Die Kunst des Handwerks

Alljährlich im April finden die Europäischen Tage des Kunsthandwerks statt, an denen Ateliers und Werkstätten ihre Türen für Einblicke öffnen. Doch in diesem Jahr bleiben die Pforten wegen Corona geschlossen, und so bleiben Interessenten nur virtuelle Einblicke über das Internet.

Von Helmut Schlangstedt

Markneukirchen -  Verschlossen bleibt die Haustür auch bei der Markneukirchner Firma Werner Chr. Schmidt, bei der nun schon in siebter Generation das Geschäft seit seiner Gründung im Jahre 1842 immer nahtlos vom Vater auf den Sohn überging.
Die Spezialität der Firma ist die Herstellung von Mundstücken für Metallblasinstrumente, wie Trompete, Waldhorn oder Tuba, aber auch Mundstücke für historische Instrumente gehören hierzu, wie Natur- und Barocktrompeten, die noch keine Ventile besitzen. Diese Mundstücke werden etwa für Liebhaber oder Sammler gefertigt und sollen auch alten Kompositionen ihren ursprünglichen Klang verleihen. Neben Mundstücken werden außerdem Instrumente neu gebaut, wie Trompeten, Flügelhörner, Waldhörner und Posaunen, und selbstredend werden alle Metallblasinstrumente repariert.
Gegenwärtig wird die Firma gemeinsam von Max Hertlein, der 2017 seine Meisterprüfung ablegte, und seinem Großvater Bernhard Schmidt geführt. Deren Besonderheit ist nicht nur das rund 180jährige Bestehen, sie hat auch Geschichte geschrieben. Denn die Gründung der Firma fällt in eine Zeit, in der es viele Neuerungen bei Blasinstrumenten gab. So gab es ab etwa 1810 erste Blechblasinstrumente mit Ventilen, und 1840 erfand Adolphe Sax das Saxophon, ein Holzblasinstrument. Und so gab es um 1860 durchaus eine Konkurrenz zwischen Metallblasinstrumenten und dem Saxophon, wobei nun die noch heute existierende und ebenfalls 1842 gegründete Firma Cervený in Königgrätz (heute Hradec Králové) ins Spiel kommt. Sie stellte nicht nur Metallblasinstrumente her sondern belieferte auch sämtliche Blaskapellen der damaligen k. u. k. Monarchie Österreich-Ungarn. Firmengründer Václav František Cervený wollte sich natürlich nicht die Butter vom Brot nehmen lassen und bat daher die Firma Schmidt um 1860 um die Entwicklung von Mundstücken, die an die moderneren Ventilinstrumente angepasst waren und auch einen besseren Klang erzeugen sollten. Natürlich wurde die Aufgabe zur vollen Zufriedenheit der Firma Cervený gelöst, und viele andere Mundstückhersteller übernahmen in der Folge die neuen Konstruktionsprinzipien aus der Schmidt'schen Werkstatt. "Man sieht es dem Mundstück wirklich nicht an, aber bereits kleinste Änderungen besitzen eine große Wirkung", schmunzelt Bernhard Schmidt, der dabei noch andere Neuerungen erläutert, wie spezielle Bohrungen im Inneren. Auf eine Patentierung habe man jedoch bewusst verzichtet: Viel Aufwand und wenig Nutzen, denn nachmachen würden es andere trotz Patent. Aber wie so oft kommt Kunst auch hier von Können, und so ergänzt Max Hertlein nicht ganz ohne Stolz, dass viele versuchten und versuchen, bestimmte Details ihrer Konstruktionen zu kopieren, allerdings erfolglos. Vieles davon ist in langen Jahren bis heute und in der Zusammenarbeit mit Professoren aus dem In- und Ausland und Musikern großer Klangkörpern entstanden, in der DDR etwa mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden oder der Staatsoper Berlin. Die neueste Eigenentwicklung stammt aus dem vergangenen Jahr.
Diese Einzigartigkeit der Mundstücke ist es dann sicherlich wohl, die den international hervorragenden Ruf der Firma Schmidt ausmacht. Rund 60 Prozent des Umsatzes, komplette Instrumente eingerechnet, werden im Export erwirtschaftet, etwa mit Ländern wie Japan, Südkorea, Australien oder die USA. Diese Exportorientierung war seinerzeit für Max Hertlein ein ausschlaggebender Grund für das Ablegen der Meisterprüfung, da die deutsche Meisterqualifikation im Ausland ein überragendes Qualitätssiegel sei.
Und Max Hertlein versteht sein Handwerk, das er durchaus in die Rubrik Kunst einordnet. Aus einem gegossenen Mundstückrohling aus Messing, der aussieht, wie gerade bei einer archäologischen Ausgrabung entdeckt, entsteht in reiner Handarbeit durch Drehen, Bohren, Schleifen und Polieren in 30 bis 50 groben Arbeitsschritten ein Präzisionsteil, das es im wahrsten Sinne des Wortes in sich hat.
Nur das Versilbern findet in einem anderen Betrieb im Ort statt. Reine Handarbeit ist auch bei den Instrumenten angesagt, für die nur Ventile, Ventilbögen und Schallstücke von spezialisierten Betrieben zugekauft werden und das Versilbern und Lackieren in Fremdbetrieben erfolgen.
Seit Oktober haben Senior und Junior mit dem 19jährigen Pascal Klinkert aus der Nähe von Chemnitz außerdem einen Azubi, den sie nach Abschluss der Lehre übernehmen möchten. Und ihre neueste Entwicklung aus dem letzten Jahr ist ein Flügelhorn mit einer neuen Oberflächengestaltung und einer Perinet-Maschine, einer speziellen Ventilmechanik, in dieser form für die Firma Schmidt entwickelt. Bleibt nur zu ergänzen, dass dank der drei Standbeine Mundstücke, Instrumente und Reparatur Corona hier bisher kein Thema war. Da sage noch jemand, Handwerk hätte keinen goldenen Boden!