Die toten Mädchen im Schilbacher Wald

Schilbach - Spuren der Vergangenheit führen in den Wald am Rittergut Schilbach. Ende 1945 wurde hier die 17-jährige Else Ludwig aus Gießen und deren Freundin Suzanne Blyau aus Gent erschossen und verscharrt. Fünf noch lebende Geschwister von Else suchen noch immer nach Zeitzeugen.

 

Lautlos fällt das Laub. Beklemmend wirkt die Stille. Der Blick schweift über vertrocknete Grasbüschel, verfängt sich an abgestorbenem Wurzelwerk alter Bäume. Sind sie stumme Zeugen? War es hier, als die 17-jährige Else Ludwig und ihre gleichaltrige Freundin Suzanne Blyau aus Gent unter der Salve eines Maschinengewehrs zusammenbrachen? Zwei Gruben hatten die Mörder ausgehoben. Die Mädchen waren im Weg. Warum, weiß heute niemand mehr mit Bestimmtheit zu sagen. Spuren verlieren sich nach 65 Jahren.

 

Die Mörder aber sind bekannt und von einem belgischen Gericht verurteilt. Das erfuhren die Eltern der vermissten Else Ludwig damals aus einer belgischen Zeitung. Im März 1959 wurde dem ehemaligen SS-Mann Cyrill Vantrois in Belgien der Prozess gemacht. Nicht nur an der Exekution der beiden Mädchen war der Belgier kurz vor Kriegsende beteiligt.

Ende März 1945 war es, als Else und Suzanne ihrem Mörder begegneten und in dessen Lkw stiegen. Von Gießen aus kamen sie mit ihm nach Schilbach. Der Kompaniechef der dort lagernden SS-Einheit, Oberfeldwebel Bachot, wollte die Mädchen aus dem Weg räumen lassen. In belgischen Archiven kommen Bruchstücke der grausamen Wahrheit ans Licht. Im April 1945 begeben sich Cyrill Vantrois und zwei deutsche SS-Angehörige am Nachmittag mit den Mädchen in den Schilbacher Wald. Aus drei Metern Entfernung tötet Vantrois die Mädchen. Als eines noch lebt, gibt der SS-Angehörige Norbert Debuck den Gnadenschuss.

Den Gerichtsunterlagen liegt eine Zeichnung bei. Das Schilbacher Schloss, die Scheune, die Weide und die zweite Scheune, in der die SS-Leute Quartier bezogen hatten, sind vermerkt. Mit einem Kreuz markierte der Mörder vor Gericht jene Stelle, an der der feige Mord geschah. Im Winter 1946 muss es gewesen sein, als die Jungen der nahen Schäferei im Schilbacher Waldstück auf eine Frauenleiche stoßen. Siegfried Bähr und sein älterer Bruder Helmut bekommen vom Vater den Auftrag, die Leiche zu beseitigen und zum Friedhof zu bringen. "Reingegabelt habe wir sie in die Kiste auf unserem Schlitten und nach Schöneck gebracht zum Pfarrer", erinnert sich Siegfried heute. Den Geruch habe er Zeit seines Lebens nie wieder vergessen können. Gruselig war es auch später, an jener Stelle vorbeizukommen. "Da standen jedes Mal die Nackenhaare, wenn ich abends aus Schöneck vom Kino kam."

Seltsamerweise fehlen bis heute in sämtlichen Archiven Aufzeichnungen von diesem grausigen Leichenfund. Einzig 1948 wird in Kirchenakten der Fund einer unbekannten Leiche im Schilbacher Flur vermerkt. Siegfried Bähr, der Schäferjunge, ist sich jedoch sicher, die Frauenleiche bereits 1946 gefunden zu haben. Durch Umbettungen auf dem Schönecker Friedhof ist auch die Stelle mit dem Grab jener Unbekannten von 1948 nicht mehr auffindbar. Ungeklärt ist ebenso der Fund einer weiteren unbekannten Leiche 1959 bei Rodungen im Schilbacher Wald durch Forstarbeiter. Laut Aussage eines Zeugen habe man diese sterblichen Überreste im Wald zurück gelassen. War es eines der Mädchen? Auch darüber gibt es keine Aufzeichnungen.

Ungehört blieb 1959 zudem die Bitte belgischer Behörden, den Tatort zu untersuchen. Glaubte man damals, die Russen seien für die Morde verantwortlich, da die Mädchen mit SS-Mänteln abgedeckt waren? "Befinden sich Aufzeichnungen deswegen vielleicht in geheimen Staatsarchiven des kommunistischen Regimes", mutmaßten belgische Zeitungen.

Ganz nah waren die fünf Geschwister ihrer verlorenen Schwester schon. Doch die Spur verliert sich. So bleiben quälende Fragen ohne Antwort. Noch einmal wollen sich die Angehörigen von Gießen aus an den Ort der Trauer begeben, in der Hoffnung, dass sich Zeugnisse finden, die letzte Gewissheit bringen. Doch sorgsam breitet der Wald von Schilbach einen Mantel des Schweigens über jene Ereignisse, die hier vor 65 Jahren geschahen. Lautlos fallen die Blätter. Stumme Wächter sind die Bäume.

 

Von  Marlies Dähn