"Eine Brechstange habe ich nie gebraucht"

Seinen letzten Patienten hat er vor wenigen Tagen behandelt und sein Chefarzt-Stuhl im Helios Vogtland-Klinikum ist derzeit noch unbesetzt. Wie sich der Ruhestand anfühlt - das zu erkunden, ist Prof. Dr. Lutz Kowalzick gerade dabei. Bestandsaufnahme eines Berufslebens, das mühelos ein Buch füllen könnte.

Von Torsten Piontkowski

Plauen Wenn Prof. Kowalzick zum Frühstücks-Plausch in seine eigenen vier Wände einlädt, dann erwartet man nicht, ihn im typischen Jogginghosen-Outfit anzutreffen. Und tatsächlich könnte er gleich danach seinen Anorak überstreifen und ins Klinikum fahren. Dort in den weißen Kittel schlüpfen und sein Tagwerk als Chefarzt der Dermatologischen Klinik beginnen. Genau das aber tut er seit wenigen Tagen nicht mehr, was wiederum Anlass für Reflektionen seines jahrzehntelangen Wirkens als Arzt ist. Dafür braucht es aus journalistischer Sicht eiserne Disziplin - ein Verweilen an einzelnen Stationen seines Werdegangs würde diese Bestandsaufnahme unweigerlich sprengen.
Patientenwohl an
oberster Stelle

Beginnen wir also in der etwas jüngeren Vergangenheit. Dr. Jörg Pönnighaus erinnert sich in seiner Laudatio anlässlich des 60. Geburtstages des Professors, dass dieser ihn vor vielen Jahren gefragt habe, ob er Mühe habe, unter einem zehn Jahre jüngeren Chefarzt zu arbeiten und er diese Frage verneint hätte. Im Umkehrschluss: Wer hätte Mühe gehabt, unter ihm zu arbeiten? Prof. Kowalzick vermag die Frage in einem einzigen, bemerkenswerten, Satz zu beantworten: "Der Betreffende hätte Mühe gehabt, wenn er hätte erkennen lassen, dass ihm das Wohl der Patienten nicht das Wichtigste ist."
Und nochmals Laudator Pönnighaus zitiert: "Er war uns immer eine Idee voraus." Das Wichtigste sei ständige Weiterbildung, sagt Prof. Kowalzick zwischen zwei Schlucken Kaffee, die er als ab-sofort-Ruheständler sichtlich genießt. "Man braucht Initiative und Mut und muss beides einsetzen, um nicht der Letzte zu sein. Wir waren mit die Ersten die neue Wege in der Melanom-Therapie gingen, teilweise noch vor den Uni-Kliniken."
Unterhalten sich Arzt-Kollegen über ihren langjährigen Chef, fällt zuweilen die Bemerkung, die Brechstange habe nie zu seinen Werkzeugen gehört. "Die habe ich in der Tat nie gebraucht, ich war immer ein Freund der Feinmechanik. Das gestaltete sich umso einfacher, als im Klinikum von Anfang an zwischen den Chefärzten und den Fachbereichen ein kollegiales, sachliches Klima herrschte. Das soll ja nicht überall so sein", lächel Prof. Kowalzick.
Brandenburg ist kein
trostloser Landstrich

Sprung zum Ende der 50er Jahre. Oder um es mit Prof. Kowalzick zu sagen: "Ich wurde im zarten Alter von drei Jahren in den Westen gemacht". Bis dahin Brandenburg, die Stadt Brandenburg. Natürlich kennt er die "Hymne" von Rainald Grebe über diesen vermeintlich trostlosen Landstrich und hält dagegen. Spricht von "heimatlichem Verbundenheitsgefühl", der preußischen Kulturlandschaft, einem Cousin, der noch immer dort wohnt. Man kann "Brandenburg" und "Kowalzick" übrigens auch googeln und erfahren, dass nach dem Großvater das Gymnasium benannt wurde und der Onkel Ehrenbürger der Stadt ist. Und sein eigener Name findet sich in der Liste der Brandenburger Persönlichkeiten ebenso. Am Bemerkenswertesten an der Stadt seiner Geburt findet er allerdings, dass sie kreisfrei geblieben ist...
Es folgt seine Hamburger Zeit, geprägt von Studium, der Ausbildung zum Facharzt, der Berufung zum Oberarzt. Elf Jahre Uni-Klinik, am Ende Habilitation. Dazwischen ein Intermezzo im Knast. Nicht irgendeinem, sondern Santa Fu, wie die Insassen die JVA Fuhlsbüttel nennen. Der damalige Dr. Kowalzick betreut die schweren Jungs einmal wöchentlich dermatologisch, erlebt, wenn auch nur stundenweise, wie sich "Eingeschlossensein" anfühlt, erlebt die aufgestaute Aggressivität der Häftlinge, zuweilen auch der Wärter.
Hamburg wird für ihn auch die Stadt der Liebe. Hier lernt er Jessica Dressel kennen, deren Schwester in der Pathologie arbeitet. Man läuft sich öfter über den Weg, wie es so schön heißt. "Ich habe schüchtern nach ihrer Telefonnummer gefragt und um ein Rendezvous gebeten", erinnert sich Prof. Kowalzick, damals noch einige Kilogramm leichter. Für die hinzugewonnenen macht er übrigens das vogtländische Essen, das vogtländische Bier und die Kochkünste seiner Frau verantwortlich. Übrigens auch seine Karriere. "Als Stationsarzt läuft man den langen Gang zig Mal am Tag, als Oberarzt schon nur noch die Hälfte und als Chefarzt dann kaum noch."
Lebenslange Sympathie
für die Underdogs

