Die Geburt einer Zeitung

In Plauen geboren - im Vogtland zu Hause. Peter Grabow ist der Vater des Vogtland-Anzeigers: Er wollte das Kind - aber es hat sich anders entwickelt, als er wünschte. Jetzt feiert das Kind 30. Geburtstag.

Plauen - Am schwierigsten war es, Leute zu finden, sagt Peter Grabow, damals 45. "Die es wollten, konnten es nicht. Die es konnten, wollten es nicht - zumindest nicht gleich."
Finanzen und Technik, Personal, Druck, Vertrieb und Wirtschaftlichkeit - alles war zu klären. Grabow saß an einem Schreibtisch im Haus der SED-Kreisleitung (heute IHK) an der Plauener Friedensstraße: "Was nun?"
Die Idee einer freien Zeitung geisterte lange durch die Köpfe der DDR. Dann kam die Friedliche Revolution im Herbst 1989: Demonstrationen wie am 7. Oktober in Plauen, Gründung von Neuem Forum, Mauerfall am 9. November - plötzlich schien alles möglich. "Bei einem Treffen des Runden Tisches in Plauen habe ich die Gründung einer Zeitung vorgeschlagen: Weil die neue Zeit eine neue Zeitung braucht", berichtet Grabow, damals als Druckfachmann dabei.
Er hatte sich nach eigenen Worten lange Gedanken gemacht - und wünschte sich: "Größere Schrift, übersichtliche Gestaltung, Vielfalt der Themen und vor allem ein großes Spektrum an Meinungen - von links über liberal bis konservativ. Alles sollte sich wiederfinden, was die Bevölkerung interessiert."
Bürgerrechtler Peter Luban saß mit am Runden Tisch. "Dort herrschte die Meinung: Wir brauchen eine neue Zeitung, um das Meinungsmonopol der SED zu brechen."
Grabow zufolge gewährte das Plauener Rathaus Unterstützung für das Zeitungsprojekt. So habe man Grabow drei Monate "illegal" als Leiter des Aufbaustabes der neuen Zeitung angestellt, damit er sozial abgesichert sei - vom 1. Dezember 1989 bis 28. Februar 1990.
"Als Erstes musste Geld her", sagt Grabow und schildert, wie er (mit Telefonaten, die ein Pförtner vermittelt) die Räte der fünf vogtländischen Kreise anspricht und die örtliche Wirtschaft gewinnt, sich zu engagieren: Großbetriebe wie Dako, Plauener Spitze und Stahlbau, Genossenschaften, Handwerker. "Am Ende gab es 42 Betriebe und 30 Einzelpersonen, vor allem aus Plauen und dem Kreis Oelsnitz, die sich an der Gründung einer GmbH beteiligten - mit Einlagen von 1000 Mark bis 300.000 Mark. Insgesamt betrug das Stammkapital der Verlag Neuer Vogtländischer Anzeiger GmbH (VNVA) mehr als 2,3 Millionen Mark."
Um Personal zu suchen, erscheint in der Freien Presse eine Anzeige. Persönliche Bekanntschaften helfen, Leute zu finden. Grabow fallen Namen ein, die zur ersten Crew gehören - darunter Journalisten, Lehrer und ein Ökonom: "Auch der Vertrieb musste aufgebaut werden, denn die Deutsche Post der DDR orientierte sich neu."
Und wo wird gedruckt? Zwickau und Karl-Marx-Stadt sagen ab - bleibt Hof. "Nicht mein Wunschkandidat", erinnert sich Grabow. Die Frankenpost in Plauens oberfränkischer Nachbarstadt hatte nur 24 Stunden nach dem Mauerfall ein Blatt in zehntausendfacher Auflage unter dem Namen Vogtlandpost unter den DDR-Bürgern verteilt, die in den Westen strömten, und später unter diesem Namen weitere Zeitungen vertrieben.
Mit der Frankenpost wird eine gemeinsame GmbH gegründet - die Vogtländisches Verlagshaus GmbH - 50 Prozent Ost, 50 Prozent West. "Die Hofer hatten vorgeschlagen, alles durch die Frankenpost erledigen zu lassen. "Aber das wollten wir natürlich nicht", sagt Grabow.
So erscheint am 17. März 1990 die erste Ausgabe des Vogtland-Anzeigers mit dem Untertitel Vogtlandpost. "Ein glücklicher Tag", sagt Grabow, "aber die Euphorie hat schnell nachgelassen: Mir hat einiges an der Zeitung nicht gefallen: Sie war reißerisch wie die Bild-Zeitung, die Bilder zu groß, negative Meldungen zu sehr herausgehoben. Aber der Redaktion konnte ich nicht reinreden, sie wurde von einem Kollegen der Frankenpost geleitet und war unabhängig. Grundproblem: Die Chemie zu den Frankenpost-Leuten hat nicht gestimmt", sagte er.
Das Ende der vogtländischen Mitbestimmung war Grabow zufolge erreicht, als der VNVA GmbH Insolvenz anmelden musste, weil die Einlagesumme unter 50 Prozent des Stammkapitals gesunken war: "Gesellschafter hatten Geld abgezogen, weil sie sich selbständig machen wollten oder durch die Treuhand abgewickelt wurden."
Der 75-jährige Grabow liest nach eigenem Bekunden heute keine Tageszeitungen mehr. Nur aus der Ferne habe er verfolgt, dass der Vogtland-Anzeiger 2005 von Wilfried Hub gekauft wurde und heute zu dem Zeitungskonzern gehört, der auch die Freie Presse herausgibt. ufa