Ein Stück Bahngeschichte verschwindet

In Zwota geht es dem Bahnhofshäuschen an den Kragen. Noch in der DDR wurden hier Fahrkarten verkauft.

Zwota Ein Teil des holzverkleideten und mittlerweile verfallenen Fachwerkbaus steht noch, doch bald wird nichts mehr davon zu sehen sein. Damit geht ein weiteres Stück interessanter Geschichte der nur 8,1 Kilometer kurzen Bahnlinie vom Bahnhof Zwotental, der damals noch Zwota hieß, nach Klingenthal zu Ende.
Die Strecke ist das letzte Teilstück der am 15. November 1875 eröffneten und in nur zwei Jahren aus dem Boden gestampften durchgehenden Strecke Chemnitz-Aue-Adorf, das wenige Wochen später, am 24. Dezember 1875, in Betrieb genommen wurde.


Doch mit ihren Gleisen, 24 Lokomotiven, 90 Personenwagen, 11 Packwagen und 400 Güterwagen hatte sich die Bahngesellschaft übernommen und war schon 1876 pleite, der Staat übernahm alles. Erst 1886 erfuhr die Klingenthaler Strecke ihre lang ersehnte Verlängerung nach Böhmen, verursacht durch den Streit zum Standort des Grenzbahnhofs. Dabei entstand in Klingenthal ein gewaltiger Bahnhof mit einer Länge von über einem Kilometer und acht Bahngleisen sowie einem imposanten Bahnhofsgebäude von 120 Metern Länge mit 53 Wohnungen und mehreren "Achtzylindern", sprich Plumpsklos im West- und Ostflügel, als Schnittpunkt zwischen der sächsischen und der Buschtéhrader Eisenbahn.
Mit Angliederung des Sudetenlands an das Deutsche Reich wurde Klingenthal wieder Binnenbahnhof. Ende des 2. Weltkriegs war Schluss mit dem grenzüberschreitenden Verkehr. Die Bahnlinie verlor einen großen Teil ihrer wirtschaftliche Bedeutung, nicht zuletzt durch Wegfall der Strecke Aue-Zwotental wegen des Baus der Talsperre Eibenstock ab 1974. Komplett wirtschaftlich bedeutungslos war die Strecke nach der Wende, weshalb die Gleisanlagen bis auf ein durchgehendes Gleis, das ab dem Jahr 2000 endlich wieder von Zwickau nach Böhmen führte, demontiert wurden. Und pünktlich zum 125. Jubiläum des Klingenthaler Bahnhofsgebäudes, nämlich 2011 fast auf den Tag genau, wurde auch dieses wieder abgerissen. Wegen der coronabedingten Grenzschließung fährt derzeit überhaupt kein Zug mehr nach Klingenthal und Schienenersatzverkehr ist angesagt.

 


Doch warum? Der Grund liegt in Klingenthal, das eben keinen Bahnhof mehr hat. Denn nach Reichsbahndefinition besteht ein Bahnhof aus mindestens einer Weiche und einem zweiten Gleis. Damit sind Klingenthal, Zwota und Zwota-Zechenbach nur Haltepunkt. Und warum kann der Zug dort nicht anhalten und zurück nach Zwickau fahren? Das Geheimnis ist ein unlösbares technisches, organisatorisches und personelles Problem nach Art eines gordischen Knotens.
Denn seit 1928 fahren in Deutschland Züge aus Sicherheitsgründen im Blockabstand. Das heißt, wenn in der Blockstelle Zwotental die Strecke freigegeben ist, kann sie im nächsten Block in Gegenrichtung nicht freigegeben werden. Und die nächste Blockstelle ist Graslitz, denn ein Haltepunkt hat keine Blockstelle… Dass nun ein Zug mitten im Streckenblock, etwa an einem Haltepunkt, plötzlich zurück fährt, ist also ein bahnbetriebstechnisches Unding. Es sei, das Gleis endet am Haltepunkt. Und wer weiß, welche gigantischen technischen Hürden noch daraus erwachsen, wenn der Zug nie in Graslitz ankommt. Mal ganz abgesehen von Zwotental, wo tschechisches Personal den Zug Richtung Böhmen übernimmt, und das ja nun dank Corona auch nicht mehr kommen kann. Probleme über Probleme. Da ist es doch einfacher, über Wochen einen Bus zu chartern, der treu und brav zu Zugfahrzeiten zwischen Klingenthal und Zwotental entlang tuckert. Bei der ersten Grenzschließung 2020 war das ein ziemlich großer Reisebus. Reisen im Vogtland soll schließlich auch zu Corona-Zeiten Spaß machen, selbst wenn es nur die 8 Kilometer von Klingenthal bis Zwotental sind…