Ein Amerikaner von hier

Joe Biden wird heute als US-Präsident vereidigt. "Gott sei dank sind Trump und die Zeit seiner Lügen vorbei. Ich setzte große Hoffnungen in Biden", sagt der "amerikanische" Vogtländer Dr. Peter Klose, geschäftsführender Gesellschafter der Filztuchfabrik Rodewisch.

Lengenfeld -  "2016 hatte ich große Bedenken in Bezug auf einen US-Präsidenten Trump - und meine Befürchtungen wurden mehr als bestätigt", sagt Dr. Peter Klose am Telefon. Mit seiner Frau Elaine lebt er im Nordosten der USA, in einem kleinen Dorf im Bundesstaat New Hampshire. "Bei uns liegt derzeit Schnee und es ist kalt, Meist haben wir fünf Monate Winter."
Trump habe jeden Tag seiner Amtszeit gelogen - und viel zu viele hätten seinen Lügen geglaubt, berichtet Klose. "Der Mann ist unberechenbar: Deshalb haben die USA im Inneren und in aller Welt Schaden genommen", sagt Klose und vergleicht ihn mit Diktatoren wie Orban in Ungarn, Erdogan in der Türkei oder Putin in Russland.
Hätte Trump die Corona-Pandemie richtig gemanagt, hätte er nach Kloses Vermutung wohl auch die jüngste Wahl gewonnen; das US-amerikanische Gesundheitswesen sei schlechter als das deutsche. Allerdings räumt er ein, dass die kleinen Leute unter Trump höhere Löhne bekommen hätten, weil der Präsident die Wirtschaft gefördert habe - wenn auch mit gepumptem Geld. "Soziale Verbesserungen haben bisher eigentlich demokratische Präsidenten ausgezeichnet."
Sicher, die Demokraten hätten Fehler gemacht. Die müsse der neue Präsident korrigieren. Der 75-jährige Klose und seine Frau engagieren sich nach eigenen Worten als Wahlhelfer - und sind Unterstützer der Demokratischen Partei. "Ich habe für Joe Biden 2800 Dollar gespendet - die Höchstsumme, die Einzelpersonen möglich ist."
Doch Klose sieht das US-amerikanische Mehrheitswahlrecht kritisch: "Das Prinzip The winner takes it all ist gefährlich, wonach der Bewerber mit den meisten Stimmen in jedem Bundesstaat siegt. Allerdings fallen alle anderen Stimmen unter den Tisch, auch wenn es 49 Prozent sind. Durch das System der Wahlmänner aus jedem Bundesstaat ("electoral college") passierte es, dass Trump die Präsidentschaftswahl 2016 gewonnen hat - obwohl er landesweit knapp drei Millionen Stimmen als seine Konkurrentin Hillary Clinton erhielt. 304 Wahlmänner stimmten für Trump, nur 227 für Clinton."
Das Mehrheitswahlrecht führt Klose zufolge zudem dazu, dass andere, kleinere Parteien als Republikaner und Demokraten, etwa Grüne wie in Deutschland, auf absehbare Zeit kaum eine Chance haben.
1994 hat Klose die Filztuchfabrik Rodewisch gekauft. Mittlerweile ist das Unternehmen nach Lengenfeld umgezogen, hat aber den Namen behalten. "Unsere 55 Mitarbeiter stellen Bespannungen für Papiermaschinen her, Filze und Siebe, auf denen der Papierbrei geführt und getrocknet wird. Alle unsere Produkte sind maßgeschneidert, weil die Formate und Papiergewichte variieren."
Gut ist laut Klose, dass die Bespannungen alle halbe Jahre erneuert werden müssen. Schlecht dagegen, dass die Zeitungsbranche (und großer Papierkunde) schrumpfe. "Deshalb freuen wir uns über ein zweites Standbein: Wir produzieren gewebte Bänder, auf denen Vliesstoffe produziert werden, ein Produktionssegment, das kontinuierlich wächst." Die Kunden säßen vor allem in Deutschland und in Ländern wie USA, Polen, Tschechien, Frankreich und Russland.
"Unsere Auftragsbücher sind bis April voll, wir schaffen es kaum", erklärt der Chef. Deshalb suche man Maschinenführer im Schichtdienst und Produktionsarbeiter.
Viermal jährlich besucht der Chef seine Firma in good old Germany. "Auch mit 75 habe ich Lust am Leben und Spaß an der Arbeit", sagt er und verfolgt mit wachen Sinnen ebenso die US-Politik. "Die Vereidigung Bidens vor dem Kapitol in Washington schaue ich mir im Fernsehen an."
Der Zustand seines Heimatlandes mache ihm Sorge, sagt Klose. "Ich hoffe Demokraten und Republikaner reden wieder miteinander. Diese Zusammenarbeit ist wichtig, um die Herausforderungen zu meistern, vor denen unser Land steht: Die Wirtschaft muss unterstützt werden, die Staatsverschuldung ist utopisch, das Gesundheitssystem katastrophal. Und die Spaltung unserer Gesellschaft - in Arm und Reich, in Weiße und Schwarze - besorgniserregend."
Klose stimmt es nach eigenem Bekunden hoffnungsvoll, das der neue Präsident Biden angekündigt hat, ins Pariser Klimaschutzabkommen zurückzukehren, die Einwanderungsprobleme anzugehen ("Wir brauchen die Arbeiter aus Mittelamerika") und mit dem Iran zu verhandeln. "Joe Biden ist ein erfahrener Politiker, ein Mann der gemäßigten Mitte (,Middle of the road‘). Wenn einer das schaffen kann, dann er", sagt der "amerikanische" Vogtländer Klose. ufa
www.filztuch.de

Wer ist Dr. Peter Klose?

Peter Klose ist 1945 in Zwickau geboren, als eines von vier Kindern. "Mein Vater war Ingenieur beim Autobauer Horch und hat im Krieg Flugzeugmotoren in Chemnitz entwickelt. 1949 ist unserer Familie in den Westen gegangen, weil mein Vater sich mit den Kommunisten nicht arrangieren konnte. In Mannheim arbeitete er in der Firma Lanz, die Traktoren herstellte."
Durch Freunde habe der Vater eine Stelle bei der US-Air-Force gefunden, der amerikanischen Luftwaffe. "Deshalb gingen wir 1953 in die USA: Mein Vater arbeitete im Raketenzentrum Cape Canaveral in Florida."
Laut Klose holten die USA nach dem Zweiten Weltkrieg viele deutsche Wissenschaftler und Ingenieure wegen ihrer guten Ausbildung über die Aktion "Paperclip" ("Büroklammer") ins Land, um bei der Eroberung des Weltraums zu helfen.
Klose selbst hat Biologie studiert und nach der Promotion als Berater in verschiedenen Unternehmen gearbeitet. "1993 bin ich aus der Firma ausgestiegen, an der ich Miteigentümer war. Mit dem Geld habe ich eine Investitionsmöglichkeit gesucht - und in der Filztuchfabrik Rodewisch gefunden."
Klose ist verheiratet und Vater dreier erwachsener Söhne.ufa