"Die Lage ist besorgniserregend"

Kostenlose Tests und der Wiederbetrieb von Impfzentren: Das fordern Sachsens Landräte von der Landesregierung. Vogtland-Landrat Rolf Keil ruft nach Hilfe für die DRK-Impfteams und sein Gesundheitsamt: Mit der Kontaktnachverfolgung kommt man da kaum mehr nach. Eine Momentaufnahme der Corona-Lage.

Von Cornelia Henze

Die Zahlen: "Besorgniserregend" kommentiert Kreisamtsarzt Andreas Lonitz die Lage und spricht vom rasanteren Anstieg der Infektionen als noch im Jahr 2020. Im November vorigen Jahres lag die Sieben-Tages-Inzidenz bei 150 (pro 100.000 Einwohner), in diesem November schon bei 400. Wenn sich die Infiziertenfälle weiter so potenzierten, werde man den Wert 750 von Weihnachten 2020 weit überholen, sagt Keil besorgt. Sorge macht man sich in diesem Herbst vor allem um Kinder, Jugendliche und Erwachsene bis 60 Jahren. Lonitz: "Ältere Menschen verhalten sich vorsichtiger, haben mehr Respekt davor sich zu infizieren. Die Bereitschaft der Menschen generell, sich zu schützen, Abstand zu halten, die Maske richtig zu tragen, nimmt ab." Interesse für Erstimpfungen gibt es kaum.


Zu viele Impfdurchbrüche: Der Anteil positiv getesteter Personen mit Impfschutz ist von vor kurzem noch 10 auf jetzt 30 Prozent gestiegen. Drei von vier Regelkrankenhäusern im Vogtland (Helios meldete ans Amt keine Zahlen) geben an, dass zurzeit zwei Drittel der Patienten auf den Covid-Stationen vollen Impfschutz besitzen. Der Anteil der Impfdurchbrüche sei einerseits deshalb so hoch, weil mit rund 70 Prozent der Großteil der Bevölkerung geimpft ist - der kleinere Teil ungeimpft. Dennoch erhebt Lonitz die These: "30 Prozent der Nichtgeimpften machen 70 Prozent aller Infizierten aus." Andererseits sei es so gut wie sicher, dass der Impfschutz nach sechs Monaten abnimmt oder gar nicht mehr vorhält. Da im Vogtland beizeiten die Impfpriorisierung gefallen ist, liegt bei vielen die zweite Impfung ein halbes Jahr zurück. Somit wäre die Boosterung jetzt fällig. Groß Werbung für die Auffrischung zu machen, traut sich Lonitz nicht, denn derzeit mangelt es an Impfstoff.


Schrei nach Booster-Vakzin: Geboostert werden wollen aktuell viele im Vogtland, vor allem Ältere, sagt Jörg Stingl, DRK-Geschäftsführer Oberes Vogtland. Zu wenig Termine und Personal bei den mobilen Teams des DRK sorgen für lange Warteschlangen und Verdruss bei Booster-Willigen. Der Booster-Freigabe in Sachsen für Menschen ab 18 begegnet der Landrat mit Unverständnis, die Impfteams mit Überlastung. Schon jetzt kommen die Hausärzte mit den Auffrischungsimpfungen für die Altenheimbewohner nicht hinterher. Von den 3476 Bewohnern der 50 Altenheime seien gerade mal 96 geboostert. Damit es etwas zügiger geht, entsandte der Kreis aus seinem Gesundheitsamt Ärzte in die Heime. Dennoch ein Tropfen auf dem heißen Stein. Würden sich von den 100.000 Vogtländern, die bis Ende September eine Zweitimpfung erhielten, nur 70.000 demnächst boostern lassen wollen, wäre das mit jetziger Kapazität von zwei mobilen Impfteams nicht zu schaffen, so Stingl. Deshalb will das DRK Impforte und -personal aufrüsten. Um lange Wartezeiten zu vermeiden, will man teils mit Terminvergaben arbeiten. Eine Telefonhotline will das DRK dafür freischalten.


Kostenlose Tests?: Sind bundesweit gefordert, aber noch nicht freigegeben. Gefordert werden sie auch von Landrat Rolf Keil. "Aber der Landkreis wird selbst keine kostenlosen zur Verfügung stellen. Das wäre nicht finanzierbar."


Es gilt 2 G: 2 G in Gastronomie, Museen, im Stadion: Das gilt sachsenweit. Damit sich Veranstalter an die Auflagen halten, wird es Kontrollen im Vogtland geben: Ein Team ging bereits am Dienstag in die Spur, zwei weitere ab heute. Gerade noch so gelinge dem Gesundheitsamt die Kontaktnachverfolgung von Infizierten. Steigen die Zahlen weiter so rasant, wird man dies ohne personelle Verstärkung im Amt nicht stemmen können. Geplant ist, wieder Personal aufzustocken. Nachverfolgt werden künftig nur Kontaktpersonen aus dem Familien- und Kollegenkreis, nicht aus der Freizeit.