Die schlichte Gitarre

Immer um diese Zeit des Jahres steht für die Absolventen des Studiengangs Musikinstrumentenbau der Westsächsischen Hochschule Zwickau in Markneukirchen das Ende der Studienzeit an: Sie verteidigen ihre Abschlussarbeiten im Streich- und Zupfinstrumentenbau

Von Helmut Schlangstedt

Markneukirchen -  Einer von diesmal neun Studenten ist Igor Huss aus Schleswig Holstein, dessen Eltern Anfang der 90er Jahre aus dem polnischen Leobschütz (Głubczyce) dorthin übersiedelten. Damals war er fünf Jahre alt. Mit 13 begann dann seine Beziehung zur Musik, als er sich selbst das Gitarrespiel beibrachte und auch in einer Band mitspielte. 
Schon in der Schule hatte er den Wunsch, Instrumentenmacher zu werden, wobei ihm damals die berufliche Perspektive jedoch etwas zu unsicher erschien. So erlernte er gewissermaßen zur Absicherung erst einmal den Tischlerberuf mit Gesellenabschluss. Aber auch, um Verständnis für den Werkstoff Holz zu bekommen. Das gelang ihm offensichtlich sehr gut, denn als Hobby baute er schon seinerzeit für Freunde einige Gitarren.
Über das Internet fand er die Berufsschulen in Klingenthal und Mittenwald sowie den Studiengang in Markneukirchen. Und da er nicht noch einen Gesellenbrief wollte, bewarb er sich gleich in Markneukirchen zum Studium und wurde nach einer Aufnahmeprüfung als Quereinsteiger auch angenommen. Hier hatte er die Möglichkeit für einen Bachelorabschluss mit optionaler Meisterprüfung. Das war 2012.
Seit dieser Zeit absolvierte er sein Studium etappenweise, wobei er zwischendurch zu dessen Finanzierung immer wieder mal jobbte. Mit seiner mündlichen Verteidigung am Donnerstag hat er nun das erste Ziel Bachelor erreicht. Als Thema seiner theoretischen Prüfung hatte er sich die Auswertung von Patentschriften zum Einsatz von Stahlsaiten im Gitarrenbau aus der Zeit von 1902 - 1932 ausgesucht. Danach ging die Zahl dieser Patente sehr zurück, die sich insbesondere mit der Stabilität des Instruments und der Justierbarkeit des Gitarrenhalses im Zusammenhang mit der Verwendung der wesentlich festeren Stahlsaiten beschäftigen. Und so ist seine praktische Prüfungsarbeit natürlich ebenfalls eine Stahlsaitengitarre, bei der er aber auf eine klassische Konstruktion ohne Nutzung von ihm ausgewerteter Patente setzte. Zum Glück, denn im Ergebnis zeigte sich, dass sie alle überholt sind oder überhaupt nicht funktionieren.
Selbstredend hat sein Instrument ebenfalls einige Besonderheiten. So hätte er es bewusst schlicht gestaltet und dabei weniger verschiedene Holzarten als üblich verwendet, berichtet Igor mit leicht norddeutschem Akzent. Kämen sonst meist sechs bis sieben Hölzer zum Einsatz, sind es bei ihm nur vier: 
Fichte, Nussbaum, Zeder und Ebenholz. Sein Ziel dabei, dass die Hölzer hierdurch mehr zur Geltung kommen. Außerdem berücksichtigt seine Gitarre die spezielle Spieltechnik des "Finger picking" und erlaubt alternative, etwa tiefere, Stimmungen. "Schlicht" als Bezeichnung für sein Instrument ist also sehr relativ, vor allem, weil man sich bei dessen Anblick eher zu einem "Wow" hinreißen lässt.
Zur Komplettierung seines Studium möchte er die zwei noch nötigen Prüfungen für den Meisterbrief absolvieren und zunächst in einer Gitarrenbauwerkstatt mitarbeiten. Sein Fernziel ist eine eigene Werkstatt, doch deren Einrichtung mit Maschinen nebst Anschaffung der Hölzer kostet einen mittleren fünfstelligen Betrag, den er sich Stück für Stück erarbeiten möchte.
Nach der gerade erfolgten Verteidigung nimmt er nun aber erst mal wie die anderen Absolventen des Tages einen Schluck aus der Pulle, die im Bierkasten in der Küche auf ihn wartet. Es sei allen gegönnt…