Doch bei allen fast schon "Alte Schule" zu nennenden Annäherungsversuchen an die gebürtige Osnabrückerin Jessica Dressel - eine andere Liebe war er nicht bereit, sie für sie aufzugeben. Die Liebe zum FC St. Pauli. Als Student HSV-Fan, wechselte er alsbald die Seiten. "Deren Underdog-Status hat mir gefallen, der Kampfgeist, die ‚enge Box‘ am Millerntor, wo man viel näher dran war am Fußball." Lachend erinnert Jessica Dressel-Kowalzick an die Fanaktion "Saufen für St. Pauli". Aber das ist eine andere Geschichte, die mit den Kowalzicks nicht unmittelbar zu tun hat. In Hamburg holt sich Prof. Kowalzick auch den medizinischen Feinschliff als Dermatologe.
Ein Fachbereich, den er vor allem wegen seiner Schnittstellen zu anderen Disziplinen spannend findet. Promotion mit summa cum laude, einer Art Eins plus. Die Prüfung übernimmt der Dekan persönlich. Es folgt mehrjährige Forschungsarbeit über Hautkrebs, weitere fünf Jahre publiziert und lehrt er, bevor er sein Wissen erneut vor einer Kommission unter Beweis stellen muss. "Das war die Ochsentour nach der Ochsentour", lächelt Prof. Kowalzick und macht kein Hehl daraus, dass ihm die in dieser Zeit erlangten und später folgenden Titel wichtig sind - und das er Wert darauf legt, mit Professor angesprochen zu werden.
Kälteschock
in der Spitzenstadt

Am 2. Januar 1995 ereilt den Professor ein Kälteschock. Winterreifen sah er bislang als Ding für Autofreaks an. Das sollte sich an seinem ersten Tag in Plauen ändern. "Es lagen enorme Schneemassen, untergebracht war ich die erste Zeit im Schwesternheim, später in einem Appartement an der Straßberger Straße." Für das Nord-Süd-Gefälle, den Wechsel von der Millionenmetropole in die Mittelstadt, habe er sich bewusst entschieden.
"Schließlich habe ich ja selbst ostdeutsche Wurzeln", nennt Prof. Kowalzick einen Aspekt des Wechsels. Und: "Es war eine spannende Zeit, die Kollegen waren gut ausgebildet, man konnte noch viel entwickeln. Im saturierten Westen hätte ich als Chefarzt vermutlich einen zähen Kampf um das Bestehende geführt, hier konnte man gestalten."
Ob er das auch während seiner Zeit als Ärztlicher Direktor konnte? "Sowohl als auch. In meine Amtszeit fiel die Einweihung der Häuser 4 und 5. Andererseits hatte man viele zusätzliche Termine, wo man nicht am Patienten sein konnte. Nach siebeneinhalb Jahren das Amt weiter zugeben, schien mir als ein günstiger Zeitpunkt."
4000-fache
Sammlerleidenschaft

Was muss man tun, um Prof. Kowalzick für etwas zu gewinnen? "Man muss mir erklären, wofür ich mich einsetzen soll und das möglichst freundlich rüberbringen", lacht er. Welche Charaktereigenschaften ihn an anderen und welche ihn an sich selbst nerven - darauf hat er eine gleichlautende Antwort: "Man sollte immer gegen die Versuchung der Rechthaberei ankämpfen", schmunzelt er. 
Seinen letzten Patienten hat er vor wenigen Tagen behandelt. Es wäre also an der Zeit, ein Buch, wohlgemerkt kein Fachbuch, zu schreiben. Diese Erwartung erfüllt der Ruheständler nur teilweise. Er wolle sich einem marinehistorischen Thema widmen, aber keinem Roman. Arbeitstitel: "Der Seekrieg in der Karikatur Erich Ohsers".
Und ja, so viel Platz muss noch bleiben, um Prof. Kowalzicks im Wortsinne raumgreifendes Hobby zu erwähnen. Säuberlich in Vitrinen nach Epoche, Land und Schiffstypen geordnet, befinden sich knapp 4000 Kriegs- und Militärschiffe en miniature. Die "Plauen" ist gestern sehr zur Freude des Sammlers eingetroffen. Endlich. Etliche Versuche sie zu bekommen, schlugen fehl, nun hat es auf E-Bay geklappt. In sein "neues" Leben muss sich Prof. Kowalzick nun erst mal einleben. Von den regelmäßigen Sitzungen seiner zahlreichen Ehrenämter mal abgesehen, will sich das Ehepaar mehr Zeit für spontane Reisen nehmen. Am besten dorthin, wo es "Oper gibt". "Zwei Opern jährlich in Plauen reichen uns nicht". Apropos Ehrenämter, deren der Professor mehr als genug hat: stellvertretender Vorsitzender der CDU-Fraktion im Plauener Stadtrat, CDU-Kreisrat, Mitglied im Kulturkonvent Vogtland-Zwickau, Mitglied im Aufsichtsrat des Theaters Plauen-Zwickau, Vorsitzender der Erich-Ohser-Stiftung.
Die beiden samtweichen Katzen begeben sich ein Stück abseits. Stiller Protest gegenüber der Aussicht, vielleicht schon bald wieder mal auf die Chefs verzichten zu müssen.