Die Sehnsucht ist türkis

Mit einer sehr schönen Matinee hat das Theater Plauen-Zwickau auf der Kleinen Bühne des Vogtlandtheaters gut fünfzig Interessierte auf die erste Premiere des Jahres 2020 eingestimmt. Regisseurin und Ballettchefin Annett Göhre führte selbst durch die Matinee zum Stück "Max Pechstein bewegt".

Von Ingo Eckardt

Plauen Die rund fünfzig Besucher hatten vorab die Chance, das Ballettstück, das am kommenden Samstag, 19 Uhr, Premiere feiert, schon ein wenig kennen zu lernen. Zunächst erläuterte die Regisseurin den Untertitel zum Max Pechstein-Stück. "Arbeiten! Rausch! Gehirn zerschmettern!" projizierte sie dabei auf eine Aussage, die auf den bedeutenden Expressionisten und "Brücke"-Künstler selbst getroffen hatte. "Max Pechstein erlernte sein Handwerk auf akademischem Parkett an der Kunstakademie Dresden, ging später nach Berlin, dem Hotspot der Zeit", so Göhre. Sie reflektierte auch seine Sehnsuchtsreise, die ihn 1914 in die Südsee führte. Doch statt zwei Jahren Dauer, holte ihn der Erste Weltkrieg ein, und verkürzte die Reise. Palau blieb sein Leben lang ein Sehnsuchtsort, der an den Kostümen der Tänzer in türkiser Farbe erkennbar sein wird.
Göhre erläuterte, dass Pechstein in seiner besten Zeit, den wilden Zwanzigern, als angesehener Künstler galt, der trotzdem Not kannte. In der Nazizeit endete sein Aufschwung abrupt: 16 seiner Werke wurden in der Ausstellung "Entartete Kunst" gezeigt, es folgten Berufsverbot und der Verlust seiner Professur an der Kunsthochschule. "Viel Zeit verbrachte Pechstein dann sehr abgeschirmt an der See", erzählt die Regisseurin, die in Zwickau einen Steinwurf entfernt von Pechsteins Geburtshaus wohnt.
Im Stück werden fünf Szenen gezeigt, auf Basis jeweils eines ausgewählten Pechstein-Bildes. Man wolle die Besucher in seine Werke hinein schauen lassen. "Dabei wollen wir eben die Bilder nicht nur nachstellen, sondern tänzerisch interpretieren. Unter den Bildern, die wir darstellen, ist auch das verschollene Bild ‚Das gelbe Tuch‘ von 1909. Darauf stellt Pechstein - so zeigt es ein einziges verbliebenes Schwarz-Weiß-Foto - natürlich gerundete Frauen in all ihrer körperlichen Fehlbarkeit dar.
In damaligen Zeiten gab es das sonst nicht - da wurden Frauen zumeist zu Gotteswesen erhoben", berichtet die Ballettfachfrau. Im Stück geht es auch um Pechstein und seine Frauen, war seine erste Frau doch noch ein sehr junges Mädchen, das auf vielen seiner Bilder zu sehen ist. Das Bild "Stürmische See" ist ebenfalls Basis einer Szene und bis heute verschollen. Das Bild war eines der Kunstwerke, das als entartet gebrandmarkt wurde. Hieran könne man erkennen, dass es den Nazis beim Kunstverbot nicht um Inhalte ging. "Es ist eine Landschaftsabbildung ohne politische Aussage. Wir werden auf Basis des Bildes, dessen Farben wir ja nicht kennen, in weißen, grundierten Kostümen tanzen, um diese Sinnlosigkeit zu dokumentieren", sagt Kostümbildnerin Leah Lichtwitz.
Das Bild "Mondscheintanz" aus der Spätphase Pechsteins, die von Sehnsucht und Erinnerung getrieben war, beendet das Stück. Jens Weber tanzt die personifizierte Sehnsucht in türkiser Hose, die an den Farbton des Meeres in der Südsee erinnern soll. "Sehnsucht kann uns ein Leben lang begleiten, den richtigen Weg weisen, stets um uns sein", wird Annett Göhre beinahe philosophisch.
Getanzt wurde zur Matinee natürlich auch: So wurde ein "Kussduett" getanzt, das zeigte, wie Leichtigkeit entsteht und wie schnell diese in Dunkelheit aufgelöst wird. Das Bühnenbild wird ebenfalls auf Grundlage eines Pechstein-Werkes aufgebaut sein. Ein überdimensionaler Spiegel soll das Publikum sich selbst, den Künstlern allseitig das Publikum und dem Publikum allseitig die Künstler zeigen. "Tänzerin im Spiegel" lautet der Bildtitel, auf dessen Basis Mireia Vila Soriano das Bühnenbild entwarf.
Leah Lichtwitz erläuterte den Versuch, Pechstein in drei Epochen basierend auf Selbstbildnissen, aber immer mit Pfeife, darzustellen. "Wir haben immer die Farben der Bilder in den Szenenkostümen aufgenommen. So wird die Sehnsucht wie erwähnt türkis sein." Dramaturgin Hannah Kneißler gab noch einige Auskünfte zur Musikauswahl, bei der man auf Pechsteins Zeitgenossen Bela Bartok ("der Soundtrack der Zeit"), Max Reger als frühen musikalischen Begleiter Pechsteins, aber auch neue Werke zurückgriff. "Pechstein warf auf seiner Südsee-Reise einen starken, europäischen, ja voyeuristischen Blick auf die Menschen auf den Palau-Inseln am anderen Ende der Welt", berichtete die junge Frau. So habe man auch traditionelle exotische Südsee-Musik eingebaut. Auch aktuelle Musik aus der Feder von Brian Ferry wurde verarbeitet, die so arrangiert und eingespielt wurde, dass sie auch aus der Damals-Zeit stammen könnte, ebenso wie Max Raabe-Anklänge. Mit einem wunderbaren Mondschein-Tanz zum Titel "Love is a drug" endete die Matinee, die ohne Zweifel Lust auf einen Ballettbesuch am kommenden Samstag machte.