Dieter Maas: "Mein Ruhestand wird purer Stress"

Offiziell hat er in dieser Woche seinen letzten Arbeitstag. Den letzten von zahllosen, an deren Ende er zufrieden war oder gehadert hat. Mit sich und anderen. Immer hoffend, er habe in diesen 37 Jahren etwas bewirken können mit seiner Kunst, die er selbst als Handwerk versteht. Der Schauspieler des Theaters Plauen Zwickau, Dieter Maas, geht in den Ruhestand.

Plauen - Ein Mann stapft im Sommer 1698 die Wiesen entlang, erblickt auf der Suche nach Obdach in der Ferne die Neue Schänke. Einen Gasthof in Neugernsdorf, gelegen zwischen Greiz und Weida. Nickel List ist einer der meist gesuchten Räuber jener Zeit. Vom Wirt wird er noch in jener Nacht verraten und ein Jahr später dem Henker überantwortet.

Wenn ich an den Schauspieler Dieter Maas denke, fällt mir diese Szene ein. Für das Regionalfernsehen spielte er damals in einem kleinen Beitrag den Nickel List. Nichts, wofür man Preise erwarten könnte. Aber Maas bereitete sich darauf vor als gelte es, den Nathan im Berliner Schauspielhaus zu geben. Gut, das ist übertrieben und Übertreibungen mag der Mann nicht. Aber es war heiß beim Dreh wie anno 1698 auch, und bei der ersten Klappe ließ es Maas nicht bewenden.

Im Theatercafe sitzt Mitte dieser Woche ein Schauspieler, der von sich selbst als aussterbende Spezies spricht. Denn sein ganzes Berufsleben an einem Theater zu verbringen, diese Zeiten sind im Wortsinne vorbei. "Das ist auch nicht mehr gewollt", fügt Maas hinzu. Er hat in diesen Tagen und Wochen seine letzten Auftritte. Im Musical "Sugar" und einigen anderen Produktionen. Er stellt das fest, ruhig und sachlich. Wie's da drinnen aussieht, geht keinen was an, heißt es.

Nein, er fällt nicht in das sprichwörtliche Loch. "Ich hab jetzt mal überschlagen was ich tun könnte, das wird richtig Stress", lacht er. Eine China-Reise hat er mit seiner langjährigen Ehefrau Ute Menzel geplant, eine bekannte und beliebte Schauspielerin wie er. Ab und an eine Lesung könnte er sich vorstellen, wie die kürzlich im Arboretum. "Da nimmt man nicht nur ein Buch in die Hand und liest draus vor, das ist ziemlich aufwändig", erklärt er. Und dann wartet da ja auch noch der Mississippi-Schaufelraddampfer auf ihn.

Im Modellmaßstab auf dem heimischen Basteltisch. Irgendwann wird der die Armada der anderen Schiffsmodelle ergänzen, die Maas gebastelt hat. Die spanische Galeone, sein erstes Holzschiff, zehn Jahre Freizeit und Geschick investierte er in sein erstes Holzmodell. 150 Meter Strippe verarbeitete er allein für die Takelage. Die Schiffe teilen sich einen Teil der Maas'schen Dreizimmerwohnung mit Modellautos aus den 30er Jahren, Maßstab 1:18. "Autos mit Charakter, wo du auch mal die Tür aufmachen kannst."

Stichwort Charakter. Ein gewagter Sprung zum Menschen und Schauspieler Maas. Geboren in Anklam. Ein Nordlicht denen man nachsagt, sie seien schwer zu "knacken". Ob er diese vermeintliche Eigenschaft mit ins Vogtland gebracht hat? "Ich lege äußerlich eine gewisse Ruhe an den Tag", sagt Maas, um später auf die Frage nach seinen eher unangenehmen Eigenschaften zu sagen, er könne auch mal cholerisch werden.

Als Maas 1977 in Plauen "aufschlägt", hat er nicht nur ein abgeschlossenes Studium hinter sich, sondern auch eine erste "Karriere" als Schauspieler. "Seit der fünften Klasse habe ich in Anklam Theater gespielt, richtig anspruchsvolles. Mag Maas Filme? Und welche? "Es dürfen auch gern mal Kitschfilme sein", lächelt er.

Eigentlich wollte er ja Chemie studieren, war für ein Auslandsstudium vorgesehen. "Das ging dann auf einmal nicht mehr, ich weiß bis heute nicht warum." Er will es auch nicht mehr wissen, vermutet, dass da aus dem Bekanntenkreis einer "dran gedreht" hat. Als ihn der Berufsberater in der EOS als Offizier werben will, lehnt er "dankend" ab. Sein Berufswunsch stehe fest. Schauspieler.

Aber weshalb in der Provinz? Das Plauener Theater galt zu tiefsten DDR-Zeiten als Geheimtipp, hatte einen sehr guten Ruf, sagt Maas. Dass man dem Mimen, zumal einem jungen, keine Kränze ficht, wusste er. Dass man ihn auch nicht sonderlich gut entlohnt, bekam er bald mit. "675 brutto sind nicht viel für eine Familie. Also hab ich nebenher in der Technik ausgeholfen und in der Tischlerei. Ich hab Kulissen gebaut, in denen ich abends spielte."

