Ein Traum von Schiff

Der Greizer Flugplatz ist zum Flughafen geworden - im Wortsinne. Denn unweit der Landebahn tut sich Erstaunliches: Ein Ehepaar aus Plauen baut seit acht (!) Jahren an einer HochseeSegeljacht - 13 Meter lang, mit riesigem Mast und tauglich für jede Weltreise.

Plauen/Greiz - Wann soll das Schiff in See stechen? "Vielleicht schaffen wir es 2023. Oder zwei Jahre später. Wir machen keinen Stress", sagt Gerd Schaarschmidt.
Der 56-Jährige baut seit 2012 mit seiner zwei Jahre jüngeren Frau Heidi an der Jacht - weiß lackiert ist sie bereits, jetzt läuft der Innenausbau: "Wir müssen das Schiff dämmen, die Elektrik installieren, Möbel (ein)bauen und technische Geräte platzieren", sagt Schiffbauer Schaarschmidt, der als Fahrer beim DRK arbeitet. "Was möglich ist, machen wir selbst", fügt seine Frau hinzu, eine Modedesignerin, die im Textilforschungsinstitut Greiz als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig ist.
Schaarschmidt hat Autoschlosser und Karosseriebauer gelernt, arbeitet in der DDR im KIB, dem Plauener Kraftfahrzeuginstandsetzungsbetrieb, der nach der Wende zu Neoplan wird. "2001 bin ich zur WEMA Plauen und habe mich 2005 selbständig gemacht - nach dem Konkurs der Traditionsfirma. In der Selbstständigkeit habe ich ein BWL-Fernstudium absolviert."
Als Fluidtechniker (Rohrschlosser im Maschinenbau) ist Schaarschmidt viel unterwegs, auch für Volvo in Schweden. "Dort habe ich die Schiffe auf zwei Seen gesehen - und meine alte Liebe ist erwacht: Ich hatte zur See fahren wollen, was in der DDR nicht möglich war."
Daheim in Plauen überredet er seine Frau, einen Schnupper-Kurs im Segeln auf der Pöhl zu belegen. "Das hat solchen Spaß gemacht, dass wir den Segelschein erworben haben, auch den fürs Meer. Anschließend waren wir mit gecharterten Schiffen im Urlaub auf der Müritz und auf der Ostsee, in der ,Dänischen Südsee‘. Und dann wollten wir unser eigenes Schiff."
Keines aus Plaste - aber mit viel Platz. "Eines aus Aluminium, weil es seewasserbeständig ist und weniger Pflege braucht - aber eine Million hatten wir nicht. Blieb nur: Selber bauen", berichtet Frau Schaarschmidt. Auf Messen, wie der "Boot Düsseldorf", habe man Fachleute getroffen, Wissen getankt und Erfahrungen gesammelt.
Das Paar kauft für 1800 Euro die Konstruktionszeichnung eines 1963 erstmals gebauten Schiffes. "Das ist ausgereift, hat keine Kinderkrankheiten mehr. Es ist nicht schnell, aber es gibt reichlich Platz für Ersatzteile, Wasser, Diesel - ohne dass die Sicherheit leidet. Wir planen, lange unterwegs zu sein, wollen nicht schnell von einem Hafen zum nächsten. Uns interessieren Ziele, die nicht jeder sieht."
Aber warum hat die Jacht zwei Blei gefüllte, mehr als fünf Tonnen schwere Kiele? Schaarschmidt: "Das gibt Stabilität und die Möglichkeit, bei Ebbe aufzusetzen - ohne umzufallen. So ist Reinigung möglich, zum Beispiel um Muscheln zu entfernen. Das kommt der Geschwindigkeit beim Segeln zugute."
Als Schaarschmidt lange in Bayern arbeitet, mietet er 2012 bei Augsburg eine Halle: Hier wohnt er - und legt das Schiff auf Kiel. Mit der wochenends anreisenden Ehefrau beginnt das Mega-Projekt: Mit Hilfe des Computers wird aus der Konstruktionszeichnung ein Bauplan: Aus Winkelprofilen formen sie das Gerippe des Schiffes, das ein bisschen an Fischgräten erinnert. An das Gerippe werden die bis zu sechs Meter langen Aluminiumplatten geschweißt. Das braucht einen selbst gebauten Kran, einen langen Atem - und starke Nerven: "Nach vier Monaten mussten wir einsehen, dass unser Plan nicht aufgeht, das Schiff eigenmächtig bis zu 35 Zentimeter breiter zu bauen, um mehr Platz zu haben: Das Schiff könnte sich überschlagen, wie uns Fachleute belehrten. Also mussten wir alles demontieren", berichtet Schiffbauer Schaarschmidt. Doch auf ein paar Monate mehr oder weniger komme es nicht an, fügt er lächelnd an.
Am 13. Januar 2017 ("Der einzige Tag, an dem es in jenem Winter schneit") bringt ein Tieflader das zehn Tonnen schwere Rohbau-Schiff ins Vogtland. "Über einen Bekannten hatten wir die Erlaubnis für den Flugplatz Greiz. Und seither verbringen wir hier im Sommer jede freie Minute", schildert Frau Schaarschmidt.
Der Innenausbau ist so weit fortgeschritten, dass man in der Schlafkoje übernachten kann. Das Bad mit der Dusche nimmt Gestalt an und die Küchenzeile ist zu erkennen. "Der Herd wird beweglich gelagert, damit die Töpfe nicht herunterrutschen, wenn das Schiff in Schräglage gerät", erklärt die Frau des Kapitäns. "Es gibt einen Kühlschrank, aber einen, der von oben zugänglich ist: Dann kann die nach unten strebende Kälte nicht entweichen und verloren gehen: Energie ist ein knappes Gut auf dem Schiff."
Vorhanden ist ebenfalls eine Kajüte mit Koje für Gäste - "oder ich schlafe hier, wenn es mal Streit mit der Frau gibt", sagt Gerd Schaarschmidt augenzwinkernd. Der Innenausbau erfolgt ebenfalls in Eigenregie. "Jedes Holzteil wird fünfmal lackiert."
Für den Fall von Windstille steht ein Dieselmotor bereit - auch der ist bereits eingebaut. Angetrieben wird er mit 1000 Litern Sprit. "Die vier Tanks für die Wasserversorgung fassen je 160 Liter und können im Hafen per Schlauch befüllt werden oder auf See mit Regenwasser."
Wie Schaarschmidt erläutert, plant er ebenfalls Radar und anderer Sicherheitseinrichtungen. "Das machen wir zum Schluss, ich will die modernste Ausrüstung."
Auch wenn die Schiffbauer keine Eile haben, und der Termin des Stapellaufs noch unbekannt, sei eines bereits durchgespielt: Vermutlich werde das Schiff vor Rügen in die Ostsee gelassen, einem "gutmütigen Revier": Die Segeljacht wird in See stechen, mit geblähtem Segel am 17 Meter hohen Mast.
Fast vergessen zu fragen: Wie soll das Schiff heißen? Nach Frau Schaarschmidts Worten ein Name, der in vielen Sprachen eine angenehme Assoziation hervorruft: "Tara"!  ufa