Drei Sorten Nudeln im Rucksack

Während am Wochenende die Marktschreier auf dem Altmarkt ihre Waren kiloweise aus den Marktständen heraus verkauften und dafür ordentlich Werbung machten, musste Nudel Anne mit fast regionaler Ware kaum Überzeugungsarbeit leisten. Ihre Riesaer Nudeln sind im Osten bliebt und werden von jeher gern gekauft.

Von Katrin Mädler und Stephanie Rössel

Plauen Etwa 15 Sorten hatte Nudel Anne in Plauen dabei. Eine der beliebtesten Formen sei die Spaghetti sagt die Marktschreierin. "Ich war überrascht, hier in der Region scheint der Nudelreis bekannt zu sein. Der ging hier richtig gut. Es gibt Städte da kennt man den gar nicht", resümierte sie.
Nudelreis ist eine gepresste Teigwarenspezialität, die nahezu überall dort verwendet wird, wo üblicherweise Reis angesagt ist. Ob als Suppeneinlage, als Beilage zu Geschnetzeltem, als Nudelmilchreis mit Apfelkompott und Zimt oder als Rösti mit frischem Salat - die kleine Eiernudel ist vielseitig. Besonders beliebt sei der Rucksack mit drei verschiedenen Sorten Kindernudeln und einem Trinkbecher in Form einer Figur.
Seit zwei Jahren ist die Sächsin mit ihrem Mann auf Märkten unterwegs. Der Kontakt zu Menschen und auch das Anpreisen der Waren fällt ihr nicht schwer, denn beide sind seit 16 Jahren als Schausteller unterwegs. Die Entscheidung für Teigwaren war ein spontaner Versuch, als jemand für den Job gesucht wurde. "Uns macht es Spaß und so sind wir dabei geblieben", sind sich beide einig. Im Übrigen sei das Angebot sonst zum Teil noch viel größer, aber tatsächlich habe man den hohen Umsatz bei den Nudeln in der Zeit des Lockdowns massiv gespürt.
Coronabedingt fünf
Monate ausgebremst

Bei Wurst-Achim verstehen die Marktbesucher ihr eigenes Wort nicht mehr. Mit lauter Stimme und vielen Witzen preist er Wildschweinsalami oder Schinken an.. "Ich bin froh, dass wir überhaupt wieder arbeiten dürfen", sagt er bei der Eröffnung am Freitag. Denn in den vergangenen Monaten herrschte Zwangspause wegen der Corona-Pandemie.
Wurst-Achim das "lauteste
Lebewesen der "Welt

"Es läuft gut an, aber hinter den Marktschreiern liegt eine sehr schwierige Zeit", berichtet Gilden-Chef und Manager Joachim Borgschulze. Rund fünf Monate seien die zwölf Mitglieder ausgebremst worden - und hoffen nun, von den üblichen 46 Veranstaltungen pro Jahr wenigstens noch zehn absolvieren zu können. Los geht es mit den besonderen Märkten der Gilde in Ostdeutschland.
Neben Wurst-Achim, der aus Duisburg kommt und von TV-Sendern zum "lautesten Lebewesen der Welt" gekürt wurde, sind neben Nudel-Anne auch Käse-Maik, Aal-Ole, Knabber-Paul und der Holländische Blumenkönig mit von der Partie. "Jedes Bundesland hat andere Schutzbestimmungen, das macht es uns schwer. Aber wir wollen die Veranstaltungen unter den geänderten Rahmenbedingungen ermöglichen. Wir achten sehr darauf, dass alle Abstandsregelungen und andere Vorgaben eingehalten werden", betont Borgschulze, in Personalunion auch Chef des Berufverbandes der Marktschreier.
Nach seinen Angaben lebten die Protagonisten der Zunft zuletzt am Existenzminimum. Der Ansturm in Plauen zeigt, dass die Marktschreier den Menschen fehlten. "Ich würde mir ein positives Zeichen aus der Politik wünschen, das der Wirtschaft wieder Hoffnung gibt." Die Kauflust der Menschen habe spürbar nachgelassen. "Wir merken das genauso wie der Einzelhandel." Beim Holländischen Blumenkönig Roberto Saarloos wird wegen der Corona-Pandemie nicht mehr direkt aus dem Lkw verkauft. "Wir haben die Blumen am Verkaufsstand, und die Leute können sie sich selbst aussuchen", sagt er. Seit 58 Jahren gibt es den Titel Holländischer Blumenkönig, normalerweise steht er auf dem Hamburger Fischmarkt.
Online-Shopping keine
wirkliche Konkurrenz

Trotz der Ausfälle 2020 hat die Gilde der Marktschreier eine Zukunft, findet Borgschulze, der ihr seit 1998 vorsteht. "Wir präsentieren eine althergebrachte Veranstaltung und vertreten eine Tradition, die sich über die Jahrhunderte bewährt hat." Moderne Einkaufsmöglichkeiten wie Onlineshopping seien keine wirkliche Konkurrenz für die Marktschreier. Ihre Gilde wurde Anfang der 1970er Jahre gegründet, inspiriert "durch das bunte Treiben auf dem Hamburger Fischmarkt", wie Borgschulze erzählt. Um die Mitgliedschaft in der Echten Gilde der Marktschreier kann sich Jeder bewerben. "Voraussetzungen sind unter anderem ein vernünftiges Sortiment und sehr gute Ware."