"Ein zweistelliges Ergebnis ist real"

Souverän und nicht ohne Humor moderierte Gerhard Liebscher die Veranstaltung mit Grünen-Chef Robert Habeck im Malzhaus. Und eher in einem Nebensatz gab er auch in eigener Sache etwas bekannt: Die vogtländischen Grünen nominierten ihn als Landtagskandidat der Partei.

Plauen - "Ich bin heilfroh, dass der Robert kritisch darauf Bezug genommen hat, wie die Grünen in den 90er Jahren mit der Deutschen Einheit fremdelten. Ein Fehler, der der Partei bis heute anhängt und sie bei manchen noch immer als ‚West-Partei‘ scheinen lässt", sagt Gerhard Liebscher und fügt an, was man dem mittlerweile 63-Jährigen, ebenso ruhigen wie bescheiden wirkenden Mann, kaum glauben mag. Als er wenige Jahre nach der Wende vom "aufgeräumten" beschaulichen Heidelberg ins Vogtland siedelte, sei er unglaublich arrogant gewesen, sagt er. Und dass ihn seine Frau manchmal noch heute damit aufziehe. "Ich habe einen unheimlichen Lernprozess durchlaufen und reagiere manchmal auf dumme Sprüche eines Westdeutschen empfindlicher als ein hier Geborener, sagt er. Die Unterschiede in den Befindlichkeiten - noch heute zu beobachten - macht er daran fest, dass die Werte im Westen eher auf Individuum getrimmt seien, im Osten mehr auf Kollektiv. "Und so agiert man dann auch."
Soweit der Vorspann, denn eigentlich geht es darum, dass und weshalb sich Liebscher den Stress einer Kandidatur noch mal antut - inklusive der realen Möglichkeit, tatsächlich die nächste Legislaturperiode als Landtagsmitglied der Grünen zu agieren. Vergangenen Donnerstag stellten Bündnis 90/Die Grünen ihre Kandidaten für die Kommunalwahl und auch die für den Landtag auf. Er habe sich zur Wahl gestellt - die Entscheidung fiel einstimmig aus. Nun kandidiert Liebscher für den Wahlkreis 1, also für Plauen, auf der Landesliste. Ganz neu ist dieses Terrain für ihn nicht, denn bereits 2009 versuchte er den Sprung nach Dresden. Damals mit Direktmandat, "da weiß eigentlich jeder, wie das ausgeht", sagt Liebscher. Mit 5,7 Prozent ließ sich die Sympathie der Wähler für die Grünen in Zahlen ausdrücken. "Glaubt man den Umfragen, ist ein zweistelliges Ergebnis diesmal real". Das heißt, bis zu den Listenplätzen 12/13 ist der Landtag in Reichweite. Liebscher hat sich ein klar definiertes Ziel gestellt: Auf der Landesdelegiertenkonferenz im April werden die Listen aufgestellt, er werde sich um einen "ordentlichen" Platz bemühen, will heißen: In der Nähe von Platz 10. Was man wissen muss: Bei den Grünen herrscht die Quote - für männliche Bewerber kommen nur geradstellige Plätze in Frage, "dazwischen" ist für Frauen "reserviert". Dass Wahlkampf anstrengend ist, hat er wie gesagt schon am eigenen Leibe erfahren. Vor zehn Jahren noch als Geschäftsführer von Vosla ganztägig eingespannt, blieb für den Wahlkampf nur die denkbar knappe Freizeit. Apropos Vosla. Als er, der Chef und Grüne in Personalunion, Ende 2016 vom neuen Finanzinvestor - die einen sagen abgesetzt, die anderen in den Ruhestand versetzt wurde - trug ein großer Teil der Belegschaft Trauer. Dass Liebscher vier Jahre vorher die damalige Narva vor dem Aus gerettet und teilweise mit den Kollegen protestiert hatte, hatte die nicht vergessen. Die neuen Bosse allerdings auch nicht.
Würde er die Schwerpunkte seines Wahlkampfes quasi auf dem Bierdeckel unterbringen? Er bringe seine Wirtschaftskompetenz ein, sagt Liebscher. Der ländliche Raum - auch Plauen - müsse aufgewertet werden durch die Ansiedlung moderner Unternehmen, beispielsweise in der Elsteraue. Da müsse gezielt nach Firmen gesucht werden, auch kleinen, die noch im Wachsen sind. Digitale Unternehmen hat er im Blick, denn das Vogtland habe ein Strukturproblem: aufgrund der Demografie nicht genug Menschen, um Wirtschaftleistung zu bringen. Da gelte es, Rahmenbedingungen zu schaffen. Und ein besonderer Dorn im Auge ist ihm, was von der Regierung lange Zeit als non plus ultra gepriesen wurde: "Die Leuchtturmpolitik möchte ich lieber heute als morgen abschaffen."    tp