Dieter Mann liest Fallada in Plauen

Sternstunde, Legende - so unerträglich die abgegriffenen Floskeln oft sind, diesmal trafen sie zu. Schauspielerlegende Dieter Mann las am Mittwoch auf der Kleinen Bühne des Vogtlandtheaters. Eine Sternstunde. Von Dieter Mann ist vorstellbar, dass er dazu gesagt hätte: "Sternstunde? Ich hab" doch bloß ein bisschen vorgelesen."

Fallada lesen heißt, ein großes Erbe antreten. Wer es je hörte, hat es für immer im Ohr: das metallische Klirren der Stimme von Walter Niklaus in der Verfilmung von "Wolf unter Wölfen". Mitte der sechziger Jahre ein großartiger, vierteiliger Fernsehfilm, der selbst in Plauen zum Anschalten des "Ostfernsehens" animierte ...

Am Mittwoch war Dieter Mann im Vogtlandtheater, um Falladas "Der eiserne Gustav" in einer anderthalbstündigen Lesefassung vorzutragen. Eine anspruchsvolle Aufgabe. Da ist nicht "nur" Text vorzulesen, sondern sind Dialoge vorzutragen, Charaktere stimmlich zu gestalten, Spannung zu halten allein durch die Kraft und die Variabilität der Stimme. Welch eine Herausforderung.

Kleine Bühne: ein schlichter Holzstuhl, davor ein kleiner Tisch, wie er in jeder Küche stehen kann. Mehr ist nicht nötig. Nicht einmal für Sternstunden. Herein kommt ein Mann, dem es nicht anzusehen ist, dass er in diesem Jahr 70 Jahre alt wird. Dieter Mann ist groß, trägt schwarze Hose, Rollkragenpullover und ein passendes Tweedsakko. Ein das Publikum umfassender Blick, knappe Verbeugung. Von nun an ist jede Geste, jeder Augenaufschlag, alles, was dieser Schauspieler, der da auf dem Holzstuhl Platz nimmt, aufs Genaueste kalkuliert. Kein Wort anbiedernder Begrüßung mit Komplimenten ans Publikum. Musik.

Dann liest Dieter Mann. Sein Geheimnis ist die Reduktion. Knapp sind seine Bewegungen, die Stimme leistet, was der Text fordert. Da gibt es nichts Überflüssiges, keine Redundanz. Seine praktizierte Konzentration auf das Wesentliche ist nicht mühsam angeeignet, sondern kommt auch aus seiner Herkunft als Berliner, misstrauisch gegenüber jedem großen Gefühl. Und sie ist Frucht einer jahrzehntelangen Karriere als erfolgreicher Schauspieler. Dafür stehen der den Blue-Jeans-Blues singende und tanzende Edgar Wibeau (in "Die neuen Leiden des jungen W." von Ulrich Plenzdorf), damals, Anfang der Siebzigerjahre, als so vieles möglich schien und doch nur ein falsches Versprechen war, der Wolodja in "Unterwegs" von Viktor Rosow oder der Tempelherr in Lessings "Nathan".

Zu erinnern ist auch an den Filmschauspieler Dieter Mann. Er war zu sehen als Hamburger Rechtsanwalt Bruno Kappel im Film nach Degenhardts "Brandstellen", er ist der Bibliothekar Karl Erp im Film nach de Bruyns Roman "Buridans Esel" oder verkörpert im Fernsehfilm "Auf der Suche nach Gatt" den Arbeiter Eberhard Gatt. Großartig Dieter Mann als Chef der Pathologie in der Krimiserie "Der letzte Zeuge". Zu DDR-Zeiten war Dieter Mann auch gesellschaftlich engagiert; so während der Studienzeit als FDJ-Sekretär oder am Deutschen Theater als Mitglied der Parteileitung der SED.

Es war eine kluge Entscheidung, Dieter Mann in Plauen auf der Kleinen Bühne lesen zu lassen. Hier füllen die rund einhundert Besucher den Zuschauerraum; im Parkett des Großen Hauses hätten sie sich verloren. Atemlos verfolgte das Publikum, wie der erfolgreiche Fuhrunternehmer Gustav Hackendahl zum verarmten Droschkenkutscher herabsinkt. Bis der eiserne Gustav mit seiner Idee, per Kutsche von Berlin nach Paris und wieder zu zurück zu fahren, allgemeinen Jubel hervorruft, ein veritables Medienspektakel inszeniert und kurzzeitigen Ruhm erntet. Wirksam setzte Dieter Mann in seine Lesung kurze Musikpassagen ein, und nur im zweiten Drittel seiner Lesung kam es zu kleinen Versprechern. Erfreulich, dass eine Reihe junger Ensemblemitglieder des Schauspiels am Theater Plauen-Zwickau dem Kollegen aus Berlin die Ehre gaben. Am Schluss viel Beifall eines begeisterten Publikums. Dieter Mann nimmt ihn lächelnd entgegen, kommt auch nochmals heraus, um dann mit freundlichen Worten die Sache abzukürzen. Wer dabei war, wird den Abend nicht vergessen.