Ein Maximum an Unikum

Befehl des Vaters: Arzt werden. Und wirklich: Michael Czerwenka "behandelt" Menschen - obwohl es mit dem Medizinstudium nichts wurde. Bei ihm fühlen sich viele aufgehoben. Der Vogtländer verkauft seit 1990 Versicherungen - und vielen viel mehr: Geschichten, Hoffnungen und gute Laune.

Elsterberg/Coschütz - Michael Czerwenka hat Erfolg - und redet drüber. Der 62-Jährige aus Coschütz bei Elsterberg ist ein kommunikatives Schwergewicht, das auf ärztlichen Rat hin fast einen halben Zentner abgenommen hat - "von 105 Kilo auf 82". Gern steht er im Mittelpunkt - und gern gibt er: Etliche Vereine der Region sind froh, ihn unter ihren Sponsoren zu wissen - vom FC Erzgebirge Aue über weitere Fußball-, Karnevals- und Tierschutzvereine bis hin zu den Menschenschützern von "Karo" in Plauen. "Der SV Coschütz hat mir zum Dank einen Privateingang von meinem Haus zum Fußballplatz gebaut", sagt er.
Zuerst ist Czerwenka jedoch Inhaber der Czerwenka-Finanz in Greiz. Mit seinen fünf Leuten betreut er nach eigenen Worten mehr als 4000 Kunden - im Vogtland, im Thüringer Raum, in Dresden und in Oberfranken. "Ich liebe den direkten Kontakt zu den Kunden - und sie lieben mich. Dabei geht es nicht nur um finanzielle Dinge, sondern sehr oft um Rat und Lebenshilfe."
Czerwenka wäre gern Schauspieler und Entertainer geworden. Das kommentiert Kammersänger Heiko Reißig mit Worten, die Dagmar Frederic teilt, die ebenfalls mit Czerwenka befreundete Diva des DDR-Schlagers: "Wir hätten keine Chance gegen dich gehabt."
Im oberfränkischen Bamberg hatte Czerwenkas Versicherungskarriere 1990 begonnen - nach Mauerfall und beruflichem Absturz wegen des nahenden Endes der DDR. "Ich war 1989 nicht auf die Straße gegangen. Ich war Mitverantwortlicher für den Arbeitsschutz im Textilkombinat Greika, das sich in Auflösung befand, und war als Auslandskader vorgesehen, um in Afrika Wirtschaftshilfe zu leisten. Das alles ging den Bach runter", berichtet der Reserveoffizier der Nationalen Volksarmee. Als er nicht weiter weiß, hilft sein Patenonkel, Dr. Peter Wohlfarth ("ein Greizer Original"), mit Kontakten in die westdeutsche Versicherungsbranche: "So wurde ich im März 1990 ein Deutscher Herold - als erster Ostdeutscher."
Sein Chef in Bamberg, Manfred Häßler, sei eine Vaterfigur für ihn geworden, berichtet Czerwenka, auch wenn es anfangs anders ausgesehen habe: "Er stellte mich seinen Leuten vor: ,Ossi steh‘ mal auf. Er sieht aus wie wir, aber er muss noch viel lernen. Hier sind 500 D-Mark - kauf‘ dir erst mal einen richtigen Anzug.‘"
Czerwenka lernt schnell: Vor genau 30 Jahren, am 1. August 1990, macht er sich als Generalagent selbständig - und klotzt ran. "Ich wollte was werden, besser sein als andere.
Ein Jahr später fährt er als Bundessieger der Versicherungsgruppe "Deutscher Herold" nach Amerika - Miss Amerika wird seine Tischdame. Den ersten Platz verteidigte er dreimal.
Mit zwei Wörtern charakterisiert Czerwenka die turbulenten Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung: wachsen (beruflich) und durchwachsen (privat). "Ich habe viel gearbeitet und war selten zu Hause." Seine 2000 geborene Tochter - sie lernt Physiotherapeutin in Leipzig - nennt er "Augenstern"; Czerwenka ist wieder verheiratet - mit der 28 Jahre jüngeren Constanze, seiner "Prinzessin".
Er ist 1957 in Greiz geboren, wo der Vater - er ist Volkskammerabgeordneter des Kulturbundes der DDR - eine Apotheke führt; einer der beiden jüngeren Brüder wird Apotheker, der andere Psychiater. "Ich sollte auch Arzt werden. Mein Vater hat das ,befohlen‘ und mich auf die Erweiterte Oberschule gebracht, obwohl andere besser waren. Der Trick: Ich sollte Militärarzt werden. Gott sei Dank wurde das nichts, weil die medizinische Ausbildung für drei Jahre nach meinem Abitur nicht möglich war. Normaler Offizier zu werden, lehnte ich ab - ein Riesentheater folgte."
Czerwenka studiert Maschineningenieurwesen an der TU Dresden - mit einer 4 im Mathe-Abitur! Das Technische interessierte ihn auch nicht. "Mein Freund hat für mich die Vorlesung in Konstruktionslehre besucht, ich habe mich mit Gesellschaftswissenschaften revanchiert."
Und in die mündliche Prüfung in "Physik" geht der Vogtländer mit Selbstbewusstsein, Glück und Gottes Segen: "Ich habe eines von acht Themen auswendig gelernt - und das kam dran. Vorher war ich beten in der katholischen Hofkirche." Mit "Segen von ganz oben" schließt er das Studium mit 2 ab.
1983 beginnt er als Sicherheitsinspektor in der Greika, doch die Arbeit langweilt ihn, daran ändert auch nicht, dass er korrespondierendes Mitglied des Zentralinstitut für Arbeitssicherheit in Dresden wird. "Ich habe viel nebenbei gemacht: Für die Zeitung geschrieben, fotografiert, den Greizer Fanfarenzug mitgeleitet, Fußball gespielt, Unterricht an der Volkshochschule gegeben über Arbeitssicherheit/Brandschutz und ich war tätig als Reiseleiter bei Jugendtourist."
Auf Reisen geht Czerwenka bis heute gern und besonders hat es ihm der "Ballermann" angetan, den er jedes Jahr besucht.
Seine Kontakte, die Beziehungen, das Netzwerk nützen ihm nach der Deutschen Einheit: "Ich war bekannt wie ein bunter Hund, für mich gingen viele Türen auf."
Czerwenka sieht sich nach eigenen Worten als außergewöhnlichen Kopf, als Lebenskünstler, der in jedem System zurechtkommt. "Unsere Familie hatte in Österreich einen Namen und das gilt über die Epochen hinweg bis heute. "Manche meckern nur, sind gegen alles. Ich packe an, nehme mein Glück in die Hand und will immer mein Bestes geben."
Welche Träume hat Michael Czerwenka? "Ich will gesund bleiben, bis 85 arbeiten und Gutes tun. Ich will meine Biografie schreiben - und viele sollen mich in Erinnerung behalten - schillernd und glänzend."
Dazu passt der im Testament verfügte Wunsch, eine Bronzestatue möge sein Grab krönen, die ihn als Zugmarschall des Greizer Rosenmontagsumzugs zeigt, der er bis heute ist. Vielleicht steht auf dem Stein sein Lebensmotto: "Lieber was Falsches tun, als gar nichts." ufa