Einheit - Stand der Dinge

Der Fürstensaal von Schloss Voigtberg ist geschmückt mit den Wappen von Oelsnitz und Rehau. Die Städte feiern traditionell den Tag der Deutschen Einheit miteinander. Von Jahr zu Jahr abwechselnd richten beide Kommunen die Feier aus. Der Festredner zum 30. Jubiläum ist Opernsänger Gunter Emmerlich.

Von Renate Wöllner

Oelsnitz - "Freude und Ehre" sei es, den Gast aus Dresden begrüßen zu dürfen, sagt OB Mario Horn. Eine "Gemengelage" findet Emmerlich vor beim Unterfangen, "den Stand der Dinge zu beurteilen". Der Entertainer liest aus seinem vierten, noch unveröffentlichten Buch "Fortgeschritten".
Pointiert und mit trockenem Witz räumt er auf mit der Verklärung der Vergangenheit, den Mythen der DDR, "einem vom Kommunismus regierten, ruinierten Ländchen". Das berühmte DDR-Brötchen wurde so schon in den 1930er Jahren gebacken und müsse eigentlich "Nazi-Brötchen" heißen. Spreewälder Gurken gab's auch schon zu Kaisers Zeiten, stellt Emmerlich klar.
Die Stuhlreihen im Saal sind gelichtet, jeweils zwei Stühle werden durch ein nett gedecktes Tischlein getrennt. Geladen sind verdiente Bürger, Landespolitiker, Stadträte beider Kommunen, Kirchenmänner. Auch den bejahrten Oelsnitzer Altbürgerneister Roland Quaas hat es aus dem Chemnitzer Umland in die alte Heimat gezogen.
Den schönsten Anblick geben die beiden "Hoheiten" ab - Sperkenprinzessin Lisa und Perlenkönigin Katharina. Mitreißende, hochgelobte Musik machen Mitglieder der Oelsnitzer Stadtkapelle und das Trio "Black&White" der Musikschule.
Fast ebenso alt wie die Einheit ist die Städte-Partnerschaft von Rehau und Oelsnitz. Horn würdigt den historischen Prozess, welcher die Menschen zusammenführt. "Vieles hat sich in 30 Jahren des geeinten Deutschlands getan. Graue Städte, kaputte Infrastruktur und geschundene Natur gehören größtenteils der Vergangenheit an" - wie mittlerweile auch die Grenzen in den Köpfen der Menschen in West und Ost.
"Meinungs-, Presse- und Reisefreiheit, Selbstverantwortung, Demokratie sind Werte, die in 30 Jahren zu einer Selbstverständlichkeit wurden", sagt der Oelsnitzer OB. Er sieht das Land "auf einem sehr, sehr guten Weg". Der Ausblick bleibt aber vage: "Auch zukünftig sind wir gefordert, festgefahrene Strukturen zu verlassen…"
Für seinen Rehauer Amtskollegen, Michael Abraham, ist die gemeinsame Feier "eine Herzensangelegenheit". Ein wenig hadert er mit der Situation. Das Wetter am 3. Oktober - "so schön war es noch nie". Doch das geplante Bürgerfest auf dem Marktplatz musste - coronabedingt - ausfallen. Feiern will Abraham, "was sich entwickelt hat" - dazu gehören auch "die Freunde im Herzen Europas". Unterm Strich dürfe man zufrieden sein, "uns ging es noch nie so gut wie heute", findet der Rehauer. Dass der Tisch im wiedervereinten Deutschland nicht für alle gleich gedeckt ist, serviert Emmerlich charmant zum Schluss. Leben wie Gott in Frankreich? Der Entertainer ist zu einer Geburtstagsparty in Großbürgerkreisen geladen. "Wenn Gott wüsste, was es in München-Bogenhausen zu essen gibt, würde er nicht mehr nach Frankreich reisen", plaudert der Entertainer. Vom Verlagsunternehmer Hubert Burda wird er gefragt, was er denn singe. "Wenn ich einmal reich wär'" (Emmerlichs Paradelied aus "Anatevka"). "Das ist nicht mein Problem", habe Burda geantwortet, "aber ich höre es mir an".