten, darunter eine Straßenbaumeisterin aus dem Vogtland. Die ersten Aufnahmen aus Uranbergbaugebieten - heimlich gefilmt, landeten sie schließlich bei ihm. Sein neues Buch "Fenster zur Freiheit" behandelt Unglaubliches, dennoch Wahres: In einem Winkel ihres Schlafzimmers betreiben junge DDR-Bürger eine kleine Druckerei, versorgen die Leute hunderttausendfach mit "verbotenen Schriften". 
"Man muss diese Geschichten erzählen damit die jungen Leute erfahren, was ihre Eltern erlebten und auch wie sie dagegen protestierten", ist der heute als Autor in Berlin lebende Wensierski überzeugt. Und auch ihn traf schließlich der Bannstrahl des Systems: Ab 1986 bekam er Einreiseverbot, arbeitete ab 1993 unter anderem für den "Spiegel". Der Kollege, den man vor 30 Jahren wohl hätte nicht mal von der anderen Straßenseite hätte grüßen dürfen, holt sich noch einen Tee und eilt "seinen" Schülern nach.