Die unglaubliche Geschichte des Ozeanpianisten

Der österreichische Schauspieler Friedrich von Thun - bekannt aus über 100 Fernseh- und Kinoproduktionen- entführte in einer musikalisch-szenischen Lesung "Novecento- Die Legende vom Ozeanpianisten" im König Albert Theater rund 200 Zuschauer auf eine spannende und emotionale Reise.

Von Steffen Adler

Bad Elster Mit seiner tiefen, charaktervollen Stimme las er aus dem 1994 von dem italienischen Schriftsteller Alessandro Baricco verfassten Monolog. Baricco, 1958 in Turin geboren, dessen Roman "Seide" zum internationalen Bestseller wurde, gilt als einer der stilistisch versiertesten Schriftsteller und Dramaturgen Europas.
"Die unglaubliche Geschichte von dem Ozeanpianisten, der auf einem Schiff lebt und es nie verlassen hat, erzählt Alessandro Baricco mit einfachen und manchmal derben Worten. Allerdings ohne die Musik", stellt Friedrich von Thun sein begleitendes musikalisches Trio Max Neissendorfer (Klavier), Karsten Gnettner (Kontrabass) und Stephan Eppinger (Schlagzeug) vor, das mit Evergreens unter anderen von Cole Porter und George Gershwin zurück in die Zeit der gepflegten Swingmusik versetzte.
"Meine angekündigten Saxophon-Soli finden leider nicht statt, mein Arzt hat mir noch etwas Schonzeit erteilt", erklärte er außerdem, bevor er mit auserwählte Passagen aus der fesselnden Geschichte des Schriftstellers begeisterte. Sie beginnt, als Anfang des 20. Jahrhunderts auf dem Passagierschiff "Virginian" ein Findelkind entdeckt wird. Seine Eltern, vermutlich arme Auswanderer, haben es in einer Pappschachtel für Zitronen auf dem Piano des Ballsaales abgelegt. Der schwarze Maschinist Danny Boodman nimmt sich des kleinen Jungen an und nennt ihn Novecento. Das Kind, auch von den Matrosen liebenswürdig aufgenommen, erhält zusätzlich zu seinem außergewöhnlichen Namen auf Grund des Fundzeitpunktes in Anlehnung an die Beschriftung der Zitronen-Pappschachtel außerdem den Namen "T.D. Lemon".
Maschinist Boodman zieht das Kind groß. Nirgendwo war Novecento registriert, eingetragen oder gemeldet. Deshalb nahm ihn Boodman aus Angst, man könnte ihm das Kind irgendwo wegnehmen, Novecento auch nie mit an Land. Nach dem Tod des Maschinisten scheint Novecento zunächst entschwunden zu sein, bis er eines Tages, kaum dass seine Füße auf den Boden reichten, die Besatzung und die Passagiere aller Klassen mit seinem genialen Klavierspiel faszinierte.
So entwickelt er sich nach und nach zu einem Klaviertalent und begeistert auf den Rundreisen die Passagiere der "Virginian" auf sämtlichen Meeren der Erde. Doch eines tut der Virtuose nie: Er verlässt das Passagierschiff - sein Zuhause- niemals. So wird der Ozeanpianist, obwohl nur auf den Rundreisen des Passagierschiffes unterwegs, bald weltberühmt.
Mit ausdrucksvoller Stimme schildert Friedrich von Thun Passagen, wie einen Flügeltanz im Sturm und das fast makabre Klavier-Duell, zu dem der amerikanische Pianist Jelly Roll Morton als selbst ernannter "Erfinder des Jazz" Novecento herausfordert und verliert oder auch, wie der beste Freund von Novecento, der Trompeter Tim Tooney, der die meiste Zeit die Geschichte Novecentos erzählt, das Schiff in den 30er Jahren schweren Herzens verlässt und Novecento zunächst aus den Augen verliert, der sich trotz seines nun weiter gestiegenen Ruhmes immer noch weigert, das Schiff zu verlassen.
Die einzelnen Szenen, genauso wie in denen Novecento nur aus den Beobachtungen der Menschen an Bord und fantastischen Geschichten in Gedanken in ganz eigene ferne Länder reist, regen immer wieder zum Nachdenken an. Mit emotional virtuoser Begleitmusik und spannungsgeladener Stimme liest Friedrich von Thun auch das Ende der Geschichte: Novecentos bester Freund Tim Tooney erfährt, dass die "Virginian" im 2. Weltkrieg sehr stark beschädigt wurde und deshalb verschrottet werden soll. Noch einmal kehrt Tim zu Novecento zurück, der trotz des dem Untergang geweihten Schiffes an Bord bleiben möchte, weil er mit einer "unendlichen" Welt vermutlich nicht zurechtkommen würde und entscheidet, seine Sehnsüchte schrittweise zu durchleben und dann der Sprengung des Schiffes ohne Angst entgegen zu gehen.
Für die interessant dargebotene musikalische Lesung ernteten Friedrich von Thun und das musikalische Trio am Ende einen langen und kräftigen Applaus.