Die zwei toten Mädchen im Wald

Spuren der Vergangenheit führen in den Wald am Rittergut Schilbach. Ende April 1945 wurden hier ein 17-jähriges Mädchen und deren belgische Freundin erschossen und verscharrt. Die noch lebenden Geschwister des deutschen Opfers beauftragten den Verein zur Klärung von Schicksalen Vermisster und Gefallener (VKSVG), das Grab ihrer Schwester zu finden. Zeitzeugen werden nun gesucht.

 

Gießen, Ende März 1945: Die 17-jährige Else beschließt, sich der SS-Einheit ihres Verlobten anzuschließen, um vor den anrückenden Amerikanern zu flüchten. Auf diesem Weg begleitet sie, neben anderen Frauen und Kindern, auch ein belgisches Mädchen, Suzanne. Die Flucht endet in Schilbach im Vogtland. Während Angehörige der Einheit im Ort Quartier beziehen, werden die Frauen im Rittergut Schilbach untergebracht.

Mit Blick auf das unaufhaltsame Ende des Krieges hat der Führer der Einheit für den entscheidenden Moment vorgesorgt. Alle Männer sind im Besitz gefälschter Ausweise und haben sich Zivilkleidung besorgt. Doch er fürchtet, von den Frauen an die heranrückenden amerikanischen Truppen verraten zu werden. Gruppen werden zusammengestellt, die getrennt versuchen sollen, sich in Sicherheit zu bringen. Eine der Gruppen holt die Freundinnen unter einem Vorwand bei ihrer Unterkunft ab. Es ist ihr Todeskommando.

Zwei Gruben sind im Wald auf dem Weg zum Rittergut bereits ausgehoben. Else und Suzanne werden aus kurzer Entfernung mit Maschinenpistolen erschossen und verscharrt. Anfang Februar 2010: Die noch lebenden Geschwister von Else wenden sich an den Verein zur Klärung von Schicksalen Vermisster und Gefallener e.V. (VKSVG). Ihr sehnlichster Wunsch ist es, ihre ermordete Schwester zu finden und sie möglichst in das Grab einbetten zu können, auf dessen Stein schon seit Jahrzehnten ihr Name steht.

Umfangreiche Recherchen des VKSVG in Archiven sowie Gespräche mit engagierten Schilbachern bringen etwas Licht in das Schicksal der toten Mädchen von Schilbach. So kann in Erfahrung gebracht werden, dass schon 1948 eines der Mädchen gefunden und als Unbekannte auf dem Schönecker Friedhof bestattet wurde. Die Kinder der Schilbacher Schäferei Bähr waren es damals, die einem Fuchs nachspürten, der ihre Hühner gerissen hatte und dabei im Waldstück nahe der Schäferei auf die unbekannte Tote stießen. Wie dem Kirchenarchiv zu entnehmen ist, erfolgte die anonyme Bestattung des Mädchens im Januar 1948 auf dem Friedhof Schöneck.

So erhielt wenigstens eines der Mordopfer eine letzte Ruhestätte auf einem Friedhof. Allerdings bleibt diese Grabstätte womöglich unauffindbar. Mehrfach überbettet, sei es nicht mehr möglich festzustellen, wo sich das anonyme Grab der damals unbekannten Toten befunden hat. Während Kriegsgräber nicht eingeebnet werden durften, sei das mit namenlosen Grabstätten anders. Bekannt wird auch, dass gegen Ende der 50er Jahre Forstarbeiter nach dem Fund einer weiteren Toten in jenem Wald die Polizei rufen, die - nach jetzigem Kenntnisstand - diese Tote vor Ort belässt. Dieses Grab im Wald kann jedoch trotz intensiver Bemühungen bis heute nicht gefunden werden.

 

Das Schicksal der toten Mädchen von Schilbach berührt, sorgt für Spekulationen und wirft zudem viele Fragen auf. Selbst engagierten vogtländischen Forschern der Heimatgeschichte war bisher nichts über den Fall bekannt. Wertvolle Hinweise lieferten Schilbacher nach anfänglichem Zögern. Bruchstücke der Vergangenheit wurden zum Beispiel auch am Stammtisch von Eberhard Feiler wie Puzzle-Teile zusammengefügt. Dessen Tochter, Randy Lohde, knüpfte als Schilbacher Ortsvorsteherin viele Kontakte, um Frank Wegner vom Verein zur Klärung von Schicksalen Vermisster und Gefallener neue Anhaltspunkte zu liefern.

 

So konnte mit Herbert Feiler jener junge Streifenpolizist ausfindig gemacht werden, der 1959 als Ortskundiger hinzugezogen wurde, als Waldarbeiter bei Aufforstungsarbeiten auf die Leiche des zweiten Mädchens stießen. Der damalige Revierförster Hans Kaiser verständigte die Polizei, die einen Kriminalbeamten schickte. "Von dem Fund einer weiteren Leiche 1948 wussten wir nichts", denkt Herbert Feiler zurück. Vielleicht hätte man sich dann anders verhalten. So habe man beschlossen, die menschlichen Überreste dort zu belassen, wo sie sind. "Schon drei Mal war ich mit unten im Wald", erzählt Herbert Feiler. Rechts vom großen Teich, wo der Stammwald mit hohen Fichten angefangen habe, habe damals das tote Mädchen gelegen.

 

Mit Metalldetektor ausgestattet, gingen die Männer des Vereins VKSVG auf die Suche, da laut Zeugenaussagen auch Munition vergraben worden sei. Mehrere Panzerfäuste wurden tatsächlich gefunden und durch den hinzugerufenen Kampfmittelbeseitigungsdienst gesichert. Das Mädchen fand man nicht. Für die Hinterbliebenen von Else, vier Schwestern und ein Bruder, ist das Anlass für neues Leid. So nah zu sein der verlorenen Schwester und dennoch nicht mit Sicherheit zu wissen, ob ihre sterblichen Überreste für immer im Wald zurück bleiben.

Die Geschwister von Else, wie auch die Mitglieder des VKSVG, hoffen nun, dass sich unter den Lesern des Vogtland-Anzeigers Zeitzeugen befinden, die in diesem Fall weiterhelfen können. Hinweise erbeten an frank.wegner@vermisst-gefallen.net oder per Post an: VKSVGe.V., zu Händen von Frank Wegner, Eisenstuckstraße 9, 01069 Dresden.