Fazit jener Zeit: "Wenn man das Theater aus allen Ecken kennt, bekommt man einen ganz anderen Blickwinkel." Seine erste Rolle war die des Postmeisters in Gogols "Revisor". Eine Lieblingsrolle? Kurzes Nachdenken. "Auch kleine Rollen machen Spaß, manche Kollegen sind aber zu eitel dafür." Eitelkeit mag er nicht. Das sagt er so nicht, das spürt man. Ist es diese fehlende Eitelkeit, die ihn in Plauen bleiben ließ? Immerhin spielte er in Volker Schlöndorffs "Stille nach dem Schuss". Maas mag diese Autoritätsvermerke nicht sonderlich. "Es war ein schönes Arbeiten mit Herrn Schlöndorff", sagt er.

Aber deshalb versinkt er nicht in Ehrfurcht. "Filmen ist auch immer eine Frage der Zeit." Maas hat ohnehin geschafft, was nur einer Handvoll seiner Zunft vergönnt ist. Die Leute nennen ihn Volksschauspieler. "Da freu ich mich drüber", sagt er. "Wenn ich ein bisschen dazu beigetragen habe, den Leuten Spaß zu bereiten denke ich immer, ganz so umsonst warste die 35 Jahre nicht hier." Wenn die Leute von "unnerm Theater" sprachen, war ihm das größte Anerkennung, sagt er, weil er sich eingebunden fühlte in dieses Lob.

Vor kurzem gönnte er sich ein Mittagessen, eine Frau wurde auf ihn aufmerksam, glaubte ihn zu kennen. Die Kassiererin klärte auf. Das sei der Herr Maas, Schauspieler, der habe so toll im "Jedermanns" gespielt. "Das war Anfang der 90er", sagt Maas, und dieses "kollektive Gedächtnis" freut ihn denn doch.

Wahrscheinlich quillt auch er über vor Geschichten und Geschichtchen, aber er trägt sie nicht vor sich her. Es sei denn, es handelt sich um "richtige" Geschichte. Die Wende. "Wir waren voll drin. Als eines der wenigen Theater in der DDR, die da aktiv mitwirkten. Eine solche Zeit erlebt man nur ein Mal im Leben." Am 7. Oktober 1989 spielten sie die "Richtstatt" von Aitmatow. Draußen war der Platz abgesperrt. Wasserwerfer gegen Demonstranten.

"Einen habe ich zusammen mit Radestock (dem damaligen Intendanten) in Sicherheit gebracht". Gefühle und Emotionen? Zuhauf, vor allem aber eines: "Ich bin dabei, ich verkriech mich nicht." Denken und handeln Schauspieler per se politisch, traditionell links? "Im Allgemeinen denkt man in die richtige Richtung. Vor zwei Jahren wollten wir gegen eine rechte Veranstaltung eine öffentliche Probe machen, also Lärm erzeugen. Das durften wir dann nicht. Das verstehe ich nicht."

Welche Träume und Visionen seines Schauspielerlebens quasi unter den Brettern die die Welt bedeuten verschütt' gegangen sind? Man verliere im Laufe der Jahre die eigene Naivität, da könne man viel von den jungen Kollegen lernen, sagt Maas nachdenklich. "Die Jungen, die jetzt von den Schulen kommen, sind mit einem ungeheuren Selbstbewusstsein ausgestattet."

Nicht, dass da die Verbitterung des Alten durchkäme, aber manche Dinge, bittschön, die gehen einfach nicht, die gehören sich nicht. Während der Proben mit dem Kaffeepott über die Bühne schlurfen oder, ungeschriebenes Gesetz, eine Privatmütze tragen. Kleinigkeiten? Vielleicht. Aber wenn es um Disziplin und Pünktlichkeit geht, um Unterordnung im Sinne der Sache, meint es Maas richtig ernst. "Die Achtung des Schauspielers vor der Bühne, die ist bei manchen verloren gegangen."

Sittenverfall nennt er das. Einen seiner letzten großen Auftritte hatte Maas zwar im Theater, aber außerhalb eines Stückes. Bei der Benefizaktion Anfang dieses Jahres zum Erhalt des Hauses, meldete er sich zu Wort. "Spontan", wie er rückblickend sagt. Lässt seiner Empörung über das drohende Aus des Theaters freien Lauf, spricht davon, dass er von seiner Rente nach fast 40 Jahren als Schauspieler kaum leben könne. Das bleibt den Leuten haften und das wiederum hat er eigentlich gar nicht gewollt.

"Viele denken, wir verdienen ein Schweinegeld, mit diesem Irrtum wollte ich mal aufräumen. Aber im Grunde sind mir andere Sachen wichtiger." Und die diktiert er seinem Gesprächspartner dann nahezu in den Block, entgegen seiner Art. "Die Leute sollten daran denken, welches Pfund sie aus der Hand geben, wenn unser Mehrspartenhaus zugrunde geht. Wenn es zum reinen Bespaßungstempel würde. Wird das Theater platt gemacht, geht ein Stück Lebensqualität verloren. Das hat auch was mit Bürgerstolz zu tun. Ich wäre jedenfalls sehr traurig."