Die Frau der Neuberin

Marion Schulz hat ihr Berufsleben Friederike Caroline Neuber gewidmet, einer Vogtländerin, die das deutsche Theater revolutioniert hat. Nach 34 Jahren geht Frau Schulz in Rente - heute gibt sie ihren Ausstand.

Reichenbach - Marion Schulz hat sich auf vielen Feldern einen Namen gemacht, Veröffentlichungen zur Neuberin, zu bildenden Künstlern und zur Stadtgeschichte. Auch mit dem Literaturzirkel des Seniorenkollegs ist eine enge Zusammenarbeit entstanden - in Form literarischer Veranstaltungen im Museum. Verdienstvoll sind viele ihrer Ausstellungen, besonders die weihnachtlichen. Seit dieser Wahlperiode ist sie zudem Chefin der Neuberin-Gesellschaft.
Die 1697 in Reichenbach geborene Friederike Caroline Neuber war Schauspielerin, Dichterin, Prinzipalin. "Seit 1968 hat man sich intensiv mit der Neuberin beschäftigt und in ihrem Reichenbacher Geburtshaus eine Gedenkstätte eingerichtet", berichtet Marion Schulz, die 1985 die Leitung der Gedenkstätte übernommen hatte. 
Doch da war schon alles anders: 1977 hatte es ein Unglück gegeben: Auf dem Bahnhof war ein Kesselwagen verunglückt und das Benzin verteilte sich durch die Kanalisation in der ganzen Stadt: Bei der Explosion entstanden viele Schäden, Gullydeckel flogen durch die Luft, das Geburtshaus der Neuberin wurde verwüstet."
Die Gedenkstätte musste in ein Wohnhaus verlagert werden, viele Museumsstücke verschwanden im Fundus. "Ich war auch als Hausmeister tätig, musste Kohlen schleppen, heizen, wischen - ehe die Schulklassen kamen", sagt Frau Schulz.
Die Kinderbetreuung war kein Problem für die gelernte Deutsch- und Geschichtslehrerin, die aus dem nahen Limbach stammt. Aber die Umstände hätten nicht viel Möglichkeiten geboten, wissenschaftlich zu arbeiten. "Das Museum soll sammeln und bewahren, ausstellen und veröffentlichen."
Für diese Aufgaben gibt es nach Schulz' Bekunden seit 1994 beste Bedingungen: Das Neuberin-Geburtshaus, das ehemalige Patrimonial-Gericht und ältester Profanbau Reichenbachs, war nach der Wende mit Millionenaufwand saniert worden. Seither kann man im Neuberinmuseum heiraten und beim doppelten Kloßvogt-Gewinner im "Museumskeller" essen, es gibt eine Fachbibliothek und Schauräume für die Stadt- und Theatergeschichte. Viel Platz nimmt das Leben der Neuberin ein, die laut Schulz als eine der besten Schauspielerinnen ihrer Zeit galt und auch Stücke geschrieben hat.
Frau Schulz hat sich intensiv mit der Neuberin beschäftigt: Sie hat Tagungen organisiert und wissenschaftliche Kontakte gepflegt, alle Schriften der Neuberin zusammengetragen und Bücher geschrieben. Mit ihrer Hilfe wurde das Geburtsdatum der Neuberin korrigiert vom 9. auf den 8. März 1697 und bekannt, dass die Neuberin noch eine (früh verstorbene) Schwester hatte.
Frau Schulz erinnert sich gern an Theatermeister Otto Scholz, dem das Museum tolle Theatermodelle verdankt, und an Heimathistoriker Werner Nitzschke, mit dem (in achtjähriger Arbeit) ein historisches, außergewöhnliches Stadtmodell möglich wurde. Genauso gern berichtet die 61-Jährige von der Zusammenarbeit mit dem Musikwissenschaftler Dr. Albin Buchholz: "Ich helfe gerade, sein aktuelles Buch ,Vogtländische Geiger und Geigenmusiken' herauszubringen. Es wird mein 46. Buch - als Autorin oder (Mit)Herausgeberin." 
Demnächst werde zudem ihr Faltblatt präsentiert zu einem historischen Stadtrundgang, der Kinder-Bastelbogen zum Leben der Neuberin (in Zusammenarbeit mit dem Zeichner Jörg Halsema) ist vor nicht langer Zeit erschienen genau wie ein Flyer, in dem Reichenbach (wegen der Neuberin) Teil einer "Straße der Deutschen Sprache" ist.
Am 1. Juni tritt Frau Schulz in die anderthalbjährige Ruhephase vor ihrer vorgezogenen Rente - und dann? "Will ich mich mehr um meinen Enkel kümmern. Und ich bin kunstinteressiert und will mich auch selbst künstlerisch betätigen: Als Steinbildhauerin." Eine Probe ihres Könnens steht vor dem Neuberinmuseum: Eine gemeinsam mit dem Nordhorner Künstler Jo Klose entstandene Skulptur, die das Profil der Neuberin zeigt.
Woher weiß man, wie die Neuberin aussah? Frau Schulz zufolge war das lange unbekannt - bis man im Schloss Blankenburg eine historische Leinwand-Tapete fand - mit dem Bildnis der Neuberin. 
Später hat Frau Schulz nach eigenen Angaben ebenfalls ein Bild der Neuberin gefunden. "Ich war mit meinem Mann in Baden-Württemberg, in Volkach, einer Weingegend. Dort sind wir in einem Hotel abgestiegen, einem alten Amtshaus, an das eine Wendeltreppe angebaut war. Dort hingen viele Gemälde kunterbunt durcheinander: Stilleben, Landschaften, Stadtansichten. Und darunter befand sich das Bild einer besonderen Frau", berichtet Frau Schulz. "Der Hotelbesitzer sagte, das Bild heiße ,Mädchen mit Schleife im Haar" und er habe es in Luzern ersteigert. Jetzt hängt dieses Bildnis der Neuberin im Reichenbacher Neuberinmuseum." ufa