Ein Harmonium der Oberklasse

Seit kurzem steht links an der Wand im Gliersaal in der Berufsschule am Amtsberg in Klingenthal ein Instrument in Klavierform und -größe, nämlich ein Harmonium. Doch wie kam es dorthin?

Von Helmut Schlangstedt

 Erste Vorläufer dieses Instruments, das wie ein Akkordeon mit Luft Tonzungen zum Schwingen bringt, gab es um 1800, als Harmonium erstmals im Jahre 1842. In den Gliersaal gestellt hat es Andreas Schertel, Ausbilder im Fach Handzuginstrumentenbau und zugleich Inhaber einer Akkordeonreparaturwerkstatt. Schon als Kind spielte er auf solch einem Instrument, das ihm damals sehr gefiel und ihn seitdem gewissermaßen verfolgte.
Ein 2012 erworbenes Modell von 1870 entsprach in seiner Funktionalität dann aber doch nicht seinen Vorstellungen. Beim kürzlichen Wiederverkauf wurde er bei ebay-Kleinzeigen allerdings wirklich fündig, mit einem 1922 in Borna gebauten "Normal-Kunstharmonium", das in der Nähe von Emden zum Verkauf stand. Für 750 Euro war es schließlich seins, machte allerdings eine umfassende Restaurierung nötig. So musste er die Balganlage zur Lufterzeugung komplett erneuern lassen, alles andere erledigte er selbst.
Dazu gehörten etwa eine umfassende Säuberung, die Neujustierung aller mechanischen Elemente und der Messing-Tonzungen sowie der Ersatz von Filz- und Lederteilen und Dichtungen. Und ebenso waren Oberflächenarbeiten am Holz nötig, bevor es nach drei Monaten in alter Schönheit erklingen konnte.
Das Instrument sei wirklich etwas ganz Besonderes, erklärt Andreas Schertel mit Hinweis auf einige technische Raffinessen. So würde jedes Harmonium über zwei Balgsysteme verfügen, die mit den Füßen betätigten Schöpfbälge sowie einen Magazinbalg für einen gleichmäßigen Luftstrom, der die Tonzungen zum Klingen bringt. Dieses Kunstharmonium ermöglicht jedoch verschiedene Expressionen, das heißt dynamische Klangsteuerungen. Einerseits kann der Magazinbalg abgeschaltet werden, wodurch ein direktes dynamisches Arbeiten mit den Schöpfbälgen möglich ist. Dann wird der Luftstrom als zweite Möglichkeit für Bass und Diskant aufgeteilt, wobei zwei zusätzliche Ventilsteuerungen eine Regulierung der Lautstärke beider Tonhöhenbereiche ermöglichen. Als drittes können noch Gehäuseklappen durch den Luftstrom gesteuert werden, um die Lautstärke zu ändern.
Wie eine Orgel enthält das Harmonium zahlreiche Registerknöpfe zur Beeinflussung der Klangfarbe, denn die 61 Tasten bringen insgesamt 420 Tonzungen zum Schwingen. Beim Blick ins Innere des Instruments erinnert vieles an eine Orgel, denn die ganze Mechanik mit ihrer Unzahl an Teilen besteht im Wesentlichen aus Holz.
Und noch etwas anderes ist überraschend: Es gibt Druck- und Saugwindharmoniums, wobei letztere in ihrer Konstruktion günstiger zu fertigen sind. Überraschend ebenso, dass Druckwind-Instrumente eher wie ein Akkordeon klingen, die mit Saugwind eher wie eine Orgel.
Dieses Harmonium sei übrigens in der Oberklasse anzusiedeln, meint Andreas Schertel, das heute produziert sicher zwischen 10.000 und 15.000 Euro kosten würde.
Angeschafft hat Andreas Schertel das Instrument vor allem aber für seine Lehrlinge und hierzu eine Dokumentation verfasst. Sie sollen auch einmal über den Tellerrand blicken und andere technische Lösungen für Tonzungeninstrumente kennenlernen.
Deshalb soll es zur Anschauung im Gliersaal bleiben. Ja, und wer weiß, vielleicht gibt Andreas Schertel ja mal ein Harmoniumkonzert mit Erläuterungen. Wäre sicher interessant.