Ein Koffer kehrt heim

71 Jahre schlief sie auf dem Dachboden. Bekam Patina und Flecke. Dann wurde sie wachgeküsst. Ihr Zug ging wegen einer Delle etwas schwer. Und der Koffer aus Holz zerbröselte bereits. Die Geschichte dazu lesen Sie im heutigen 17. Advents-Rätsel.

Klingenthal/GraslitzIm Januar dieses Jahres kam mir die Idee, meinen Großvater nach seiner alten Posaune zu fragen. Geben wollte er sie mir zunächst nicht, denn es sei "eine Gute", wie er versicherte. Eine Konzertposaune. Er hätte noch eine andere, eine Jazzposaune. Die wäre für einen Anfänger wie mich eher was. Aber die Jazzposaune war weg. Also doch "die Gute". Mein Großvater erzählte, er habe sie zu Weihnachten 1948 von seinen Musikerkollegen bekommen und nur einmal wirklich gespielt. 1949 habe er das Posaunespielen in der Tanz-Combo wegen seiner Arbeit eingestellt. Die Posaune aber sei wirklich eine Gute, denn gebaut hätte sie Instrumentenbaumeister Andreas Crönlein unter Hans Hoyer.
Crönlein war wahrscheinlich in den 1930ern von Gebr. Alexander aus Mainz abgeworben worden. Als ich die Posaune zur Durchsicht nach Markneukirchen brachte, traf ich dort zufällig einen Fachmann für historische Instrumente, der beim Namen "Crönlein" große Ohren bekam. Er besah sich das Instrument und bezeichnete es als "unbedingt erhaltenswert". Nun sollte die Posaune auch wieder einen angemessenen Koffer erhalten. Da kam nur eines in Frage: klassische Holzetui-Bauweise, hergestellt in Handarbeit, Made in Germany. Solche Koffer sind unter all den Made-in-China-Instrumenten-Taschen (von keineswegs schlechter Qualität) etwa so verbreitet, wie ein vom Tischler gefertigter Kleiderschrank unter Ikea-Möbeln. Entsprechend wenige Firmen gibt es, die noch auf die alte Weise produzieren. Abgesehen von einem vogtländischen Hersteller, der seine Preise allerdings von der Rückseite des Mondes zu beziehen schien, fand ich nur zwei solcher Firmen über das Internet: die Firma Kariso aus Wolfhagen bei Kassel und die Firma Kühnl & Hoyer aus Markt Erlbach, 25 km westlich von Nürnberg. Das bessere Angebot machte Kariso, da man sich dort die Farbkombination der Bezugs- und Polsterstoffe ohne Aufpreis individuell zusammen stellen konnte. Ich entschied mich beim Kunstleder außen für schwarze Schlangenlederoptik und beim Plüsch innen für Dunkelbraun. Das sah edel und etwas antiquiert aus, wie ein Sofa aus einem Herrensalon. Zusätzlich ließ ich den Koffer mit Stoßkanten aus Echtleder säumen sowie einen Echtledergriff anbringen. Der Preis für alles war fair.

Kalenderblatt 17

Woher stammen die genannten Etuibau-Firmen ursprünglich?

Wenn Sie das wissen, schreiben Sie uns das Lösungswort bis zum 19. Dezember auf eine Postkarte und senden diese an:

Redaktion Vogtland-Anzeiger, Postplatz 12, 08523 Plauen. Oder Sie schicken eine Mai an:
redaktion@vogtland-anzeiger.de
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Zu gewinnen gibt es eine Figur der Serie "Finn & Finja", gesponsert von der Drechslerei Kuhnert aus Rothenkirchen.
Die Gewinnerin von Kalenderblatt 13 ist
Mandy Weber aus Oelsnitz. Sie wusste die richtige Lösung: "Bei Sportsendungen". Ihren Gewinn, Finn mit Dankeschön, kann sie in der Redaktion des Vogtland-Anzeigers abholen.
www.holzkunstartikel.de


Während der mehrwöchigen Lieferzeit sah ich mir hin und wieder die Homepage von Kariso - Karl Riedel & Sohn - an. Im Text zu "Unternehmen" las ich: "Alois Riedl gründete im Mai 1908 in Graslitz eine Etuifabrik, um die vielen Hersteller von Musikinstrumenten mit den passenden Etuis zu versorgen. Nach den Kriegswirren begann Karl Riedl 1947 in Wolfhagen bei Kassel erneut mit der Herstellung von Etuis." Kriegswirren...? So nennt man das also. Der Kreis schloss sich. Ich begann etwas zu ahnen und schaute bei Kühnl & Hoyer nach. Und siehe da: Unter dem Link "Über uns" hieß es: "Nach Krieg und Vertreibung aus dem Sudetenland wurde Kühnl & Hoyer durch die Herren Adolf und Josef Kühnl sowie Emil Hoyer 1948 gegründet." Am Ende fand ich noch eine weitere Firma, die wie Kariso ebenfalls in Hessen produziert. Das Impressum zeigte die Anschrift. Die Firma saß in der "Graslitzer Straße".
Graslitz, Klingenthal... Blechblasinstrumente, Mundharmonika, Akkordeon... Einmal mehr wurde mir bewusst, welche Bedeutung der Musikwinkel für den Instrumentenbau einst gehabt und was er durch Krieg, Vertreibung und Wende verloren hat. Und wie wenig wir Vogtländer von dieser Vergangenheit heute noch vor Augen haben.