Ehrenkodex: Neugier, Fleiß und liebe zum Leser

Neuensalz - Nicht im Kaffeehaus, bekanntlich die Kirche für Journalisten, sondern in einer Kapelle trafen sich diesmal die Zeitungsmacher: Die Vogtländische Literaturgesellschaft Julius Mosen hatte eingeladen. In die Kapelle Neuensalz zur dritten Veranstaltung ihrer Reihe "Vogtland-Autoren im Gespräch". Die Gäste am Sonntag: drei Journalisten; und es bleibt der Interpretation des auch diesmal zahlreich erschienenen Publikums überlassen, ob die Reihenfolge Professoren (15. Februar), Doktoren (15. März) nun am Sonntag eine Steigerung oder einen Abstieg erfahren hat.

 Die drei Vertreter der für den Tag schreibenden Zunft waren: Dr. Lutz Behrens, seit 1992 Redakteur des Vogtland-Anzeigers, Thorald Meisel, Redakteur der Freien Presse, und Ronny Hager, der sich als Journalist selbstständig gemacht hat und als freier Mitarbeiter sein Brot verdient. Nach der kurzen biografischen Vorstellung stellte sich heraus, dass Ronny Hager der Einzige ist, der Journalismus studiert hat; die beiden anderen sind Seiteneinsteiger, wie in diesem Metier nicht unüblich. Erwähnung fand auch, dass die Berufsbezeichnung Journalist nicht geschützt ist (und sich jeder, "der unfallfrei einen Stift halten kann", wie es Hager formulierte, diese Feder an den Hut heften kann).??????Einer für alles??????Thorald Meisel berichtete vom Anliegen des Periodikums und las zwei dort erschienene Artikel vor. Dass sich dabei das Interesse für unsere Nachbarn in Böhmen durchaus mit einem anspruchsvollen Anliegen verbinden kann, bewies er mit dem Beitrag, der sich auf weltliterarische Spurensuche begab. Hatte Thorald Meisel doch dem Schloss in Tschechien einen Besuch abgestattet, das dem gleichnamigen Roman von Franz Kafka als Vorlage diente.

 Dr. Lutz Behrens und Ronny Hager nahmen die Besucher mit hinter die Kulissen des Zeitungsmachens. Beide beschrieben unter anderem, wie sich seit gut zwanzig Jahren der Beruf grundlegend geändert hat. Setzer, Layouter, Reprofotografen, Korrektoren gibt es nicht mehr: Heute verantwortet der einzelne Redakteur die ästhetisch überzeugende Gestaltung der Seiten, den Inhalt (und die grammatische und orthografische Korrektheit) der Beiträge, denkt sich ins Auge fallende Überschriften aus und bewältigt daneben die stressigen Anforderungen des hektischen Redaktionsalltags einer Tageszeitung. Immer im Nacken: den Zeitpunkt des Andrucks. Das ist die Stunde der Wahrheit, dann muss das Produkt Zeitung fix und fertig sein; den "Raum für Notizen" auf der Zeitungsseite gibt es nur im Journalistenwitz. Einig waren sich alle drei über die journalistischen Tugenden: Fleiß und Glaubwürdigkeit und eine profunde Halbbildung (die sich von den Geheimnissen der Kleintierzucht über kommunalpolitisches Hintergrundwissen bis hin zu Feinheiten des epischen Theaters erstreckt). Hinzu kommen eine nie erlahmende Neugier, Hass auf Vorurteile jeder Art und Provenienz und: die Liebe zum Leser. Letztere sollte den Autor so lange an seinem Text feilen lassen, bis ihn "sein Kunde gerne lesen mag und auch noch versteht", wie Herbert Riehl-Heyse zitiert wurde. ??????Schreibe kurz?????? In der lebhaft genutzten Fragerunde beklagte Autorin Regina Wagner unter anderem die sich in der Zeitung häufenden Fehler. Ex-Museumsdirektor Horst Fröhlich bat darum, anspruchsvolle Serien im Vogtland-Anzeiger wie "Plauen einst und jetzt" fortzusetzen. Dr. Spitzner brach eine Lanze für die Kulturseiten der Zeitungen und empfahl, diese zuletzt für das Ausstopfen nasser Schuhe zu verwenden. Wurde von den Journalisten doch zuvor prophezeit, auch im Zeitalter des Internets habe vor allem im Lokalen die Zeitung ihre Existenzberechtigung, zumal es nichts Besseres gäbe, "um nasse Schuhe trocken zu kriegen".

Ernsthaft wurde auf die Pressefreiheit "als hohes Gut und Errungenschaft" hingewiesen. Hervorgehoben wurde, dass Medien eben nicht ein Geschäft wie jedes andere seien. Was auch daran zu erkennen sei, dass die Produktion von beispielsweise Schrauben nicht unter dem Schutz des Grundgesetzes stehe.

Eine goldene Regel für Zeitungsschreiber lautet: Schreibe kurz - und sie werden es lesen; schreibe klar - und sie werden es verstehen; schreibe bildhaft - und sie werden es im Gedächtnis behalten. Mit dem Kurzhalten war es in diesem Falle in Neuensalz so eine Sache: Nach - wenn auch kurzweiligen - immerhin zweieinhalb Stunden beendete Moderator Dr. Frieder Spitzner den gelungenen Abend. Nicht ohne dabei auf die nächste Zusammenkunft mit Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges am 13. September hingewiesen zu haben.