Die Konterbande im Kopf

Es sind geradezu Kostbarkeiten, die einem in einer bücherspendenden Telefonzelle vor Augen liegen können und nur noch mitgenommen werden müssen. Auch wenn das manchmal schwerfällt, wenn es ein Wälzer immerhin auf fast 700 Seiten bringt.

Von Lutz Behrens

Plauen Man nennt es Koinzidenz, das Zusammenfallen zweier Ereignisse. Das sollte nicht als kausaler Zusammenhang missverstanden werden. Es überraschte trotzdem. So beantwortete in Der Zeit Felix Klein, Antisemitismusbeauftragter der Bundesregierung, die Aufforderung: Nennen Sie ein politisches Buch, das man gelesen haben muss, mit: Fritz Stern: "Fünf Deutschland und ein Leben". Genau diese Rarität wartete in einer Telefonzelle auf den, der sie zu schätzen weiß.
Fritz Stern, 1926 geboren in einer deutsch-jüdischen Arztfamilie in Breslau, verknüpft seine persönlichen Erinnerungen mit klugen Gedanken über fünf deutsche Staaten: Weimarer Republik, Drittes Reich, Bundesrepublik, DDR und das wiedervereinigte Deutschland.
Seine Familie floh 1938 wegen ihrer jüdischen Abstammung vor dem Nazi-Terror aus Deutschland und wanderte in die USA aus. Er studierte an der Columbia University New York, arbeitete als Geschichtsprofessor. 2016 ist er gestorben.
Das umfangreiche Kapitel seines Buches über die DDR trägt den Titel: Das vierte, vergessene Deutschland. Sein Urteil ist unmissverständlich: "Die DDR (er schreibt es aus), oft und mit Recht die zweite Diktatur genannt." Als Beweis benennt er das Preisen von Macht und Errungenschaften, die Beschwörung von hehren Idealen und die Kampagnen gegen einen dämonisierten Feind. Auch habe er eine "allgegenwärtige Atmosphäre der Furcht" gespürt. Aber er sieht auch Unterschiede zur Nazi-Diktatur. Terror wurde im Inneren ausgeübt, keine weltweite Zerstörung angerichtet. Viele Ostdeutsche hätten "ihren äußeren und inneren Frieden mit dem Regime gemacht". Auch mussten sie einen "höheren und drückenderen Preis für Hitlers Krieg zahlen" als die Westdeutschen. Zumal die Ostdeutschen "nicht um dieses Regime gebeten hätten - es war ihnen aufgezwungen worden". Er postuliert für die Herrschenden der frühen Fünfziger in der DDR: "Die Opfer der braunen Diktatur taten sich hervor als Täter einer roten Diktatur." Aus der amerikanischen Distanz konstatierte er: "Die beiden Deutschland führten mit einer Fülle verbaler Schmähungen und verschiedenen Formen der Spionage ihren eigenen kleinen Kalten Krieg."
Kleinodien sind die Reminiszenzen an Peter Hacks (mit dem Stern spricht, bevor dieser 1955 aus München in die DDR übersiedelte) und Jürgen Kuczynski. Ihn lernte Stern 1961 kennen. Er charakterisierte ihn als "talentierten Opportunisten", einen "fast onkelhaft wirkenden Schlaukopf", der "während seines ganzen Lebens ein Bonvivant" gewesen sei. In Plauen sprach Kuczynski im Spätsommer 1989 im Kulturbund.
Später arbeitete Stern im ausgelagerten Preußischen Staatsarchiv in Merseburg und erwähnt (in einer Fußnote) einen "asthmatischen Apparatschik, den das Regime nach Merseburg verbannte, um ihn leiden zu lassen". Damit spielte er auf den schwer lungenkranken Rudolf Herrnstadt an, einst im Politbüro und ZK und Chefredakteur des ND. Mehr zum Leben Herrnstadts findet sich bei seiner Tochter Irina Liebmann in ihrem Buch "Wäre es schön? Es wäre schön!".
Stern sieht die sozialen Dienstleitungen der DDR: medizinische Versorgung, Vollbeschäftigung, Bildungschancen, billige Theater- und Konzertkarten. Über Mängel sei des Öfteren geklagt worden, doch kaum jemand habe Sehnsucht nach Freiheit geäußert.
Am Ende des Kapitels erinnert sich Stern an die demütigenden Grenzübergänge von West- nach Ostberlin. Als einmal ein DDR-Grenzer besonders laut nach "irgendwelchen Waffen oder Zeitungen" fragte, kommt Stern Heinrich Heines "Deutschland, ein Wintermärchen" in den Sinn. Schon damals versuchten die Preußen Konterbande aufzuspüren, und schon Heine wusste, dass sie sie nicht finden würden, da er sie im Kopf hatte.