Die Gedanken sind frei...

"Nach jeder Katastrophe sind Gras und Blumen gewachsen." Ein Satz von Hermann Hesse, der versöhnlich stimmt. Doch was macht eine Katastrophe mit uns Menschen? Eine Selbstreflexion in einer außergewöhnlichen Zeit.

Von Marlies Dähn

Plauen In der kühlen Stille der Johanniskirche finde ich Ruhe. Das offene Kirchenportal war einladende Aufforderung, einzutreten. Es hat etwas Tröstliches, die Botschaften und Symbole aufzunehmen. Ich bin kein gläubiger, wohl aber ein emotionaler Mensch. Was um mich geschieht, nehme ich mit wachen Sinnen auf - es rührt an meiner Seele und manchmal erschüttert es mich.
Erst im Januar habe ich meinen Papa verloren. Er konnte zu Hause sterben. Als Familie hatten wir das Glück, bis zum letzten Atemzug bei ihm zu sein. Wir waren ihm und einander nah in diesen schmerzvollen Momenten des Abschiednehmens. Das hat uns Trost gespendet und Kraft gegeben, Unbegreifliches immer wieder abzurufen und Unabänderliches zu akzeptieren. Dennoch hat mich diese Begegnung mit der Endlichkeit des Lebens nachhaltig verändert.
Dann kam diese Krise und alles ist anders. Schleichend nahm sie uns immer mehr Rechte, legte sich über den Erdball wie eine bedrohliche Stille. Seither werde ich diese Bilder nicht mehr los. Die Bilder der Särge aus dem Urlaubsland Italien, Bilder von Menschen, die einsam sterben in Pflegeheimen und Krankenhäusern, Bilder von Menschen in Vollschutz, hinter Masken. Bilder von leeren Spielplätzen, Bilder von Mitmenschen, die einander argwöhnisch beäugen und Bilder von ganz normalen Bürgern in verschiedenen Städten, die von Polizisten weggetragen werden, weil sie ein Grundgesetz hoch halten oder meditierend, auf öffentlichen Plätzen sitzend, ihr altes Leben zurück fordern.
Es berührt mich, wenn ein junger Polizist einer älteren Dame gegenüber steht, die seine Omi sein könnte, die er wegbringen soll, weil sie Abstände nicht eingehalten hat, die Politiker über ein modifiziertes Infektionsschutzgesetz in aller Eile in Kraft gesetzt haben.
Alles in mir weigert sich, das als neue Normalität zu akzeptieren, "Vorübergehen dauerhaft?", wie die Bundeskanzlerin uns sagt.
Wieso jetzt diese krass einschneidenden Maßnahmen, die Abertausende Unternehmen in den Ruin treiben werden, wo doch die Grippewelle 2017 in Deutschland nahezu 25.000 Tote forderte und wir keinerlei Schutzmaßnahmen getroffen haben? War all das tatsächlich alternativlos? Ich bin ein Kind der DDR. Noch immer ist es für mich unglaublich, dass schon 30 Jahre ins Land gegangen sind, seit wir die neu gewonnenen Freiheiten leben, seit ich munteren Fußes hinauf spazieren konnte zum "Hohen Stein" im tschechischen Nachbarland.
Gerade bin ich Omi geworden. Mein Schwiegersohn durfte bei der Geburt seines Sohnes nicht dabei sein. Jetzt sind Grenzen dicht. Angst beschleicht mich, schnürt mir das Herz. Ich hole die Platten heraus der alten Revolutionäre. Höre Hannes Wader, Rio Reiser und Konstantin Wecker und Tränen laufen über meine Wangen. Ich möchte, dass das aufhört.
Wie konnte ein Virus so mächtig sein, eine ganze Weltwirtschaft lahm zu legen? Welche Hebel muss man dafür in Bewegung setzen? Eine vielleicht kindliche Frage, die mich jedoch auch nach langen Wanderungen nicht loslassen will. Ich habe Angst um den Frieden in der Welt. Antworten zu finden, ist nicht schwierig. Es ist ein Katastrophenschutzplan, der weltweit nahezu gleichgeschaltet abläuft in jenen Ländern, die Mitglied sind in der Weltgesundheitsorganisation, der WHO. Wird eine Pandemie ausgerufen, treffen die Länder Vorsichtsmaßnahmen, setzten weitreichende Notverordnungen in Kraft in enger Zusammenarbeit mit ihren jeweiligen Instituten. In Deutschland ist es das Robert Koch Institut (RKI). Ein Szenario, das genauso ablief 2008 bei der Schweinegrippe. Ein Film des Fernsehsenders arte mit dem Titel "Profiteure der Angst" von 2009 hat die Zusammenhänge der damaligen Pandemie kritisch aufgearbeitet. Wieso hatte ich das vergessen? Bin ich jetzt ein Verschwörungstheoretiker, wenn mich diese Reportage überzeugt?
Doch wir leben im Jahr 2020, beschwichtige ich mich. Ruhe bewahren, besonnen handeln, Experten befragen, die Lage klären, Entscheidungen treffen oder womöglich korrigieren und vor allem Panik vermeiden, um mit geeigneten Maßnahmen die Pandemie wirkungsvoll einzudämmen. . .?
Doch Bilder und Erlasse sprechen eine andere Sprache. Unbegreiflich und verantwortungslos ist für mich, Ängste zu schüren bei Kindern, sie könnten mit einem Besuch ihre Großeltern umbringen. Auch eine Krise gibt uns nicht das Recht, so zu argumentieren. Als Bill Gates im ARD-Fernsehen die unglaublichen Worte ausspricht: "Wir werden alle sieben Milliarden Menschen auf der Welt impfen", ist für mich eine rote Linie überschritten.
Wenn nicht für mich, so doch für meinen eben geborenen Enkel und all die noch ungeborenen Menschenkinder fordere auch ich eine kritische Aufarbeitung aller in dieser Krise getroffenen Maßnahmen. Ich bin gegen Impfzwang und ich will meine vor 30 Jahren erworbenen Grundrechte zurück.
In der kühlen Stille der Plauener Johanniskirche finde ich Ruhe. Ich weiß, die Gedanken sind frei. Vor dem Kirchentor holt der Frühlingswind Blütenblätter ab zum Tanz.