Ein Spitzenfest-Gala vom Feinsten

Angekündigt als "Grosse [sic] Spitzenfest Gala" und "musikalische Glückwünsche zum 60. Spitzenfest" versprechend, blieben am Samstag im Vogtlandtheater kaum Wünsche offen. Wer immer sich das Programm ausgedacht hat, ein Name wird nicht genannt, hat seine Sache großartig gemacht und alle Beteiligten ebenso.

Von Lutz Behrens

Plauen Es fehlte nichts. Das traditionelle Bühnenbild (Thurid Goertz) überraschte mit großen, farbigen, herabhängenden Kugeln, deren Wirkung sich erst dann ganz erschloss, als Kontaktjongleur Kelvin Kalvus atemberaubend demonstrierte, was ein Mensch mit (gewiss kleineren) Kugeln, die er in seinen Händen kreisen, auf seinen Armen tanzen und über seinen Körper fliegen lässt, anzustellen in der Lage ist. 150 000 Stunden habe er in sein außergewöhnliches Können investieren müssen; "andere brauchen vielleicht weniger."
Mit den von Ballettdirektorin Annett Göhre namentlich genannten Damen und Herren des Ballettensembles, die zum Strauß-Walzer "Brüsseler Spitzen" tanzten, ging's los. Bescheidener Vorschlag: Um hier in Zukunft lokalpatriotisch den Plauener Spitzen musikalisch gerecht zu werden, böte sich an, mit der Spitzenfest-Fanfare, komponiert vom Plauener Werner Reichel und unlängst von Bläsern des Vogtlandkonservatoriums eingespielt, aufzuwarten.
Die obligatorische Modenschau zeigte diesmal Entwürfe, die von Studierenden der Fachrichtung Modedesign der Vitruvius/Macromedia Hochschule Leipzig für das Projekt "Aufbruch_Durchbruch" entworfen wurden. Mit Professorin Claudia Damm wollte Operndirektor Jürgen Pöckel als Moderator die Frage beantworten, ob es sich bei den Modellen um Haute Couture handele. Das wurde zwar nicht abschließend geklärt, aber um "gehobene Schneiderei" handelte es sich durchaus. Wir sahen luxuriöse Materialien (Spitze!), die in Handarbeit zu verblüffenden Modekreationen verarbeitet worden waren. Über die Praktikabilität schleppender Säume, rosaroter Jäckchen für Herren oder auch gewagte Transparenz lässt sich gewiss streiten. Um Alltagstauglichkeit geht es aber bei solchen Modellen nicht, zumal auf diesem kapriziös blühenden Feld alles schon einmal dagewesen ist; außer vielleicht der - wie zu bestaunen war - zwar dekorative, aber zweckentfremdete Einsatz von Elementen eines Metallbaukastens.
Treffend zum 60. Spitzenfest bot ein Medley Schlager aus sechs Jahrzehnten populärer Musik, dessen Titel und Interpreten tuschelnd im Publikum von Kennern verbreitet wurden: längst verstaubte Namen wie Dagmar Frederic und Siegfried Uhlenbrock wurden laut, ergänzt von Tamara Danz bis zu Holger Biege. Ein sonst eher seriöser Charakterdarsteller wie Björn-Ole Blunck entpuppte sich als temperamentvolle, stimmgewaltige Lou-Bega-Kopie beim Mambo Nr. 5; nur übertroffen von Nadine Aßmann. Wer wie Kulturbürgermeister Steffen Zenner Frau Aßmann als bescheidene, eher stille beratende Bürgerin im Kulturausschuss kennt, traute seinen Augen kaum, wie auf der Bühne diese Vollblutschauspielerin (die uns leider verlässt) zum melodiös kreischenden, männermordenden Monster mutiert, mit Schlitz im Kleid und mehr Sex-Appeal als Marilyn Monroe und Jane Mansfield zusammen und immer einer Spur Doris Day.
Ein Gewinn, der von den beiden Moderatoren absolvierte Spitzenfest-Check, der voller Respekt die Jahrzehnte währende Erfolgsgeschichte unseres Stadtfestes anhand weniger Fakten plastisch werden ließ. Wie überhaupt, abgesehen von einem kleinen, aber elegant gemeisterten Schnitzer in der Programmabfolge, Annett Göhre und Jürgen Pöckel intelligent, mit leisem Witz und stets präsenter Ironie den Abend zusätzlich bereicherten. Einschließlich eines köstlichen Zitates aus den weiland Vorstellungsberichten der Komischen Oper Walther Felsensteins, um zu Mozarts "Zauberflöte" überzuleiten. Und bis hin zu einem Novum für wohl viele, nämlich der Information, dass Michael Jary (unter anderem bekannt für seinen zu hörenden und 1960 für Heidi Brühl komponierten Grand-Prix-Titel "Wir wollen niemals auseinander gehn") am Stadttheater in Plauen als 2. Kapellmeister engagiert war, damals freilich noch unter dem Namen Maximilian Michael Andreas Jarczyk.
So lautete nach knapp drei Stunden das einhellige Urteil: ein Abend, der so schnell nicht vergessen sein wird, und der Dank galt dem Theater Plauen-Zwickau, den Mitwirkenden von Musiktheater, Schauspiel und Ballett, den Damen und Herren des Philharmonischen Orchesters unter Vladimir Yaskorski und des Opernchores sowie der Bigband des Vogtlandkonservatoriums. Nicht zuletzt der Volksbank Vogtland, dem Spitzenfestverein, dem Branchenverband Plauener Spitze und dem Autohaus Oppel.