Eiserner Eversteiner für Hochkaräter

Zwei echte musikalische Hochkaräter holen sich im Malzhaus ihren "Eisernen Eversteiner" ab: In der 27. Folkherbst-Auflage geht der gewichtige eiserne Ritter nach Apulien zu Rachele Andrioli & Rocco Nigro sowie in die Ukraine in die Hände von "Felix Shinder & Dengi Vpered". Als Lohn für das Voting schenken die Prämierten dem Publikum je ein Konzert, das man erlebt haben muss.

Von Cornelia Henze

Plauen - "Habt viel Sex" hat Felix Shinder auf einen Zettel gekritzelt, den er mit den Armen nach oben reißt und ins Publikum rückt. Dabei hat der Kopf der ukrainischen Formation ein breites Grinsen im Gesicht - das zeigt, wie viel Schalk im Nacken der Frontmann besitzt, der auf die ganze Band ausstrahlt. Später lässt der quirlige Ukrainer im Freudentaumel den schweren Eversteiner im Publikum kreisen. Wie von Osteuropäern zu erwarten, bestellt Shinder eine Runde Wodka - und zu guter Letzt reißt sich der Sänger sein Matrosenshirt vom Leib und drückt das Metall des Eversteiners an seine nackte Brust. Emotionaler kann eine Preisverleihung kaum sein. 
 Im Keller herrscht nach dem offiziellen Akt eine "Stimmung wie in einer Zirkusmanege", wie Laudator Tim Liebert von der Folkdestille Jena treffend sagt. Zirkusdirektor Shinder lässt seine Comunity ins Dauerhopsen verfallen. Dazu tönen wilde Klänge aus dem Akkordeon, Klarinette und "Blech" verleihen einen Touch von Brass und Klezmer - und der mit Zylinder behütete Schlagzeuger gibt den rasanten Takt vor. Acht übelst gut gelaunte Jungs aus der Hafenstadt Odessa üben im Keller musikalisch Anarchie und, so Laudator Liebert, "bedienen alle Spielarten ihrer Heimat". Odessa, bekannt als "Kessel", in dem sich in alten Zeiten Freidenker, Künstler, Kleinganoven, Seeleute, aber auch ein hoher Anteil von Juden tummelten, haben den heutigen Einwohnern eine mannigfache Kultur hinterlassen, die Felix Shinder und Band musikalisch in die Welt hinaustragen.
Tief verwurzelt in ihrer Kultur sind auch Rachele Andrioli und Rocco Nigro. Mit ihrer dunklen Stimme erzeugt Rachele Andrioli eine Melange aus Leidenschaft und Melancholie und irgendwie hat ihr Gesang was vom portugiesischen Fado - nur eben auf Süditalienisch. 
Die Frau mit dem schulterlangen, schwarzen Haar und dem bunten Folklorerock hat etwas ungebändigt Wildes, ja Archaisches an sich. Fast ekstatisch schüttelt und rüttelt sie das Tamburin, sie lacht, weint und seufzt, so als könne sie den Schmerz selbst fühlen, den der Schwertfisch (Lu pisci Spada) verspürt, als er von der Harpune des Fischers getroffen wird und sich im Todeskampf windet. An ihrer Seite Rocco Nigro auf dem Fisarmonica (Akkordeon), einem Instrument, das nach Süditalien gehört, wie der Wein Apuliens. 
Ein Glas Roten der Rebsorte "Primitivo" ließ sich Laudator Jörg Leitz schmecken. Zweisprachig, in Italienisch also wie Deutsch, schwärmt er von seinem Lieblingsreiseland Italien, der Lockerheit, der sympathischen Mentalität - und dem Geschmack von reifen Früchten. Mit dem Wort "Primitivo" spielend, das von der "Erste" (frühe Reife der Rebe) kommt und nichts mit "primitiv", spannt er den Bogen zur Musik des Paares aus Lecce. 
Ihre Musik sei wegen der Einfachheit der Darbietung die größere Finesse. Minimalismus die größtmögliche Ausdruckskraft. Bei ihrem Liedgut gehen Andrioli und Nigro Jahrhunderte zurück und transportieren den Alltag der Süditaliener, den der kleinen Leute, der Fischer und der auf ihre nach Amerika ausgewanderten Männer wartenden Ehefauen ins Hier und Heute.