Einer Vierzehnjährigen Crystal überlassen

Weil sie einer Vierzehnjährigen Drogen überließ, musste sich eine Plauenerin (37) vorm Jugendschöffengericht verantworten.

Die Angeklagte Daniela (36, Namen aller Betroffenen geändert) war im Gerichtssaal bisweilen nur schwer zu verstehen. So hörte man auf die Frage nach ihrer Tätigkeit, sie würde "Alte saubermachen", was zunächst auf einen Job in der Pflegebranche schließen ließ. Später stellte sich heraus, dass sie auf Geringfügigkeitsbasis die Geschäftsräume eines großen Lebensmitteldiscounters reinigt. Auch zu den Anklagevorwürfen äußerte sich die ledige und kinderlose Frau oft nebulös. Zur Last gelegt wurden der älter wirkenden Enddreißigerin unerlaubter Erwerb und Besitz von Betäubungsmitteln sowie die ebenfalls verbotene Gebrauchsüberlassung von Drogen an Minderjährige. Verhandelt wurde trotz des Alters der Angeklagten vorm Jugendschöffengericht in seiner Funktion als Jugendschutzgericht.
Daniela wohnte zur Tatzeit in einem Mehrfamilienwohnhaus in der Haydnstraße im Plauener Stadtteil Preißelpöhl. Dabei handelt es sich just um jenes Gebäude, das später durch einen Aufsehen erregenden Brand stark beschädigt wurde und bis heute unbewohnbar ist. Dort soll sie an einem Tag Ende Mai oder Anfang Juni 2019 dem damals gerade 19 Jahre alten Julian eine Line aus 0,1 Gramm Crystal zum Konsum überlassen haben, so der erste Tatvorwurf der von Staatsanwältin Christine Stollar vorgetragenen Anklageschrift. Wenige Tage später hielten sich der heute in Burgstädt lebende Julian und dessen seinerzeit erst 14-jährige Freundin Samira ebenfalls in Danielas Wohnung auf. Obwohl sie deren Alter kannte, soll die Beschuldigte dem Mädchen eine Konsumeinheit Methamphetamin in Form von Crystal zur Verfügung gestellt haben. Nachdem Julian das Crystal als Line aufbereitet hatte, zog die Minderjährige es durch die Nase.
Die Angeklagte wies nahezu sämtliche Tatvorwürfe als unwahr zurück. Nach ihrer Darstellung hatte ein im gleichen Haus wohnhafter Nachbar namens Pascal Julian und Samira eines Tages "einfach mitgebracht". "Die Samira hat gesagt, dass sie abends wieder zu Hause in Kulmbach sein sollte. Aber der Julian hat sie unter Druck gesetzt. Die sind dann das ganze Wochenende geblieben", gab Daniela zu Protokoll. Und weiter: "Ich wollte keinen Ärger haben, aber die sind immer wieder geblieben, geblieben, geblieben!" Drogen seien wohl irgendwann aufgetaucht, aber die seien nicht von ihr gewesen, erklärte sie zu den Vorwürfen der Anklage. "Der Julian hatte Geld mitgebracht und hat dann was geholt. Dann hat er der Samira was gegeben." Dagegen stand die Aussage des Mädchens: "Die Daniela ist weggegangen und als sie zurück war, da hat sie was gehabt. Sie und der Julian haben dann gesagt, ich soll es doch mal probieren." Warum sie überhaupt in die Wohnung von Daniela gegangen sei, wollte die Vorsitzende Richterin Ilona Stange von Samira wissen. Deren Antwort: "Der Julian hatte eigentlich gesagt, wir fahren zu seiner Adoptivmama nach Netzschkau, weil er dort noch ein Zimmer hat. Aber dann sind wir doch wieder zu Daniela." Noch ein anderes Licht warf die Aussage eines weiteren Nachbarn auf die ganze Angelegenheit. Der Zeuge Armin (32) erinnerte sich wie folgt: "Die haben ja vier Tage lang durchgefeiert. Ich war mehrmals oben. Die Daniela hat die große Gastgeberin gespielt. Man hat dann gemerkt, dass sie und der Julian eigentlich wollten, dass die Samira gehen sollte. Vielleicht weil sie miteinander schlafen wollten."
Die Beschuldigte hinterließ bisweilen einen unbeholfenen Eindruck. So sprach sie stets von "Kristall", als ob es sich nicht um die bekannte Droge, sondern um Haushaltsgegenstände handelt. Möglicherweise war aber auch eine Portion gespielte Naivität dabei, denn immerhin standen bereits zwei Vorstrafen für sie zu Buche, darunter eine einschlägige wegen unerlaubten Drogenerwerbs. Verurteilt wurde die mittlerweile in Oelsnitz wohnhafte Daniela schließlich zu einer auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzten Freiheitsstrafe von einem Jahr und drei Monaten. Für die nächsten zwei Jahre wird sie einem Bewährungshelfer unterstellt. Außerdem wurde ihr die Ableistung von 60 Stunden gemeinnütziger Arbeit auferlegt. Die Staatsanwältin hatte zuvor ein um vier Monate höheres Strafmaß gefordert, Rechtsanwalt Stefan Titz als Verteidiger dagegen einen Freispruch beantragt. sge