"Einer, der sich was traut"

Er ist einer der gefragtesten Politiker derzeit in Deutschland, obwohl er keiner Regierung angehört. Und er ist einer der umstrittensten. Am kommenden Donnerstag ist der 29-jährige Juso-Bundesvorsitzende Kevin Kühnert zu Gast in Plauen, um die SPD in ihrem Wahlkampf zu unterstützen.

Von Wilfried Hub

Plauen - Mit seinem Vorschlag, Eigentum zu kollektivieren, löste er eine heftige gesellschaftliche Debatte aus. Als Beispiel nannte er den Automobilhersteller BMW. Denn Immobilienbesitz will er beschränken. Der Partei-Rebell hat für seine Sozialismus-Thesen massiv Kritik geerntet. Selbst SPD-Parteifreunde gehen auf ihn los. Doch das stört ihn nicht. Im Gegenteil. Seine Kritik provoziere Widerspruch und Streit, genau das sollte sie auch, erklärt der Juso-Vorsitzende. Denn Streit sei produktiv.
Einer, der mit Kühnert bei fast allen Themen übereinstimmt, ist Benjamin Zabel, der Vorsitzende der SPD-Grünen-Fraktion im Plauener Stadtrat und Spitzenkandidat der SPD für die Kommunalwahl: "Kühnert hat die Diskussion über ein Thema angeschoben, das so wichtig und aktuell ist wie kein anderes", sagte Zabel im Gespräch mit unserer Zeitung. Die wachsende Ungleichheit zwischen der produktiv arbeitenden Bevölkerung und den Unternehmern sei nicht länger hinnehmbar. 
Das Beispiel BMW sei zwar "Quatsch", aber wenn einerseits die BMW-Eigentümer-Familie Quandt am Tag drei Millionen Euro verdiene, beziehungsweise bekomme, anderseits aber viele Arbeitnehmer im Alter nicht einmal die Grundsicherung als Rente erhalten, sei irgendetwas nicht in Ordnung. Wenn Arbeit höher besteuert werde als Aktiengewinne, müsse man doch darüber nachdenken dürfen, was falsch laufe, begrüßt Zabel die von Kühnert angestoßene Kapitalismus-Debatte. Mit dem Hinweis auf den DDR-Sozialismus zu kontern, sei eine Frechheit, übt Zabel Kritik an den Äußerungen des sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer. Es ginge nicht darum, "dass der Staat das Sagen haben solle in großen Industriebetrieben, aber Unternehmen, die für die Daseinsvorsorge wichtig sind, sollten nicht privat sein", sagt der SPD-Politiker, der als Gewerkschaftssekretär bei der IG Metall in Zwickau arbeitet. Die teilweise Übernahme des Energieunternehmens "EnviaM" durch die Stadtwerke sei letztlich auch eine Verstaatlichung. Den Breitbandausbau könne man nicht weiter der Telekom überlassen und den öffentlichen Personennahverkehr im Vogtland hätte man auch nicht einem Privatunternehmen überlassen sollen. Es hätte auch eine regionale Verkehrsgesellschaft gegründet werden können.
"Die SPD braucht junge Leute wie Kühnert, die Ideen und Visionen haben und sich etwas trauen", so Zabel. Die Partei müsse sich wieder auf ihre Tradition besinnen. Sie sei nämlich als Partei der Arbeitnehmer gegründet worden. Die SPD müsse endlich mit Hartz IV aufhören. Kühnert habe viel dafür getan, dass über dieses Thema endlich in der Partei gesprochen werde. Er trage dazu bei, der SPD eine neue Richtung zu geben. Auch die jungen Themen müssten besetzt werden: Friedenspolitik, Klimawandel, Digitalisierung der Sozialsysteme. Zabel teilt Kühnerts Ablehnung der Großen Koalition. Sie schade der Partei und auch Deutschland. 2017 hätte es die Chance gegeben, die AfD zu "erledigen". Diese Chance sei leider verpasst worden.
Der Juso-Bundesvorsitzende ist in Berlin auch in der Kommunalpolitik aktiv und häufig an der Basis unterwegs. Das wird er auch bei seinem Besuch in Plauen am Donnerstag sein. Um 11 Uhr besucht er gemeinsam mit der Plauener SPD die Arbeitsloseninitiative in der Schloßstraße. Um 14.30 Uhr ist in der Alten Hauptfeuerwache ein Jugend-Stammtisch geplant. Beide Veranstaltungen sind öffentlich. Man habe sich ganz bewusst für Kevin Kühnert als Berliner Gast im Wahlkampf entschieden, sagt Zabel. "Wir haben diskutiert, was oder wer glaubwürdig für die Plauener SPD ist."
Kühnert trat 2005 der SPD bei, war von 2012 bis 2015 Landesvorsitzender der Jusos Berlin. Beim Bundeskongress in Saarbrücken im November 2017 wurde er zum Juso-Bundesvorsitzenden gewählt. Mehrer Angebote, ein Amt in der Parteiführung zu übernehmen, hat er bislang abgelehnt. Ein 2016 begonnenes Studium der Politikwissenschaft an der Fernuniversität Hagen ruht seit seiner Wahl zum Bundesvorsitzenden. Das kritisiert Zabel. Es sei immer besser, erst das Studium zu beenden und dann ein paar Jahre zu arbeiten.