Drohnen helfen nicht gegen Einsamkeit

30 Prozent der Vogtländer sind älter als 65 Jahre. Nicht allen droht Altersarmut oder Vereinsamung, aber vielen. Die für die Region zuständige Bundestagsabgeordnete der Linken, Sabine Zimmermann, fordert ein Konzept, um kommunale Projekte zu ermöglichen.

Von Torsten Piontkowski

Plauen "Ich komme vor allem wegen der Unterhaltung und freue mich schon, wenn ich hier die Tür aufmache", sagt eine 80-jährige Seniorin, die zur gestrigen Gesprächsrunde über Altersarmut und Vereinsamung im Kompetenzzentrum der ALI mit am Tisch sitzt. Allerdings, fügt sie an, komme sie nur zwei Mal die Woche zur Essens-Tafel in der Schlossstraße, "weil ich mit dem Straßenbahnticket rechnen muss." Und die zweite Seniorin, deren Partner in einem Plauener Pflegeheim vor Weihnachten gestorben ist, teilt diese Erfahrung. "Mir gefällt es hier, das Essen ist gut und preiswert." Und, fügt sie an: "Ich muss unter Leute, den ganzen Tag allein ist nichts für mich."
Einsamkeit im Alter
noch immer Tabu-Thema

Womit Sabine Zimmermann schon beim Thema ist, für das sie die beiden Damen gewissermaßen als "Kronzeugen" eingeladen hat. Einsamkeit im Alter sei noch immer ein Tabuthema. Während die Wirtschaft recht schnell auf die Bedürfnisse älterer Menschen reagiert hat - beispielsweise mit speziellen Telefonen, Reisen und anderem - müsse sich nun auch die Gesellschaft darauf einstellen. Stichwort Teilhabe. Dazu gehöre barrierefreier Wohnraum ebenso wie ein guter und preiswerter ÖPNV, eine Bankfiliale in der Nähe, die den alten Menschen im Zeitalter der Digitalisierung beratend zur Seite steht. Oft seien es eher kleine Dinge, aber die fehlen eben auch, so die Linken-Politikerin. Und fordert deshalb als Fazit des Treffens, ein umfassendes Konzept des Landkreises und seiner Gemeinden - gemeinsam mit der Volkssolidarität, Vereinen, der Kirche und den Gewerkschaften - gegen die Einsamkeit, untersetzt von einer soliden Finanzierung.
Dass der Landkreis das Problem allein nicht stemmen kann, weiß sie als Bundespolitikerin nur zu gut In diese Richtung zielte auch ihre Anfrage im Bundestag, in deren Antwort ihr zugesagt wird, eine Analyse der von Altersarmut und Einsamkeit Betroffenen zu erstellen.
Eigenverantwortung
statt Miteinander

Auch sie wünscht sich nicht "die gute, alte DDR" zurück, doch das damalige Umeinander-Kümmern in den Hausgemeinschaften habe spürbar abgenommen. "Das Miteinander ist vom Schlagwort der Eigenverantwortung abgelöst worden", sagt Zimmermann nachdenklich.
Die beiden Seniorinnen, deren anfängliche Scham, hier ihr Essen einzunehmen, längst der Freude an der täglichen Unterhaltung gewichen ist, nicken zustimmend. Allerdings möchten auch sie ihre Namen unerwähnt wissen. Beide haben zwei erwachsene Kinder, die alle in Plauen oder der Umgebung leben. "Die haben voll zu tun, die können sich gar nicht um mich kümmern", zeigt die etwas Ältere Verständnis für den Tagesrhythmus der Jüngeren.
Beide Frauen kennen sich vom Tanzen bei Möbel-Biller, eine kleine Ewigkeit scheint das her, doch die lockere Bekanntschaft, aus der Freundschaft wurde, blieb erhalten. Die 80-Jährige hat eine schwere Gehirn-OP hinter sich, seither hat der Gleichgewichtssinn gelitten. "Große Spaziergänge sind nicht mehr drin, aber ich gehe jeden Tag raus", gibt sie sich kämpferisch.
Ihre Freundin wohnte 20 Jahre in der 4. Etage eines Hauses am "Hang". "Da war ich die Älteste und gekannt hab‘ ich kaum jemanden." Dann zog sie mit Hilfe ihrer Kinder in ein altersgerechtes Haus an der Straßberger Straße. "Dort bin ich die Jüngste und freu mich auf die allwöchentliche Rommeerunde im Partykeller."
Kaffee-Ecken in
der Apotheke

Beide Seniorinnen verkörpern eine Generation, in der der Partner meist schon gestorben ist und die nun auf sich gestellt klarkommen muss.
"Dafür müssen wir Hilfe und Angebote unterbreiten", ist ALI-Chefin Konstanze Schumann überzeugt und hat die Bemerkung vom früheren Tanzbein-Schwingen ihres regelmäßigen Essens-Gastes gedanklich schon umgesetzt. "Das können wir doch hier auch anbieten."
Es sind die Kleinigkeiten, die auch Sabine Zimmermann im Blick hat. Projekte wie gemeinsames Kochen, wie die ihr aus den Niederlanden bekannte Aktion "Oma und Opa passen auf Haustiere auf". Im Nachbarland haben sich Banken beispielsweise auf die Beratung älterer Kunden spezialisiert. Und warum keine Kaffee-Ecken in Discountern, um ein wenig zu quatschen? Weshalb nicht auch die Apotheken einbeziehen, wo wiederum Prospekte mit weiteren Infos und Angeboten ausgelegt sind?
Situation auf flachem
Land noch schwieriger

Doch Konstanze Schumann kann auch auf Bestehendes verweisen: 20 Alltagsbegleiter, die sich um Menschen ohne Behinderungsgrad kümmern, ihnen die Zeitung vorlesen, Spiele machen, sie zum Friedhof begleiten. Doch ohne Ehrenamtliche laufe eben kaum was, macht sie auf das Problem auch ihrer Einrichtung aufmerksam. "Drohnen ersetzen keinen sozialen Kontakt", kommentiert sie die Idee, ältere Patienten im ländlichen Raum per Drohnen mit Medikamenten zu versorgen.
Dass die Situation "auf dem flachen Land" sich eher noch dramatischer zeigt, weiß auch Waltraud Klarner vom Vorstand der Volkssolidarität. "Ich bekomme Armut und Einsamkeit oft hautnah mit. Wer wenig hat, igelt sich ein, schämt sich und oft spiegelt sich die Hoffnungslosigkeit dann auch im Zustand der Wohnung wider." Die Volkssolidarität versuche gegenzusteuern, Klarner spricht von recht gut funktionierenden Strukturen.
Shoppen in der
Kleiderkammer

Die beiden Seniorinen brechen auf - Termine, die man im Alter so hat. "Fußpflege" lächelt die 79-Jährige. Morgen treffen sie sich wie so oft in der Kleiderkammer, da könne man sich gut einkleiden, sagt die eine. Das Outfit der beiden unterstreicht die Feststellung der Seniorinnen aufs Trefflichste.